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Radical SR3 SL im Exoten-Test: Radical-Tour im Straßen-Renner

Der Radical SR3 SL wirkt in der Stadt so vertraut wie ein Raumschiff auf einem Regionalflughafen. Wir ließen uns auf der öffentlichen Straße ohne Helm Insekten ins Gesicht klatschen und sind später im Test mit Kopfschutz über die Rennstrecke gejagt.

Die Augenbrauen? Weggerissen. Das Gesicht? Sieht aus wie Hackfleisch. Die Haare? In alle Richtung stehend, wie nach einem Stromschlag. Wie viele Fliegen? Gefühlte dreißig auf die Stirn geklatscht, eine verschluckt. Helm? Einmal oben ohne fahren musste sein, nur dann gehen Beschleunigung und Querkräfte sofort richtig ins Blut.

Stenogramm der ersten Test-Meter im Radical SR3 SL auf öffentlichen Straßen in Deutschland. Wer meint, wir würden leiden, der irrt. Heute ist es genau 34 Grad wärmer als beim ersten Rendez-Vous mit dem britischen Kleinstserienfahrzeug im Gewand eines LMP-Prototypen im Maßstab 1:2. Die Erstausfahrt mit dem Radical SR3 SL im britischen Peterborough glich mit Semislicks bei Schneeregen eher Schlittschuhlaufen. 

Fußgängerzone Hockenheim: Hat der Orkan im offenen Cockpit Pause, fragen Neugierige den Fahrer wie bei einer Pressekonferenz aus. „In der Kölner Innenstadt rennen die Menschen teilweise an der Ampel auf die Straße und fragen, was das für ein Auto ist“, erzählt Patrick Mothes. Mit seinem Motorsportteam Mothes GP bietet er Renntaxifahrten und Fahrerlehrgänge im Radical an. Zudem ist der Kölner der erste Besitzer eines in Deutschland straßenzugelassenen Radical SR3 SL.

Britischer Exot mit Ford-Power

Für all diejenigen, die die englische Exotenmarke nicht kennen, hier ein Kurzüberblick: Gegründet 1997, 150 Mitarbeiter, Rekordjahr 2011 mit 220 verkauften Fahrzeugen, bekannt geworden durch ultraleichte Rennprototypen mit Hayabusa-Motorradmotoren. Auch wenn der 765 Kilo schwere Radical SR3 SL der Rennversion SR3 RS ähnlich sieht, verbirgt sich hinter der Glasfaserkarosserie ein anderes Konzept. Im Heck schreit kein Motorrad-Vierzylinder mehr, sondern es summt und sirrt ein 243 PS starker Ford Ecoboost-Vierzylinder mit Euro-5-Abgasnorm. Um die Kraftübertragung kümmern sich ein sequenzielles Sechsganggetriebe sowie eine Differenzialsperre von Quaife.

Genug Zeit in der Stadt verbummelt, aufsatteln und ins kniehohe Cockpit springen. Hauptschalter umlegen, Zündschüssel drehen, Startknopf drücken - wieder rein in die Welt der freien Radikale. Airbag, ESP? Da regt ja schon die Frage auf. In England würden sie einen Tag lang nicht mehr mit dir sprechen. Anfahren gelingt stadtverträglich ohne Ruckeln, danach hat die Kupplung bis zum nächsten Anfahrvorgang Feierabend. Klack, klack, klack - geschaltet wird mit Lenkradwippen sequenziell ohne Kupplung. Gangwechsel in 80 Millisekunden mit Formel 3-Klangkulisse. Hinter dem rechten Ohr schnorchelt der Vierzylinder gierig durch eine Formel 1-ähnliche Lufthutze, als wolle er einem den Kopf mit wegsaugen. Ortsschild Hockenheim, verschnürt mit Sechspunktgurten geht‘s auf die Landstraße. 

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Radical SR3 SL in 3,5 Sekunden auf Tempo 100

Von null auf 100 km/h peitscht das Radical SR3 SL-Leichtgewicht in 3,5 Sekunden. Genauso schnell sprintet der 620 PS starke Porsche 911 GT2 RS über die 100er-Marke - der Radical allerdings ungefiltert ohne Launch Control. Ebenso brachial die Bremse: Der Rohrrahmen-Renner steht im Test aus 100 km/h nach 33,8 Metern. Ein Porsche 911 GT3 RS 4.0 mit Keramikbremse ist lediglich 20 cm früher auf Null. Der Radical wirft den Anker ohne Bremskraftunterstützung und ABS aus.
 
