Renault Twingo Gordini R.S.: Streifen-Wagen im Test

Renault Twingo Gordini R.S.

Der Renault Twingo Gordini R.S. tritt mit seinen weißen Rennstreifen und blauer Lackierung ein schweres Erbe an. Ob er in die großen Fußstapfen der legendären Renault-Sportmodelle treten kann, verrät der Test.

Die Beatles stürmten mit ihrer ersten Welttournee an die Spitze der Musikwelt, der 1. FC Köln wurde deutscher Meister, und der Begriff "Frisieren" war 1964 nicht nur ein Synonym für die Veränderung der Haarpracht.

Rennsemmel ist zurück

Die Kunst Motoren zu frisieren brachte dem Rennsport-Ingenieur Amédée Gordini den Spitznamen "Hexenmeister" ein und Renault Ende der fünfziger Jahre flotte Sportmodelle. Bis heute legendär: Der 1964 vorgestellte R 8 Gordini. Noch spannender als die weißen Rennstreifen und die marineblaue Lackierung "Bleu France" waren die technischen Modifikationen. Die Leistung des 1,1-Liter-Motörchens verdoppelte sich nahezu von 45 auf 86 PS, später mit Hubraumerweiterung gar auf 88 PS.

Die Rennsemmel ist zurück, dachte sich so mancher voller Vorfreude, als Renault im November 2009 verkündete "das traditionsreiche Label" zunächst mit dem Renault Twingo Gordini R.S., später mit Gordini-Ablegern von Clio und Mégane wiederzubeleben.

Die Renault Twingo Gordini Träume zerplatzen

Der Erstkontakt mit dem Renault Twingo Gordini R.S. lässt zunächst in Erinnerungen schwelgen. Blaue Lackierung, weiße Rennstreifen - fast scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Das Gordini-Kleid des neuen Sportskerls ähnelt seinen historischen Verwandten. Und wie sieht es mit den inneren Werten des Renault Twingo Gordini R.S. aus? Wenn Motorenpabst Gordini dem R 8 einst doppelte Leistung einhauchte, dann packen die High-Tech-Ingenieure von heute bestimmt noch einige Pferde drauf. Ringfans träumten da schon von Twingo-Wölfen im Schafspelz die bei den Touristenrunden auf der Nordschleife genüsslich BMW & Co. verspeisen. Aus 133 PS im Serien-Twingo R.S. sind im neuen Gorde bestimmt über 200 PS geworden. Her mit dem heißesten Twingo aller Zeiten und schnell rauf auf die Piste.

Klack, die Motorhaubenentriegelung des Renault Twingo Gordini R.S. lässt mit einem nüchternen Knacken alle kühnen Träume der Kurvengierigen jäh platzen. Der Vierzylinder-Reihenmotor mit 1,6 Liter Hubraum und 133 PS stammt unverändert aus der Basisvariante des Twingo Renault Sport. Amédée Gordini hätte wahrscheinlich verärgert den Kopf geschüttelt - ein Gordini ohne Leistungssteigerung im Vergleich zum Basismodell ist einfach kein waschechter Gordini.

In 8,7 Sekunden von Null auf 100 km/h

Richtige Gordini-Fans tröstet da auch nicht die Tatsache, dass der Renault Twingo Gordini R.S. die Werksangabe von 8,7 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h um ein Zehntel unterbietet. Im unteren Drehzahlbereich wirkt der Sauger dabei etwas schwach auf der Brust, erst ab 3.500/min marschiert der Reihenvierzylinder los. Einen Längsdynamikrekord heimst er mit 24,8 Sekunden auf Tempo 160 aber trotzdem nicht ein.

Eine weitere Chance endlich zu brillieren, bekommt der Renault Twingo Gordini R.S., als er aus der Box auf den Kleinen Kurs in Hockenheim schnuppert. Mit einer Rundenzeit von 1.22,5 Minuten hat der Serien-RS die Messlatte allerdings schon hoch gelegt . Der Renault Twingo Gordini R.S. lässt sich nicht beeindrucken und rennt quietschfidel über die Ideallinie. Zackiges und direktes Einlenkverhalten macht‘s möglich.

Gordini Twingo RS langsamer als Serien-RS

Dabei zeigt das Sondermodell Renault Twingo Gordini R.S. anders als der äußerst neutral agierende Serien-RS leichte Tendenzen zum Untersteuern. Über gezielte Lastwechsel und dank abschaltbarem ESP (nach gefühlten 30 Minuten Suchen des ESP-Schalters in den Untiefen des Fußraumes) lässt sich aber auch hier das Heck gewollt zum Mitlenken bewegen. Die Bremse des Renault Twingo Gordini R.S. bleibt auch nach mehreren Rennstreckenrunden mit nicht nachlassendem Druckpunkt standfest.

Trotz des agilen Hockenheim-Auftritts ist der Renault Twingo Gordini R.S. im Vergleich zum bereits getesteten Renault Twingo R.S. beim Blick auf die Rundenzeit von 1.24,0 Minuten deutlich langsamer. Kein Wunder: Der letzte Testkandidat trat mit 14 Millimeter tieferem Cup-Fahrwerk sowie mit strafferen Dämpfern und steiferen Federn zum Test an. Unverständlicherweise rollt die Gordini-Version auch nicht gegen Aufpreis mit dieser perfekt abgestimmten Fahrwerksversion vom Band. So erklären sich auch die mit 66 km/h um 3,4 km/h langsameren Slalomwerte. Während das Cup-Fahrwerk jegliches Aufschaukeln unterbunden hat, lässt das nur zehn Millimeter niedrigere Serien-Sportfahrwerk im Renault Twingo Gordini R.S. deutlich mehr Karosseriebewegungen zu.

Renault Twingo RS ist die bessere Wahl

Verzweifelt suchen die Testeraugen in der Preisliste nach Kaufargumenten aus Sportfahrersicht für den Renault Twingo Gordini R.S. Mit 16.990 Euro ist das Sondermodell genau 1.400 Euro teurer als der Serien-RS mit aufpreispflichtigem Cup-Fahrwerk (plus 600 Euro). Nur wem das Aussehen wichtig und der Charakter egal ist, wird mit Optik-Details wie der Metallic-Lackierung, den Sportsitzen mit schwarz-blauem Leder oder dem Lederlenkrad samt Nullmarkierung im Rallye-Stil zufrieden sein. Fahrdynamikfreunden reicht das nicht.

Das Schlusswort zum neuen Renault Twingo Gordini R.S. möchte man am liebsten dem 1979 verstorbenen Konstrukteursgenie Amédée Gordini überlassen. "Nehmt den Serien-RS mit Cup-Fahrwerk", würde der Hexenmeister bestimmt flüstern.

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