Was mit dem Lotus Evora S zum neuen Serienstandard wird, stecken die Lotus-Ingenieure augenzwinkernd weg. Für die Fangemeinde ist es ein Erdbeben mit Epizentrum im britischen Hethel. Die Festung der Sportwagen-Puristen scheint bedrohlich zu wackeln. Fahrerassistenzsysteme - ein Wort, das Lotus-Fahrern bisher so leicht über die Lippen ging wie einem Westeuropäer das chinesische Alphabet, gehört ab sofort zum Sprachgebrauch bei der Leichtbau-Schmiede. Nach ABS und Servolenkung unterstützt nun im Lotus Evora S auch ESP (bei Lotus DPM "Dynamic Performance Management" genannt) den Piloten.
Elektronische Helfer mit an Bord
Lotus richtet sich schon jetzt auf die ab November 2011 gültigen EU-Richtlinien ein, nach der alle in der EU zugelassenen neuen Pkw- und Nutzfahrzeuge mit ESP ausgestattet sein müssen. ESP und Lotus, das hatte jahrzehntelang so viel gemeinsam wie ein angeseilter Hallenkletterer und ein Freeclimber am Grand Canyon.
Vor der Erstfahrt im Lotus Evora S quält die Frage: Ist der Evora mit Elektronik-Fangseil noch ein echter Lotus? "Die Elektronik haben wir mit Entwicklungspartner Bosch speziell für den sportlichen Einsatz abgestimmt. Man kann das System zum Glück auch vollständig deaktivieren", erklärt Matthew Becker, leitender Fahrwerksingenieuer und Sohn der Lotus-Konstrukteurslegende Roger Becker. Doch mehr als der im Sportmodus erst angenehm sportlich-spät eingreifende Schleuderschutz interessiert die Potenzsteigerung des jüngsten Modells.
Kompressorgestärkter Lotus Evora S mit 350 PS
Bisher pirscht sich der Lotus Evora nur dank seines guten Fahrwerks an die stärker motorisierte Konkurrenz von Porsche Cayman S und Audi TT RS heran. Beim Endspurt gucken Lotus Evora-Fahrer wegen des etwas schmalbrüstigen 2GR-FE-Saugers von Toyota mit 280 PS dann jedoch meistens den Rückleuchten aus Stuttgart-Zuffenhausen und Ingolstadt hinterher. In Zukunft dürfte sich diese Hackordnung ändern. Dank Harrop-Kompressor mit einem maximalen Ladedruck von 0,6 bar leistet der 60-Grad-V6 im Lotus Evora S nun 350 PS.
Das 3,5-Liter-Triebwerk mit 50 Nm mehr maximalem Drehmoment beeindruckt mit seiner gleichmäßigen Leistungsentfaltung und gutem Durchzug auch bei niedriger Drehzahl aus hohen Gängen. Bei aktiviertem Sportmodus verändert sich zusätzlich die Gaspedalkennlinie - der nachgewürzte Lotus Evora hängt noch bissiger am Gas. Die Drehzahlgrenze steigt von 6.800 auf 7.200 Touren. Dabei grummelt der Lotus Evora S mit tiefer Stimme, aber nicht nervend durch den neuen Klappen-Sportauspuff, der im Normalmodus bei 4.700/min und bei aktivierter Sporttaste noch früher seine Klappen öffnet.
Lotus mit gesteigerter Fahrdynamik
Neben der Leistungssteigerung überarbeiteten die Lotus-Konstrukteure auch das Lotus Evora S-Fahrwerk moderat. Neue Querlenker an der Vorderachse sorgen für mehr Nachlauf. Außerdem hat der Lotus Evora S mehr Negativ-Sturz an der Vorder- und Hinterachse sowie rundum steifere Buchsen. Bei den ersten heißen Runden auf der spanischen Rennstrecke Monteblanco bei Sevilla lenkte das rund 20 Kilogramm schwerere Lotus Evora S-Modell dank der Fahrwerksmodifikationen noch zackiger ein und gab eine noch direktere Rückmeldung als die Basisversion. Weiterer Feinschliff am Sechsganggetriebe lässt den Schaltstock wesentlich geschmeidiger durch die präzisen Gassen gleiten als bei der bisher etwas hakeligen Schaltbox.
Vorwürfe, die britischen Exoten seien zu monothematisch, gehören nach der ESP-Einführung, spätestens aber beim Blick auf die beheizbaren Sitze in der Optionsliste zur Vergangenheit. Askese liebende Lotus-Piloten vom alten Schlage werden den Knopf für die Sitzheizung aber deutlich weniger nutzen als die ESP-Taste für eine klassische Lotus-Ausfahrt ohne elektronisches Fangnetz.





