Der Lotus Europa SE auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim

Der Gran Turismo auf Elise-Basis jetzt mit 225 PS

Kleiner Appetithappen für die Zeit vor dem viersitzigen Evora oder vollwertiger Modellathlet? Der Lotus Europa SE soll jedenfalls die komfortabler angehauchte Alternative jenseits von Exige und Elise sein. Inwiefern der 225 PS starke Zweisitzer dem Ansinnen gerecht wird, zeigt ein Test.

Hat die Klientel tatsächlich sehnsüchtig darauf gewartet? Auf einen Lotus mit dem bekannt eng geschnittenen Aluminium-Rückgrat der Elise, einem festen, aber höher als beim Exige gezogenen Dach und dem damit verbundenen Ansinnen, den Komfortverfechter im Produktportfolio der britischen Marke zu mimen? Den Verkaufszahlen nach zu schließen nicht zwingend. Dabei ist der Europa doch ein grundsätzlich wohl geratener Kerl. Jungs – vom Pubertätsalter bis zum Rentnerdasein – zeigen sich jedenfalls äußerst angetan.
 
Der Basis einen drauf gelegt
 
Mädels werfen auch gern einen wohlwollenden Blick auf den Kleinen. Schließlich stimmen die Proportionen: Knackige, kurze Abmessungen, die überdies als sozialverträgliche Argumente herhalten können. Das optische Strickmuster des etwas asiatisch anmutenden Sportcoupés hat jedenfalls ein gewisses Verführungspotenzial. Um dies weiter zu stärken, wird dem Basis-Europa (200 PS, 44 625 Euro) ab sofort ein potenterer Bruder zur Seite gestellt. Der Europa SE – 49.385 Euro teuer – zeigt sich reichhaltiger ausgestattet, mit üppiger dimensionierten Rädern bestückt und mit einer Leistung von 225 PS entsprechend stärker motorisiert. An den identischen Eckdaten der Motorbasis der beiden Brüder ändert sich hingegen nichts.

Das Pfeifkonzert bitte noch mal hören
 
Seinen Ursprung hat der ekstatisch zwischen den Sitzen und der Hinterachse schnaufende Zweiliter-Vierzylinder im Opel Astra. Für den Einsatz im Europa SE wirbelt ein größerer Turbolader im System, was neben der Kräftigung des Vierventilers auch noch illustere Begleiterscheinungen akustischer Art zur Folge hat. Denn die reizvolle Geräuschkulisse, die von der Heckpartie in die Pilotenkanzel wabert, nimmt tatsächlich großen Einfluss auf die Fahrweise. Giftiges Zischeln, wildes Heulen reizt Gasfuß und Schalthand gleichermaßen. Das allgegenwärtige Abblasgeräusch des Wastegates animiert zum Schaltaktivismus: kurz nochmal runter, gleich wieder rauf – nur, um das Pfeifkonzert nochmals zum Besten zu geben.
 
Ansonsten fällt die Arbeit mit dem metallisch klackenden und locker geführten Schaltstock nicht sonderlich reizvoll aus. Tatsächlich notwendig ist sie sowieso nicht. Schließlich holt der mit einem maximalen Drehmoment von 300 Newtonmeter gesegnete Vierventiler per se reichlich Kohlen aus dem Drehzahlkeller. Schon ab 2.000 Touren stehen die Zeichen auf Sturm. Der Arbeitseifer trifft auf wenig Gegenwehr. Auf exakt 1.010 Kilogramm, wie dem Europa SE die Fahrzeugwaage in Hockenheim attestiert. Jetzt ist die Tonne also genommen. Dennoch zeigt sich das Leistungsgewicht rank genug, um manch anderes kostspielige Coupé nachhaltig zu bluffen: Maserati oder Aston Martin beispielsweise.

In 5,4 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h
 
Was die Elastizitätswerte betrifft, spielt der Europa SE in der Liga der ganz Großen. Und auch bei den Beschleunigungswerten hält er mit einem stattlichen GT locker mit. Zumal jener Europa SE wohl den ersten Lotus in der sport auto-Geschichte darstellt, der das Herstellerversprechen auch wirklich halten konnte. 5,4 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h sollen es sein – und sind es auch. Das britische Komfort-Coupé rennt und wieselt. Der deutsche Motor dreht und faucht. Angesichts der auch in diesem Umfeld vergleichsweise puristisch vorgetragenen Lebensart tritt der Komfortansatz flugs in den Hintergrund.
 
Zumindest im Innenraum bleiben die Bemühungen aber erkennbar. Zweifarbiges Leder an den Innenverkleidungen der Türen und den Sitzen, noch ein paar Lederflecken um die Luftaustrittsdüsen geklebt – gediegen sieht dennoch etwas anders aus. Schuster, bleib bei deinen Leisten. Ein synthetischer Langstrecken-Profi war ein Lotus noch nie. Dazu rappelt und klappert es bei kurzen Unebenheiten schon mal. Dämmung bedeutet eben auch Gewicht, und eine geschmeidige Fahrwerksabstimmung schließlich auch eine mäßigere Agilität. Vom Prügelknaben-Image will der Europa SE allerdings nichts wissen.