Den Blick ohne Windschutzscheibe über zwei ausgestellte Radhäuser gerichtet, auf Stoßstangenhöhe der Otto-Normal-Verkehrsteilnehmer dahinrauschend, schaltet sich zwischen all den Endorphinen kurz das Gehirn mit folgender Frage wieder ein: „Und das hat alles offiziell eine deutsche Straßenzulassung?“ „Ja, Radical hat den Wagen mit COC geliefert. In Köln bei der Zulassungsstelle sind denen aber die Augen rausgefallen, als sie den Radical SR3 SL gesehen haben“, sagt Mothes GP-Chef Patrick. Das Auto war beim Kraftfahrtbundesamt nicht gelistet. „Der Wagen war unbekannt. Wir mussten dann zum TÜV gegenüber der Zulassungsstelle und den Wagen vorführen. Anschließend konnten wir ihn zulassen“, erinnert sich Mothes, der bisher zweimal mit dem Radical SR3 SL problemlos eine Polizeikontrolle überstanden hat.

Zulassung in Deutschland möglich

Die Zeiten, als Exotenhersteller mit den kuriosesten Vehikeln nach der Zulassung in England einfach auf eine EU-weite Zulassung pochen konnten, sind in Deutschland lange vorbei. Nachdem Radical vor Jahren schon einmal erfolglos versucht hatte, eine Straßenzulassung für Deutschland zu erwerben, hat sich das Blatt beim SR3 SL gewendet. „Der Wagen ist komplett sauber. Radical hat eine EG-Betriebserlaubnis erworben. Damit kann er in Deutschland problemlos zugelassen werden. Das Fahrzeug bewegt sich in einer ähnlichen Zulassungsklasse wie der KTM X-Bow. Im Vergleich zu Großserienautos sind hier die Anforderungen im Bereich von Fußgänger- und Insassenschutz sowie beim Thema Radabdeckungen lockerer“, erklärt Zulassungsexperte Frank Fricke von der Dekra.
 
Nicht nur beim Thema Straßenzulassung musste das Team von Mothes GP Pionierarbeit leisten. Technisch glich der Radical SR3 SL bei Auslieferung teilweise noch einem Überraschungsei. Einmal ist der Heckflügel gebrochen. Mothes GP empfahl dem Mutterwerk daraufhin zwei Mittelstege nachzurüsten. Außerdem mussten Kühler und Getriebe abgedichtet werden. „Wir haben die Technik etwas deutscher gemacht“, sagt Patrick Mothes schmunzelnd. Damit die Auslieferungsqualität der Autos besser wird, checkt mit dem rennerfahrenen Karl-Heinz Teichmann ein neuer deutscher Importeur die Fahrzeuge hierzulande vor Auslieferung ab sofort durch. Mothes GP hat neben dem etwas zu groß geratenen Serienlenkrad auch ein mit Momo entwickeltes Sportlenkrad für die Rennstrecke im Programm.

Podiumsplatz für Hockenheim-Rundenzeit

Von der Fußgängerzone raus zum Test auf den kleinen Kurs von Hockenheim. Agilität hebt der Radical SR3 SL in neue Dimensionen: lenken per Gedankenübertragung. Bremsen wie im Formel-Fahrzeug - ohne ABS, aber mit Verzögerungswerten von 13,80 m/s². Schärfer geht kaum. die Querdynamik-Formel ergänzt hier noch die Konstante Downforce. Dank Abtrieb rennt der Radical SR3 SL mit 192 km/h durch den links-Knick der Querspange. Zum Vergleich: Gumpert Apollo 185 km/h, Porsche 911 GT2 RS 180 km/h, Lamborghini Aventador 172 km/h. Der Radical SR3 SL kletterte mit 1.08,1 Minuten beim sport auto-Test als drittschnellstes Fahrzeug aller Test-Rundenzeiten aufs Podium in Hockenheim. Mit nur 243 PS so unglaublich, als ob ein Trabi ein Dragsterrennen gewonnen hätte. Allerdings hat sich der Concept M EXP/1 auf Mosler Basis mit einer Rekord-Rundenzeit inzwischen an die Spitze der Bestenliste gesetzt.

Top-Ten sport auto-Rundenzeit Hockenheimring
Fahrzeug Test Rundenzeit Hockenheimring
Concept M EXP/1 auf Basis Mosler 12/2012 1.03,7 min
Donkervoort D8 RS 06 10/2006 1.04,8 min
Gumpert Apollo 11/2009 1.07,2 min
Radical SR3 SL 12/2012 1.08,1 min
Corvette ZR1 05/2012 1.08,3 min
Manthey-Porsche M600 12/2008 1.08,4 min
Porsche 911 GT2 RS 11/2010 1.08,4 min
Porsche Carrera GT 01/2004 1.08,6 min
Lamborghini Aventador LP 700-4 01/2012 1.08,6 min
McLaren MP4-12C 11/2011 1.08,7 min
Corvette Z06 05/2012 1.08,7 min
Christian Gebhardt

Foto

Rossen Gargolov

Datum

1. Januar 2013
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 10/2012.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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