KTM X-Bow vom Tuner MTM

Einzeltest Oben ohne mit 318 PS im Rücken

MTM-KTM X-Bow

So wenig Auto wie nötig, so viel Fahrspaß wie möglich bietet der modifizierte KTM X-Bow vom Tuner MTM. Fahrdynamisch spielt der 859 Kilogramm leichte Purist mit seinen 318 PS in der Topliga der Supersportler mit.

Ohne Tarnen und Täuschen auf der Pirsch nach großkotzigem Freiwild. Denn der KTM X-Bow vom Tuner MTM hat fahrdynamisch nichts zu fürchten - dank viel Feinarbeit am Fahrwerk und 318 wütenden PS. Eigentlich ist er schon serienmäßig genug des Guten. Beziehungsweise des Bösen, wenn man die aggressive Optik sowie die radikale technische Ausrichtung in Betracht zieht. Frisch aus der Kohlefaser-Bäckerei geschlüpft mangelt es einem KTM X-Bow jedenfalls weder an extrovertierter Ausstrahlung noch an fahrdynamischem Schneid.

Das Zweirad unter den Vierradlern
 
Wenn es an etwas fehlt, dann höchstens an der Vielschichtigkeit möglicher Einsatzzwecke. Allein seine obszöne Nacktheit und der blanke Purismus reduzieren ihn zum Zweirad unter den Vierradlern. Eine Tatsache, die Roland Mayer zu einem nachdenklichen Zug am Zigarillo treibt. "So eine Scheibe zu entwickeln, das wär scho a richtig gute Gschicht", philosophiert der MTM-Chef. Zukunftsmusik. Bislang bläst der Fahrtwind im MTM-KTM noch ungeniert voll auf die Zwölf. Also bitte nicht lachen, sonst torpediert die nächste Fliege mit Garantie das Zäpfchen. Ein Helm ist unabdingbar, schützt sinnvoll, auch vor Gaffern.
 
Andererseits erweitert die schützende Kopfbedeckung auch den Freundeskreis. Es grüßt die Zweiradfraktion - beileibe nicht aus Mitleid, wohl mehr aus genetischer Verbundenheit und sicherlich mit einem gehörigen Maß an Respekt. Weil angesichts der technischen Beschaffenheit eines X-Bow auf Rädern klar ist, dass die fahrende Abwandlung des Tellschen Geschützes ein ernst zu nehmendes Gerät verkörpert. Schon im Serientrimm feuert die Armbrust aus dem Alpenland einen spitzen und exakt platzierten Giftpfeil mitten hinein in die Phalanx der Fahrdynamikkünstler und Beschleunigungsfanatiker.
 
Bereits die Serienversion leistet beachtliches
 
In 4,8 Sekunden wetzt die steirische Rennsemmel auf Tempo 100 (siehe Ausgabe 10/2008). 200 km/h dauern dann verhältnismäßig bedächtige 22,3 Sekunden - zu zerklüftet steht die wild geschnitzte Form im Wind. Das Umrunden des Kleinen Kurses geht dann jedoch in Windeseile, sprich in einer Zeit von 1.11,8 Minuten, vonstatten. Doppelte Dreieckslenker, Mittelmotor, und die Verfechtung der Erkenntnis, dass weniger oft mehr ist, resultiert im Folgenden: Die Ecke ist das Ziel, die Kurve der bevorzugte Weg, die Gerade ein lästiges Übel. Und exakt diese Formel erweitert das MTM-Derivat um ein hohen Koeffizienten. Als leide der Hecktriebler an einem Hüftschaden, kauert er um Haaresbreite über der Straße. Die gespreizte Haltung der vier frei stehenden Räder ist das Resultat von Sturzwerten jenseits der 2,5 Grad. Die frei liegenden Pushrods münden in kürzere und härtere Fahrwerksfedern.
 
Das andere Ende der Fahrwerksmodifikationen bilden gripfreudige Semislicks von Toyo. Alles zusammen wird auf der Radlastwaage bestmöglich austariert und mit einem gehörigen Plus an Schub gesegnet. 318 PS und ein maximales Drehmoment von 420 Newtonmeter brodeln nun im zerklüfteten Heck. Dessen freizügiges Antlitz hebt sich von dem der Serie erst auf den dritten Kennerblick ab - bedingt durch einen bereits im Leerlauf aussagekräftigeren, glänzenden Endschalldämpfer aus Edelstahl und das eine Etage nach unten versetzte Kennzeichen.
 
