Erster Fahrbericht zum neuen Ferrari California

Der neue Ferrari California fährt mit Vernunft und Verstand

Ferrari und Vernunft - diese Kombination erschien bisher, abgesehen vom Aspekt der Wertbeständigkeit, ziemlich weit hergeholt. Bei aller Faszination, die auch den neuen California umgibt: Ein Großteil seines Reizes bezieht der neue Universalsportler aus durchaus vernünftigen Charakterzügen.

Variabilität war bisher nicht unbedingt die Stärke der Roten - eher schon die extreme Zuspitzung eines bestimmten Themas: Ferrari und Sport - das ist eine schlüssige Verbindung, das hat Tradition. Die Farbe Rot und der Name California - auch das weckt Assoziationen. Aber Praktikabilität? Oder Alltagstauglichkeit? Vernunft gar? Kann man derlei Attribute mit Ferrari in Verbindung bringen?

Man kann. Zumindest seit dem Debüt des neuen California, bei dem es sich keineswegs - wie vielfach gemutmaßt - um einen „kleinen“ Ferrari handelt. Der California ist auch kein Ableger oder Nachfolger seines seligen Namensgebers. Er eröffnet vielmehr eine neue Modellreihe, und er ist weder klein und zierlich noch groß und mächtig - die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Immerhin ist er geräumig genug, um - das ist neu - mehr als zwei Personen mit Kreditkarte zu transportieren. Er wird allerdings nicht als klassischer 2 + 2-Sitzer geführt - für ihn wurde eine neue Raumkategorie erfunden: „2+“. Das Plus steht für mehr als nur einen Zweisitzer. Und die fehlende Ziffer 2 bedeutet: Kindersitzschalen - kein Problem. Schlanke Teenager - zur Not auch. Erwachsene - besser nicht.

Die im Genre unverzichtbaren Golfbags passen natürlich locker rein, zwei große Taschen sowieso - natürlich möglichst die originalen aus dem Ferrari-Accessoire-Sortiment. Und dann - welche Überraschung - ist da hinten immer noch ein großer Kofferraum - groß, zumindest für Ferrari-Verhältnisse. Mit 340 Liter Fassungsvermögen, sofern das Vario-Dach sich dort entfaltet hat, wo es unter widrigen Umständen Sinn macht: über den Köpfen der Besatzung. Ist es, von der pfiffigen Hydraulik fein säuberlich zusammengefaltet, im oberen Gepäckabteil untergebracht, bleiben darunter immerhin noch 240 Liter zur freien Disposition. Auch für diese Nische gibt‘s die passend zugeschnittenen Taschen - selbstredend gegen Aufpreis.

Ein Vergleich zum Namensgeber verbietet sich

Wenn die himmelhohe Kopffreiheit hergestellt ist, dann kommen die Erinnerungen: An den Namensgeber 250 California, Baujahr 1957 bis 1960. Auch er offen; der Traumwagen des Jetset schlechthin. Allerdings mit zwölf Zylindern statt deren acht wie bei seinem neuen Namensvetter. Beide Designs von Pininfarina, die Karosserie, beziehungsweise das Individualprogramm, von Scaglietti.

 Aber sonst ist beim Neuen alles anders - er ist viel ruhiger (die Turbulenzen im Cockpit), geschliffener (das Getriebe) und stärker (der Motor). Kein Vergleich also - obwohl sich dieser aus Gründen des Respekts ohnehin verbietet. Gemäß der traditionellen GT-Philosophie ist der Motor vorn längs untergebracht, das Getriebe an der Hinterachse. Der 90-Grad-V8 ist der erste Typ einer neuen Generation - mit 4,3 Liter Hubraum, Direkt-einspritzung und - last but not least - 460 PS.

Ein Ferrari-Triebwerk, wie es im Buche steht: Mit einem Klang zum Niederknien. Mit einem Antritt, der begeistert - eine Seele von Motor. Und dann diese Kraftübertragung: Ein Doppelkupplungsgetriebe mit sieben Gängen von Getrag. Perfekt eingearbeitet ins Gesamtsystem: nicht das geringste Spiel im Antriebsstrang, logische Bedienung mit griffigen Schaltpaddeln vom Lenkrad aus. Und extrem schnelle Gangwechsel - ein Wunderwerk der Technik. Die technische Eleganz drückt sich - bei aller Schnelligkeit der Schaltvorgänge - in einer Verschliffenheit aus, die ihresgleichen sucht. Besser geht‘s nicht - auch weil die scharfe Akustik des Achtzylinders durch die schnellen Übersetzungsänderungen so ungemein reizvoll moduliert wird. Der Klang wurde eindeutig auf der Rennstrecke komponiert, obwohl das sicher nicht das vornehmliche Refugium des California ist.

Ein klassischer GT

Er verkörpert den klassischen Gran Turismo, steht für schnelles, anregendes und entspanntes Fahren. Grenzbereich-Erprobung? Ja, auch möglich, aber nicht zwingend erforderlich. Dafür gibt‘s schließlich andere im Portfolio ... Seine Meriten kommen woanders besser zur Geltung - beim Offenfahren natürlich ganz besonders: Das Cockpit ist erstaunlicherweise und dank Windschott fast frei von Turbulenzen; nicht nur bis 100 km/h, sondern auch weit darüber hinaus.

Fahrgeräusche? Auf niedrigstem Niveau. Das Fahrgefühl? Satt, solide und extrem sicher. Und er fühlt sich - der Lenkungscharakteristik sei Dank - erheblich leichter an, als er tatsächlich ist. Wir sprechen hier nämlich von deutlich über 1.700 Kilogramm. Sowohl das Getriebe als auch die Mimik des Vario-Daches schinden Gewicht. Letzteres wird mit zusätzlichen 70 Kilogramm beziffert. Aber die sind es wert, denn im geschlossenen Zustand erfüllt der California als Coupé erst recht hohe Ansprüche an den Fahrkomfort. Die leisen Töne, im niedrigen Drehzahlbereich selbstredend auch vom Motor geäußert, beschreiben den ambivalenten Charakter des neuen California. Er will nicht laut sein - aber er kann es werden. Er muß nicht rennen - aber er hat die Voraussetzungen dazu. Der Alltag im Ferrari - schöner kann er eigentlich nicht sein.

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