Gemballa Mirage GT: Im Hier und Jet

Ursprünglich Luftspiegelung, dann Kampf-Jet und nun also Supersportler der Extraklasse. Der Gemballa Mirage GT ist die in Kohlefaser gebackene Vorstufe zum extrovertierten Überflieger mit geplanten 1.000 PS.

Die auf der Mittelkonsole zusätzlich in die Kommandozentrale integrierten digitalen Anzeigen schimmern in gespenstischem Blau noch bei Pegelstand null. Null Geschwindigkeit, null Beschleunigung, weder positiv noch negativ, noch nach rechts oder links. Der Treibsatz im Heck ist gezündet und pendelt sich unter hochfrequentem Singen bei Leerlaufdrehzahl ein. Alle Systeme bereit: ready for take off.

Start frei für den Gemballa Mirage GT

Den roten Baron der Neuzeit, eine Art enfant terrible der automobilen Supersportliga. Warum? Weil sich diese Mischung aus Augenschmaus, Hexenwerk und gnadenloser Reizüberflutung tatsächlich die Freiheit nimmt, seine hochrangige Basis, den Porsche Carrera GT, nach allen Regeln der Tuning-Kunst und im wahrsten Sinn des Wortes zu überflügeln. Stellt sich die Frage: Braucht ein derartiger Highender tatsächlich noch einen sportlichen Nachschlag?

Der Blickwinkel ist entscheidend. Beim Mirage GT ganz besonders, weil er sich als eigenständige und somit in sich schlüssige Interpretation eines Supersportwagens versteht. Keine aufgesetzte Schürze hier, kein einzelner Spoiler dort - nicht Stückwerk, sondern ein abgeschlossenes Werkstück. Ein aufwendig und komplett aus Kohlefaser qualitativ absolut hochwertig durchorganisiertes Ganzes, dessen wahre Berufung dem Mirage GT erst noch im Laufe dieses Jahres zuteil werden wird. Und zwar dann, wenn ihn zwei nachträglich ins V10-System integrierte Turbolader zum mindestens 800 PS starken Überflieger treiben.

Der Mirage ist aerodynamisch bereits voll austrainiert.

Um im finalen Stadium nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, ist der Mirage schon in seiner Vorstufe aerodynamisch bestens austrainiert. Im Vergleich zum Serien-GT sollen bei Tempo 200 nochmal 28 Kilogramm mehr auf der Vorderachse lasten. Der monströse Heckflügel generiert weitere 35, im Bedarfsfall sogar bis zu 85 Kilogramm zusätzlichen Anpressdruck. Dabei darf jener Bedarf auch al gusto per Knopfdruck vom Innenraum heraufbeschworen werden. Zwar bleibt der ausladende und schwungvoll gestaltete Hauptflügel im Gegensatz zu dem der Serie starr, andererseits ist die kleine integrierte Lippe in der Lage, sich steiler in den Wind zu stellen.

Und genau das Spiel mit dem Fahrtwind ist es auch, das die Gestaltung des extrovertierten Auftritts des Mirage diktiert. Mehr Kühlluft rein, mehr Abluft raus. Hierfür bemühen sich zusätzliche Öffnungen in der Frontschürze ebenso um eine bessere Bremsenkühlung wie die Leitkanäle in den wuchtigen Seitenschwellern. Der mit einer markanten Falte umrahmte Austritt in der Fronthaube soll in der letzten Ausbaustufe die Durchströmung des Wasserkühlers optimieren. Und der im Stil des GT1- Porsche konstruierte, vom Scheitel bis in den Nacken reichende Schlund auf dem Dach trägt dafür Sorge, dem künftigen Turbo- Treibsatz auch ausreichend Frischluft zuzuführen.

