Lamborghini Gallardo LP 560-4 Spyder: Roadster-Variante des Supersportlers im Test

Lamborghini Gallardo LP 560-4 Spyder

Über Sinn und Unsinn eines 560 PS starken, lichtgrünen, keilförmigen Sportwagens ohne festes Dach lässt sich trefflich streiten. Über die Faszination des Lamborghini Gallardo LP 560-4 Spyder nicht: Er weckt das Tier ihn dir.

Tu’s nicht. Steig nicht ein. Sonst lässt es dich nicht mehr los. Vielmehr: Er lässt dich nicht mehr los. Wer dem just geborenen jüngsten Stier aus der Gallardo-Zucht zu nahe kommt, den packt er. Unbarmherzig und grob. Reiz ihn, und du bist verloren. Alles um dich herum verschwindet im Schatten der Bedeutungslosigkeit. Schlagartig und bedingt einzig und allein durch einen schlichten Dreh - den Dreh am Zündschlüssel.

Die ersten zehn Zündfunken des Tages machen dich und deine bis dato möglicherweise noch wohlig in den Kissen kuschelnden Nachbarn zum Opfer. Auf Eruption folgt Emotion. Laut brüllend, bar jeder geschlossenen Auspuffklappe beginnt der Lamborghini Gallardo Spyder sein lautstarkes Tageswerk. Erst wenn der auf 560 Pferdestärken aus 5,2 Liter Hubraum zugreifende V10-Mittelmotor seine Mindest-Betriebstemperatur erreicht hat, herrscht wieder Ruhe - im Keil und in der Nachbarschaft. Das ist nach round about 30 Sekunden der Fall.

Der Lamborghini Gallardo LP 560-4 Spyder gibt sich selbstbewußt und extrovertiert

Anschließend kann Piloten, die sich für den gerade einmal 1,18 Meter hohen Rassesportler auch deshalb entschieden haben, weil ihnen an der bedingungslosen Aufmerksamkeit ihrer Umwelt gelegen ist, nurmehr der Griff zur Corsa-Taste helfen. Sie reißt die Klappen, die jenseits 4.000 Kurbelwellenrotationen automatisch öffnen, bereits ab Standgas auf. Weghören kann bei der dann erschallenden Zehnzylinder-Fanfare niemand mehr. Wegschauen fällt in Anbetracht des selbstbewusst-extrovertierten Auftritts des Italo-Cabrios ohnehin schwer.

Mit jeder Faser, jeder Linie seiner aus Aluminium und thermoplastischen Anbauteilen gefertigten Karosserie scheint der 4,35- Meter-Athlet nach Beifall zu heischen: "Seht her, hier bin ich, an mir führt kein Blick und kein Weg vorbei." Und dem ist tatsächlich so. Gallardo Spyder-Eigner sollten in der Tat über eine gesunde Persönlichkeitsstruktur verfügen, wenn sie nicht beständig mit rotem Kopf oder - alternativ - mit stolz geschwellter Brust herumlaufen wollen. Wer sich mit einem derart rassigen Italiener einlässt und sich dann noch ohne schützende Kopfbedeckung auf die Straße wagt, muss nun mal damit leben, dass diese zum Laufsteg mutiert. Basta.,

Unsicherheiten im Grenzbereich sind beim Lamborghini kein Thema mehr

Was freilich keineswegs heißen soll, dass der keilförmige Allradler lediglich zum Show-Star taugt - im Gegenteil. Tatsächlich haben sich die Lamborghini-Ingenieure die im Supertest in Ausgabe 11/2008 geäußerte Kritik an ihrer Arbeit scheinbar ernsthaft zu Herzen genommen und beim Spyder gründlich nachgebessert. Die ehedem beim Lamborghini LP 560-4 Coupé (zum Supertest) bemängelte Unsicherheit im Grenzbereich ist beim Roadster jedenfalls ebenso wenig ein Thema wie die mäßige Linientreue bei Bremsmanövern aus hohen Geschwindigkeiten, die beim Supertest-Coupé zuweilen für Schrecksekunden sorgte. Schweißnasse Hände gab es im Pirelli P Zero-Corsa-bereiften Spyder zu keiner Zeit, was darauf hindeuten könnte, dass an den für den Fauxpas Ende vergangenen Jahres verantwortlich gemachten elastokinematischen Elementen der Radaufhängungen inzwischen gearbeitet worden ist.

In der aktuellen Spezifikation schrecken den tief über den Asphalt huschenden Zweisitzer jedenfalls weder die mittels Wippen am Lenkrad vorgetragenen Schaltvorgänge des automatisierten e.gear-Getriebes noch harte Bremsmanöver. Das wuchtige Heck des Allradlers bleibt nun verlässlicher in der Spur, was auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim umgehend Wirkung zeigt: Trotz seines um 100 Kilogramm gestiegenen Gewichts nimmt der offene dem geschlossenen Gallardo auf 2,6 Kilometer zwei Zehntelsekunden ab. 1.11,1 Minuten im Spyder stehen 1.11,3 Minuten beim Coupé gegenüber. Damit ist der 1,7-Tonnen-Lambo kaum langsamer als sein gewichtsoptimierter Vorgänger Lamborghini Gallardo Superleggera (1.10,9 min) im Supertest anno 2007.

Verzögerungs- und Fahrwerte des Gallardo ließen sich weiter verbessern

Auch das Zusammenspiel von aufpreispflichtiger Karbon-Keramik-Bremse, Sportreifen und ABS klappt nun besser. In der Folge liegen die mit dem Spyder realisierten Verzögerungswerte mit 11,3 m/s² (kalt) bis 11,8 m/s² (warm) durchweg höher als beim Coupé. Dass der Spritverbrauch des Open-Air- Jüngers mit mittleren 22,4 Litern auf 100 Kilometer minimal niedriger ausfällt als beim geschlossenen Bruder (23,1 L/100 km), sollte hingegen nicht überbewertet werden.

Ohne Dach über dem Kopf ist man nun mal gemächlicher unterwegs. Und geschlossen fahren werden groß gewachsene Fahrer ihren Spyder wohl nicht allzu oft. Dem stehen der sehr niedrige, bedrohlich Richtung Fahrerkopf zielende Scheibenrahmen und die in der Folge stark eingeschränkte Kopffreiheit entgegen. So gesehen empfiehlt sich der Schreihals aus St. Agata Bolognese überraschenderweise als echtes Damen-Auto: Zierliche Frauen finden im knappen Cockpit viel besser Platz.

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