Die Rente kommt - irgendwann, das ist sicher. Bei manchem etwas früher, bei Valentino Balboni dann doch um einiges später, als von Rechts wegen anberaumt wurde. Loslassen ist schwer. Womöglich geht es gar nicht. Wie auch bei diesem Job? Testfahrer bei Lamborghini - seit über 40 Jahren, und dann plötzlich Feierabend? "Ich habe das Aufhören noch nicht akzeptiert", sagt der 60-Jährige, der 1967 noch von Ferrucio Lamborghini höchstpersönlich eingestellt wurde.
Balboni hat sie alle gefahren: Urraco, Jalpa , Countach oder Diablo
All diese Sportwagen mit klangvollen Namen gingen durch seine Hände. Und dann kam am 15. Oktober 2008 das feierliche Ende. Nicht wirklich. "Ich bin noch als Berater für Lamborghini aktiv", schmunzelt Balboni. Was sich auch immer dahinter verbergen mag: Botschafter und Aushängeschild, erfahrener Techniker und allzeit offener Ansprechpartner für redselige Kunden oder Fans. Und nun auch Namensgeber für eine auf 250 Stück limitierte Sonderserie des Gallardo, den LP 550-2 Valentino Balboni.
Eine ganz besondere Ehre für den sympathischen Italiener, der in blendendem Deutsch berichtet: "Ich hatte ein großes Funkeln in den Augen, als ich bezüglich der Namensgebung gefragt wurde, und ob ich mich bei der Entwicklung mit einbringen möchte." Und er verrät heimlich, er wollte die ihm zuteil gewordene automobile Widmung gern noch etwas puristischer haben. Asketischer im Innenraum zum Beispiel, wo der sportlich edlen Eleganz weiterhin der Vorzug gegeben wurde. Das Arrangement des Cockpits, die ausreichende Kontur der Sitze und die stimmige Ergonomie sind geblieben.
Neu im Vergleich zu den übrigen Modellen des Gallardo ist hingegen die exklusive Ausstattungslinie mit einer ganz eigenen Leder-Komposition. Überhaupt fallen die Erkennungsmerkmale des Sondermodells mäßig plakativ aus. Die aufgeklebten Streifen sind noch das auffälligste Indiz beim Herannahen eines "Valentino Balboni".
Leichter, leiser und dynamischer: Der Lamborghini LP 550-2 Valentino Balboni
Der tatsächliche Beweis ist nur im Stand zu erkennen: die dezente Plakette hinter der linken hinteren Seitenscheibe mit der eingravierten Unterschrift des Meisters selbst. Ein sozusagen von hoher Stelle autorisiertes Zertifikat für mehr fahrdynamische Größe, für mehr Sportlichkeit und letztlich doch für mehr Purismus. Schließlich prangt auf diesem kleinen Schildchen diese verheißungsvolle Zwei hinter der die Leistung beziffernden 550. Ein eindeutiges Indiz, dass sich dieser exklusive Gallardo von seinem Allradantrieb befreit hat. 46 Kilogramm hat er dadurch über Bord geworfen, eine fahrdynamische Zuspitzung hingegen aufgenommen - ein komplett überarbeitetes Fahrwerks-Setup inklusive Retuschen an der Aufhängungsgeometrie.
Deswegen ist der LP 550-2 zwar kein gänzlich neuer Gallardo, aber ein spürbar anderer. Leiser, oder besser gesagt: unaufdringlicher ist er geworden. Ihm reißt es die Akustikfetzen nicht derart grob aus den Innerein des mächtigen V10 wie beispielsweise beim Spyder. Natürlich vernebelt auch seine Klangwolke die Sinne. Trotzdem gibt er sich irgendwie gesetzter - eben Balboni-like. Dennoch wütet der bislang komprimierteste aller Keile aus Sant‘Agata-Bolognese ungleich wilder denn je. Gröber zunächst, was den Abrollkomfort beim Schaulaufen durch die gepflasterten Dörfchen der Emilia Romagna betrifft. Trittsicher und ausreichend komfortabel darf der erste Hecktriebler seit der Diablo-Zeit Anfang der Neunziger die Sau rauslassen.
Der Gallardo hat sich einer Last befreit. Keiner tonnenschweren zwar, aber sie ist spürbar. Leichter, lockerer und entfesselter fügt sich der Hecktriebler nun den Vorgaben der Vorderachse. Agiler und williger fräst er sich durch die spärlich anzutreffenden Kurven rund um seine Heimat. Während der Hinterachse dabei etwas mehr Beachtung als bislang zu schenken ist. Diffiziler und verantwortungsvoller geziemt sich nun der Umgang mit dem Gaspedal. "Nach all der Zeit mit Allrad habe auch ich mich erstmal umstellen müssen. Der LP 550-2 erinnert mich ein bisschen an alte Zeiten", grinst Balboni.
Aber er ist nicht wirklich einer vom alten Schlag, den man latent an den Hörnern packen musste, um ihn auf den Pfad der Tugend einzuschwören. Verlässlich, sportwagentypisch drängt unter Last das Heck. Zum unzähmbaren wilden Tier ist der Gallardo deswegen nicht mutiert. Vielmehr ist er als 550-2 auf der Ideallinie, um den Grundstein zu legen für das, was letztlich noch kommen muss: ein Superleggera. Auch daran hätte so mancher italienische Rentner seine Freude. So viel ist sicher.