Ab 50 km/h hat der Auspuff wenig zu melden
 
Bis rund 50 km/h ist der neue, blubbernde und kräftige Grundton des in seiner Peripherie abgeänderten 2.0 TFSI-Motors auch unter dem Fahrerhelm noch wohlig präsent. Dann aber muss sich die Auslassseite der tonalen Übermacht des modifizierten Einlasssystems beugen und entschwindet schließlich zur Gänze aus der Wahrnehmung. Ein garstiges, giftiges und in seiner Vehemenz einschüchterndes Zischen hält Einzug. Der gierige Ansaugschlund just zwischen den Köpfen der Besatzung droht alles in sich hineinzuschlürfen, was nicht mit den Vierpunktgurten festgezurrt ist. Zumindest bis der maximale Ladedruck die volle Sättigung erreicht. Erst jenseits der 1,45 bar wird Überflüssiges beim Gangwechsel unter einem wüsten Zwitschern wieder ausgespuckt.
 
Noch keine 3.000 Touren notiert das digitale Logbuch: Die akustische Orgie nähert sich dem Höhepunkt. Neben dem neu konstruierten Abgaskrümmer wetzt der größere Turbolader die Schaufeln und läuft zu Höchstform auf. Vehement erfahren 861 Kilogramm einen gehörigen Tritt in den Allerwertesten. Bis über 6.000/min dauert die Show. Dann hat der MTM-KTM bezüglich seiner Elastizitätswerte nahezu alle Supersport-Ligisten ins Abseits gestellt. Auch beim Sprint aus dem Stand dribbelt der Kleine, jedenfalls ansatzweise, um die ganz Großen herum.
 
Traktionsprobleme gehören nicht zu seinem Repertoire
 
Wovon die 3,9 Sekunden auf Tempo 100 zeugen. Bei der Bremstraktion wird‘s dann schon heikler. Ohne ABS, jedoch mit kalten Reifen ist ein optimales Bremsresultat nur bedingt möglich. Ganz im Gegensatz zur Verzögerung mit warmen Komponenten, die mit 11,9 m/s² geradezu bestialisch ausfällt. Dies gilt ebenso für die Werte in den fahrdynamischen Instanzen. Auf dem Kleinen Kurs und beim 18-Meter-Slalom stanzt der durchtrainierte X-Bow Zahlenwerte ins Parkett, dass wahrlich Freudentränen kullern. Jedoch nicht, ohne einen gewissen Anlauf. Denn weder die 72,9 km/h für die Turnübung um die Pylonen, noch die fabulösen 1.09,3 Minuten beim Tanz um den Kurs sind mal eben aus der Hüfte zu schießen.
 
Es bedarf schon eines guten zeitlichen Maßes an Vertrauensbildung, um das Limit auszuloten. Zumal die Toyo-Reifen in Kombination mit dem niedrigen Fahrzeuggewicht bei Asphalttemperaturen um 14 Grad Celsius nicht die besten Arbeitsbedingungen vorfanden. Dennoch: Mit der Dauer der Grenzbereichsbeziehung wächst die Erkenntnis, dass der verfeinerte X-Bow nicht nur phänomenal einlenkt, sondern auch zutraulich bleibt - so lange er mit ausreichend Last beschickt wird. Erst spät drängt dann das Heck nach außen, allzeit berechen- und beherrschbar. Nur wehe denjenigen, die entweder angesichts der extrem späten Bremspunkte oder aufgrund der immens hohen Kurvengeschwindigkeiten letztlich doch der Mut verlässt, sodass der Gasfuß zuckt. Mit denen spielt der KTM dann Kirmes: Eine Pirouette links oder rechts herum - schwungvoller jedenfalls, als dies bei der Serie der Fall ist. Wodurch der Eindruck entsteht, dass auf höherem Niveau Gut und Böse tatsächlich enger aneinanderrücken.

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Jochen  Übler

Autor:

SPORT AUTO, Heft 7 / 2009

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