Das Heck zeigt eine brutale Offenheit

Um das ganze System Mirage GT bestmöglich zu durchströmen, zeigt das brutal anmutende Heck eine bislang ungekannte Offenheit: Die Einschnitte in der neuen Heckschürze entlüften die Radhäuser, über dem Diffusor offenbaren reichlich Lüftungsgitter faszinierende Einblicke in die hohe Kunst des Auspuffbaus. Und zu guter Letzt entlassen nun vier Plasma beschichtete Endrohre, zum Stückpreis von je 800 Euro, den herben Klang des hoch drehenden V10-Kraftwerks.

Über 4.000 Touren bricht die Hölle los

Dabei summt das durch die Änderungen am Abgassystem und einer Feinabstimmung in der Motorelektronik nun um knapp 40 PS stärkere Herzstück bis knapp 4.000 Touren zunächst geradezu zart besaitet vor sich hin. Danach bricht akustisch sowie auch optisch die Hölle los. Die hektischen Zuckungen der Zeiger im Zusatzdisplay dokumentieren nur trocken und spröde die mitreißende Geschichte von Vorschub, Verzögerung und Querbeschleunigung. Während das nun schrille Schreien des Vierventilers jegliche Frage nach dem Daseinszweck der HiFi-Anlage bereits im Keim erstickt.

Dieses stark geschminkte Umfeld rückt der Begriff des Fahrens in eine andere Dimension. Man labt sich an einer stürmischen Flut an Genüssen und ist doch tunlichst gehalten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Denn mit einem GT - egal, welchen Vornamen er trägt - ist man schließlich leicht jenseits von Gut und Böse unterwegs. Obgleich sich der Mirage vom Carrera bezüglich der gebotenen Fahrdynamik nicht unterscheidet. Allein dafür fehlen ihm noch die Mittel.

Das Ziel ist zunächst anvisiert

Der Angriff wird alsbald folgen. Mit schwerem Geschütz, das sich keineswegs nur auf die Kraftkur im zentralen Bereich des bodengestützten Kohlefaser-Jets beschränkt. Uwe Gemballa hat die Zukunft klar definiert: "Die Aerodynamik-Komponenten sind der Rahmen für das, was in Kürze noch kommen wird." In erster Instanz sollen es mindestens 800, final gar 1.000 PS sein.

Dann fungieren die geschmiedeten, dreiteiligen Leichtmetallräder als Behausung für Keramik-Verbund-Bremsscheiben mit einem Durchmesser von sogar 400 Millimeter. Und auch das Fahrwerk wird grundlegend überarbeitet. Über eine Ansteuerung aus dem Cockpit soll die Abstimmung je nach Einsatzzweck auf Knopfdruck variabel sein, bis hin zum Anheben der Fahrzeughöhe zum besseren Rangieren. Und um im Mirage auch mal einen Blick nach hinten werfen zu können, liefert die auf dem Ansaugtunnel montierte Rückfahrkamera bestechende Bilder an das Mäusekino im Innenraum.

Den Innenraum dominiert Alcantara und Kohlefaser

Aber es gibt noch reichlich andere Augenblicke - zum Beispiel die fein gearbeiteten Scharniere der Heckklappe, die nun nach hinten öffnet. Oder man schmeichelt den Augen mit dem hochwertigen, edlen und sportlichen Ambiente des Innenraums, wo sich Alcantara-Leder und Kohlefaser gute Nacht zu sagen scheinen, wohin der Blick auch fällt. Ob Mitteltunnel, Sitze, Türverkleidung, Dachhimmel oder auch Lenkrad - der Mirage GT bleibt in puncto Exklusivität definitiv keine Antwort schuldig.

Fehlt schlussendlich noch Letztere auf die Frage nach dem Preis. Mirage GT-Piloten werden dazu wohl schweigen. Schließlich haben sie sich für eine Verwandlung und gegen den Neukauf von zwei Mercedes SL 55 AMG entschlossen. Einen Carrera GT im Hangar natürlich vorausgesetzt ...

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Jochen  Übler

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