Bugatti Veyron 16.4 Super Sport, Seitenansicht 28 Bilder Zoom

Bugatti Veyron 16.4 Super Sport auf dem Nürburgring: Million-Dollar-Baby oder Monster?

Im Bugatti Veyron 16.4 Super Sport von Molsheim zum Nürburgring: Mit 1.200 PS und 1.500 Newtonmeter im Rücken lässt sich trefflich darüber spekulieren, in welcher Zeit der Geschwindigkeitsrekordhalter Bugatti Veyron 16.4 Super Sport die Nordschleife umrunden kann ...

Der Dialog im Cockpit erstarb schlagartig just in dem Moment, als der Bugatti Veyron 16.4 Super Sport mit der Gewalt seines Drehmoments und der Effizienz seines Allradantriebs begann, das Fahrerlager an der T13 ganz langsam nach hinten wegzuschieben, um sich dann mit dem Nachdruck seiner 1.200 PS an die territoriale Annexion der bisher von ihm noch nicht bis in den letzten Winkel eroberten Nordschleife zu machen.

Wolfgang Dürheimer, langjähriger Porsche-Entwicklungsvorstand und Bugatti- und Bentley-Chef in Personalunion, hatte zuvor vom Beifahrersitz des Bugatti Veyron 16.4 Super Sport aus überraschend generös darauf verwiesen, dass man zur zeitlichen Bemessung der Bugatti-Runde nebenher doch mal auf die Armbanduhr schauen könne - wenn die knappe Zeit dies denn zuließe.

Ungenutzte PS-Ressourcen auf der Rennstrecke

Aber daraus wurde nichts. Die gefühlten sechseinhalb Minuten, die es dauerte, bis der Tempo-Spuk am Ende der Hohenrain-Schikane ein Ende nahm, schnurrten beim anschließenden Boxenstopp in der Fantasie nicht ohne Grund auf eine fantastische Fünfeinhalb- Minuten-Runde zusammen. Schließlich galt es, auf und zum Teil neben der Ideallinie feuchte Stellen zu queren. Fatalerweise immer gerade dort, wo man es - aerodynamischer Abtrieb hin und Allradantrieb her - überhaupt nicht gebrauchen kann: Schwedenkreuz, Fuchsröhre, Metzgesfeld. An allen drei Streckenstücken kam das Anzeigeinstrument im Bugatti Veyron 16.4 Super Sport, das die momentan abgerufene PS-Zahl visualisiert, leider über magere 200 nicht hinaus.

Die restlichen 1.000 Pferdestärken verharrten demnach - welch Schande - völlig ungenutzt im hinteren Abteil. Das Auskosten sämtlicher PS-Ressourcen des Bugatti Veyron 16.4 Super Sport ist uns leider - so viel sei vorab verraten - weder auf der Nordschleife (ja doch: wegen der vielen Kurven, der kurzen Geraden und besagter Nässe) gelungen, noch war es uns vergönnt, im öffentlichen Straßenverkehr den Zeiger des originellen Anzeigeinstruments auf über 900 PS zu treiben.

Vier Turbolader, 16 Zylinder - da muss was gehen

Schon bei gemäßigtem Reisetempo von 350 km/h bliesen sich die als kleine Punkte am Horizont auftauchenden 40-Tonner so blitzschnell auf Originalformat auf, wie sie im Rückspiegel anschließend wieder verschwanden, als seien sie ein Fliegenschiss. Bei gemäßigten 5.000 Umdrehungen im siebten Gang läuft der von vier Turboladern - an jeder Ecke einer - gespeiste Sechzehnzylinder des Bugatti Veyron 16.4 Super Sport so geschmeidig im nerven- und materialschonenden Teillastbereich wie eine S-Klasse bei Richtgeschwindigkeit. Das Beruhigende dabei ist: Die Dreiviertelgas-Stellung lässt noch eine 25-Prozent-Notreserve für Unwägbarkeiten übrig, die zumindest gedanklich nicht ganz auszuschließen sind.