Den Europa SE gibt es ab 45.400 Euro
 
Am Ende sind es nur die vergleichsweise großen Räder, die über etwaige Kanaldeckel hölzern stolpern, optisch dafür einiges hermachen. Ansonsten wirken die Feder-Dämpfer-Raten stark verweichlicht. Fallen sogar derart soft aus, dass die Seitenneigung befremdlich starke Züge annimmt. Beim 18-Meter-Slalom beispielsweise windet sich der Hecktriebler beängstigend um die Längsachse. Wie auch bei der schnellen Runde auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim nimmt dies die erwartete Lotus-typische Präzision. Die objektiven Resultate allerdings überzeugen. Mit einer Rundenzeit von 1.16,7 Minuten bleibt der Europa SE immerhin nur eine Sekunde hinter dem Porsche Cayman S zurück.
 
Dabei wäre der Brite angesichts seiner technischen Anlagen zu noch besseren Leistungen durchaus im Stande. Aber er steht sich teilweise selbst im Weg. Zum Beispiel mit der altehrwürdige Goodyear Egale F1-Bereifung, die dem Coupé ein gutes Stück Agilität und Direktheit raubt. In Verbindung mit der ausgeprägten Wankneigung schiebt der SE am Limit stur über die Vorderachse. Die erzwingbaren Lastwechsel bringen keine messbare Verbesserung. Zudem haben die Reifen ihren Zenit bereits nach einer einzigen schnellen Runde überschritten. Es fehlen also nur ein paar Feinheiten, um den SE auf die mögliche Klientel zuzuschneidern. Auf Kunden, die die Agilität eines Exige suchen und im Europa etwas mehr Raum sowie den kräftigeren Motor finden. 

Kommentare
Bild vergrößern
Jochen  Übler

Autor:

SPORT AUTO, Heft 11 / 2008

Anzeige
Thema
Hockenheimring: Weitere Artikel zu diesem Thema
Autos High Performance Days: Diese exklusive Sportwagen zeigen wir

Exotische Sportwagen und Rennautos werden bei den High Performance Days ausgestellt. Wir zeigen einige Traumwagen von 2012.

Supersportwagenausstellung, 2011
Ford Mustang Boss 302 im Test: US-Schnäppchen schlägt Porsche & Co.

Das US-Muslecar bremst im Test besser als der Porsche 911 GT3 RS 4.0 und ist in Hockenheim schneller als der BMW M3.

Ford Mustang Boss 302 Laguna Seca
Großes Spezial
24h Rennen Nürburgring 2011

In unserem großen Spezial berichten wir live vom 24-Stunden-Rennen in der Eifel. Alle Platzierungen, Ergebnisse, Interviews und viele Bilder und Videos.

24h-Rennen Nürburgring
Top Artikel
Lotus Exige Cup 260: Modellwechsel mit Diät

Die Motorsportabteilung von Lotus präsentiert das gewichtsoptimierte 2009er Modell des Exige Cup 260. Eine straßentaugliche Rennversion des Serienmodells mit einem Leistungsgewicht von 3,4 Kilogramm pro PS.


Lotus: Ein neuer Sportler namens Eagle

Besucher der London Motor Show Mitte Juli dürfen sich freuen: Dort bekommt das Publikum einen neuen 2+2-Sitzer von Lotus gezeigt, der unter dem Projektname "Eagle" präsentiert wird.


Alle Fahrzeuge
Rundenzeiten Supertests

Alle Fahrzeuge die im Supertest auf dem Nürburgring und dem Hockenheimring getestet werden finden Sie sortiert in unserer Tabelle.

Rundenzeiten Supertests
Auto Motor und Sport
Suchen: So finden Sie das beste Gebrauchtwagen-Angebot

Hier erfahren Sie worauf Sie bei der Suche nach einem neuen Gebrauchtwagen achten müssen und wir geben wertvolle Tipps für die Suche.

So finden Sie das beste Gebrauchtwagen-Angebot
4WheelFun
Mercedes GLK 220 CDI 2012 : Fahrbericht mit dem neuen GLK

Drei Jahre nach seinem Debüt bekommt der Mercedes GLK eine Modellpflege. Wir waren auf Probefahrt.

Fahrbericht mit dem neuen GLK
Motor Klassik
Citroën 2 CV Retro-Tuning: Heißgemachte Ente

2 CV - Ente. Entweder man mag sie oder man hasst sie. Björn Faasen mag sie und hängt ihr sogar am Rockzipfel – äh Bürzel.

Heißgemachte Ente
Alle Autos von A-Z
  • Loading...
  • Loading...