Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse im Fahrbericht

Highspeed-Tour in die Todeszone

Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse, Frontansicht

1.200 Pferdestärken und kein Haar wird gekrümmt. Wer bei Tempo 350 jedoch versucht, die Kappe zurechtzurücken, riskiert einen ausgekugelten Arm. Protokoll einer Ausfahrt mit dem stärksten Roadster der Welt, dem Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse.

Die verdammte Anzeigeskala des Instruments links vom Drehzahlmesser ist eine einzige Herausforderung. Wie viel kann ich abrufen? Auf welche PS-Zahl bringe ich es? Knacke ich die 1.000er-Marke oder bleibe ich im Hasenfuß-Bereich bis 700 PS stecken?

Je nervöser der Gasfuß, desto schwieriger wird es, die Nadel der Leistungsanzeige in die zweite Skalenhälfte zu treiben. Denn mit jedem erschrockenen Zurückzucken macht das von den vier Turboladern angeblasene Wastegate-Ventil ein Theater, dass es der Besatzung in den Ohren klingelt: „Versager, Memme, Angsthase“ zischt es von hinten. Akustisch untermalt wird der Sound des Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse von dutzenden Zimbeln und Schlagzeug-Becken, die im Takt der sich plötzlich schließenden Drosselklappe mit schneidiger, metallischer Akustik von wahrhaft dramatischen Begebenheiten künden.

Akustik-Monster mit 16 Zylindern

Im Kontrast zum tiefen, sonoren Wummern des bei moderaten 5.600 Touren in seinem Leistungszenit drehenden Achtliter-16-Zylinders wirkt dieses einschüchternde Akustik-Gehabe wie ein hoch drehender Assoziations-Motor: Bilder von Urgewalten, Szenen mit riesigen, schnaubenden Monstern und alles in sich aufsaugenden Ungeheuern erscheinen vor dem inneren Auge selbst geerdeter Mannsbilder.

Also: Gasfuß ruhig und die Sinne schön beisammen halten. Der Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse kann auch lieb und zugänglich sein, wenn man es schafft, das Anzeigeinstrument für die aktuell abgerufenen PS auszublenden und sich darauf beschränkt, es beim unteren Teillastbereich des Motors - sagen wir bis 400 PS - bewenden zu lassen. Das ist im öffentlichen Straßenverkehr bekanntlich mehr als genug.

Turbulenz-freier Raum im Bugatti Veyron

Trotz der himmelhohen Kopffreiheit, die der Vitesse nach dem händischen Tausch des Kohlefaserdaches gegen einen besonderen Windabweiser am oberen Scheibenrahmen bietet, tendiert der Haar-Krümmungsgrad im Cockpit gegen null. Auch die Sonnenschutz-Kappe bleibt wegen des Turbulenz-freien Raumes am Kopf wie angetackert - selbst bei Vollgas, wir haben es auf einem spanischen Highspeed-Oval mit einem zweiten zur Verfügung stehenden Vitesse ausprobiert.

Aber was heißt hier Vollgas? Bei Tacho 330 ist man vom Vmax-Zenit des 1.200 PS starken und knapp zwei Tonnen schweren Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse ein gutes Stück weit entfernt. Bis zum absoluten Speed-Gipfel für Offen-Fahrten sind es noch 45 km/h, die sich sicher im Nu erschließen ließen, wenn die Zwei-Kilometer-Gerade auf der Highspeed-Strecke dies denn hergeben würde.

Todeszone ab 375 km/h

Mit montiertem Dach ist tempomäßig sogar noch mehr Luft nach oben: Erst bei 410 km/h ist dem Vortrieb ein Ende gesetzt. Diese „Todeszone“ über 375 km/h kann - wie in allen Veyron-Modellen üblich - nur mit einem Extra-Schlüssel freigeschaltet werden. Diesseits abgeschlossener Hochgeschwindigkeitsbahnen wie Ehra-Lessien oder Nardo lässt man den am besten in der Hosentasche. Es ist auch gar nicht nötig in den Vmax-Bereich vorzudringen, um erschaudernd feststellen zu müssen, wie sich (Leistungs-)Angebot und Nachfrage fortwährend hochschaukeln. Der Bugatti Veyron 16.4 Grand Sport Vitesse ist technisch so entgegenkommend, dass man fortwährend geneigt ist, sich gierig seiner schier unbändigen Leistungsund Drehmoment-Offerte zu bedienen.

Im 7. Gang  wird der Fahrer zum Astronauten

Der erste Gang bis 104 km/h - geschenkt. Der zweite Gang bis 148 km/h - kein Problem. Der Dritte bis 197 km/h - völlig easy. Der Vierte bis 257 km/h - nichts leichter als das. Mit dem Ausdrehen des fünften Ganges ist die Stratosphäre knapp erreicht und im Sechsten (377 km/h) dann endgültig durchbrochen.

Im siebten und letzten Gang eröffnet sich dem Bugatti Veyron Grand Sport Vitesse-Astronauten schließlich der Weltraum - und das ohne Helm, Schutzanzug und Sauerstoffgerät. Er ist außer mit Kappe, Hemd, Hose und Sportschuhen lediglich mit der Zuversicht gestartet, ein für abgehobene Abenteuer dieser Art extrem taugliches Technikpaket in den Händen und unterm Hintern zu haben.

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Horst  von Saurma

Autor:

SPORT AUTO, Heft 07 / 2012

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