Aber wer um Himmels willen sollte sich bei 350 km/h, entsprechend einer Wegstrecke von 97 Meter pro Sekunde, von hinten anschleichen und aus dem Windschatten zum Überholen ansetzen wollen? In Kenntnis der Rekordwerte, die der nur sechs Mal gebaute und preislich entsprechend weit aus dem überschaubaren Raster gerückte Bugatti Veyron 16.4 Super Sport gleich reihenweise produziert, bleibt jedem landgestützten Konkurrenten, egal welcher Bauart, nur eins: respektvoll Distanz halten.

Bugatti Veyron Super Sport gegen die Physik

Schon aus dem guten Grund, nicht Gefahr zu laufen, das Heckteil des nahezu vollständig aus Karbonmaterialien gebauten, sportlich getrimmten Veyron-Ablegers Bugatti Veyron 16.4 Super Sport zu zerknautschen. Aus einer Geschwindigkeit von 357 km/h heraus liegt allein aufgrund der mechanischen Reibung eine negative Beschleunigung von 1,3 g an, sobald abrupt von Gas gegangen wird. Diese, nennen wir sie natürliche Verzögerungsleistung ohne Zuhilfenahme der Bremse, wird noch einmal zusätzlich mit 0,6 g beaufschlagt, wenn sich zeitgleich die "Airbrake" am Heck dem Fahrtwind entgegenstellt.

Sie muss bei Vmax einem Druck von 700 Kilogramm standhalten - entsprechend stabil ist ihre Hydraulik. Auf der Zweierbesatzung im Bugatti Veyron 16.4 Super Sport lasten die längs und quer angreifenden Kräfte glücklicherweise nicht ganz so schwer. Beim Beschleunigen wird sie anfangs mit einem zwanzigprozentigen Aufschlag des eigenen Körpergewichts - 1,2 g - konfrontiert. Das ist auszuhalten. Quer sind es indes schon bis zu 1,4 g. 

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Rauchende Reifen für die große Show

Während dem dank Doppelkupplungsgetriebe von jeglicher Schaltarbeit befreiten Fahrer im Zuge der 2,5 Sekunden, in denen der Bugatti Veyron 16.4 Super Sport nahezu selbsttätig und - wer will - auch unter Zuhilfenahme eines "Smoky Tire"-Modus“ aus dem Stand auf 100 km/h jagt, gelegentlich noch der eine oder andere spitze Schrei seitens eines Passagiers zu Ohren kommt, stellt sich im weiteren Verlauf des schier nicht enden wollenden Beschleunigungsvorgangs nur noch Sprachlosigkeit ein. Jetzt gilt es, aus Angst vor Hyperventilation die Luft anzuhalten.

Schließlich vergehen bis 200 km/h im Bugatti Veyron 16.4 Super Sport  gerade einmal 6,7 Sekunden. Selbst die 300-km/h- Hürde ist schon nach 14,6 Sekunden überschritten (der Veyron veranschlagte dafür noch gute 20 Sekunden!).  Danach geht's im selben Takt weiter, so, als seien die Fahrwiderstände völlig außer Kraft gesetzt. Im Ton ähnlich eines dumpfen, grollenden Meeresrauschens geht es unaufgeregt und lässig-cool auf die 400 zu, um erst weit darüber hinaus, bei einem Rekordwert von sagenhaften 431 km/h, das Gleichgewicht der Kräfte zu erleben.

Veyron 16.4 kann 100 Liter in 10 Minuten schlucken

Das funktioniert allerdings nur auf der VW-Hochgeschwindigkeitsstrecke in Era Lessin oder ähnlichem Terrain und unter Zuhilfenahme des sogenannten Speed Keys für den Bugatti Veyron 16.4 Super Sport, der Tempi oberhalb von 375 km/h überhaupt erst freigibt. Das muss man sich mal vorstellen: Der nur 38 Gramm schwere Sensor für die Radelektronik ist bei diesem Tempo so hohen Fliehkräften ausgesetzt, dass er eine Gewichtskraft von nicht weniger als 130 Kilogramm ausübt. Die Meterzahl, die bei dieser irrwitzigen Geschwindigkeit pro Sekunde zurückgelegt wird: 120.

Die Zeit, die der Motor brauchen würde, um unter Volllast den 100-Liter-Tank leerzusaugen: rund zehn Minuten. Die thermische Energie, die unter Volllast freigesetzt wird, dürfte ausreichen, eine ganze Häuserzeile die Wintermonate hindurch wohlig zu beheizen. Um sie geordnet abzuführen beziehungsweise zu kanalisieren, bedarf es insgesamt zwölf Kühler, 100 Liter Kühlwasser und eines Trockensumpfs mit 25 Liter Öl. 

Automobiles Kunstwerk mit 1.200 PS

Der technische Aufwand, der zur absolut alltagstauglichen und dauerhaft zuverlässigen Bereitstellung solcher Kraftwerksleistungen mit dem Bugatti Veyron 16.4 Super Sport befähigt, ist tatsächlich mit keinem anderen Fahrzeugprojekt zu vergleichen. "Bei uns in Molsheim und auch bei unseren Zulieferern gelten hinsichtlich Entwicklung und Produktion exakt dieselben hohen Normen wie überall im VW-Konzern", so der für den Fahrwerksbereich verantwortliche Ex-VW-Ingenieur Florian Umbach. 

Zusammen mit Testfahrer Loris Binocchi hat Umbach höchst seltene, oder besser: einmalige Einblicke in bisher unbekannte fahrdynamische Grenzbereichregionen gewonnen. Dürheimer ergänzt: "Wie zu Zeiten des Gründers Ettore Bugatti bewegen wir uns in einem Übergangsbereich zwischen Automobiltechnik und Kunst. Das technisch Machbare ist ein selbstverständliches Anliegen, ebenso wie der Anspruch, unseren Kunden in allen denkbaren Belangen beweisbar das Beste zu liefern." Auf die Frage, ob knapp zwei Tonnen Gewicht des Bugatti Veyron 16.4 Super Sport diesen hehren Anspruch an die ingeniöse Genialität widerspiegeln, hat der Bugatti-Chef eine plausible Anwort parat: "Schauen Sie sich jedes einzelne Bauteil auch unterhalb der Karbonkarosserie an - da wird sich nichts finden, was man rausschmeißen oder auch nur ein paar Gramm leichter machen könnte."

7.30-Minuten-Marke auf Nordschleife wäre leicht zu unterbieten

Einspruch: Stoffbezüge anstatt Leder bei den Sitzen! Wer die Gewalt von 1.500 Newtonmeter des Bugatti Veyron 16.4 Super Sport auf sich wirken lassen will, muss wohl oder übel bereit sein, sich einem Gewichtsdiktat zu unterwerfen, das schlicht und einfach der extremen Materialbelastung geschuldet ist. Das heißt - entgegen allen bisherigen Mutmaßungen - nicht zwangsläufig, dass die Nordschleife grundsätzlich als terra non grata zu gelten hat.

Der Einsatz von - sagen wir - 600 PS dürfte angesichts der außergewöhnlich hohen Agilität, der erstaunlichen Bremsleistung, des vertrauenerweckenden Verhaltens im Grenzbereich, der Highspeed-Sicherheit, kurzum: der in der Summe überzeugenden Fahrbarkeit vermutlich ausreichen, um die 7.30er-Zeit auf dem Ring zu unterbieten. Das Problem dabei: der permanente Lockruf der übrigen 600 PS des Bugatti Veyron 16.4 Super Sport. Wenn die sich en passant dazugesellen, hält das kein noch so breiter Reifen und keine noch so große Bremsanlage aus. Vom Fahrer mal ganz zu schweigen.

Autor

Foto

Rossen Gargolov

Datum

11. Juni 2012
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 08/2011.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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