Als AMG-Chef Volker Mornhinweg vom Mercedes Mutterhaus die Freigabe zum Entwickeln eines eigenen Sportwagens bekam, brachen für die hundertprozentige Daimler-Tochter goldene Zeiten an. Auf einem weißen Blatt Papier beginnen zu dürfen, ohne auf eine Plattform des Großkonzerns zugreifen zu müssen - das hatte es für die Affalterbacher Sportdependance bislang noch nie gegeben.
Heraus kam ein 4,64 Meter langer Zweisitzer mit 571 PS starkem V8-Frontmotor und einem in Transaxle-Bauweise angeflanschten Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Auffallendste Merkmale des Hecktrieblers sind die nach oben öffnenden Flügeltüren, mit denen der Newcomer unverkennbar und bewusst Anleihen bei seinem berühmten Ahnen aus den 1950er Jahren nimmt, und die extremen Proportionen: Die Insassen finden kurz vor der Hinterachse Platz und schauen ergo auf einen extrem langen Vorderbau.
Große Konkurrenz von Audi und Porsche
Dank Aluminium-Spaceframe-Karosserie und konsequentem Leichtbau bringt der SLS AMG weniger auf die Waage, als aufgrund seiner stattlichen Abmessungen zu vermuten gewesen wäre. Mit 1.620 Kilogramm Leergewicht nach DIN ist er näher am Porsche 911 Turbo, als dem Stuttgarter Konkurrenten lieb sein dürfte. Dies gilt umso mehr, als der allradgetriebene 500-PS-Sportler aus Zuffenhausen zusammen mit dem 520 PS starken Audi R8 V10 TFSI zu den auserkorenen Gegnern des Affalterbacher Flügeltiers zählt - was einiges erklärt: "Da Audi für den R8 V10 eine Vmax von 316 km/h nennt, haben wir den SLS halt erst bei 317 km/h elektronisch begrenzt. Und da wir gesagt haben, dass wir die Nordschleife in 7.40 Minuten umrunden können, hat Porsche für den neuen Turbo 7.39 Minuten kolportiert", so AMG-Entwicklungschef Tobias Moers schmunzelnd.
Die Kunden wird das heiße Kopf-an-Kopf-Rennen der Premiumhersteller nur freuen. Erwartet sie im Frühjahr doch ein veritables Feuerwerk. Bis Ende März der Mercedes SLS AMG an den Verkaufsstart geht und in der Eifel "Ring frei" gegeben wird, darf jedenfalls erst mal jeder den potenziellen Sieger geben. Dann wird der sport auto-Supertest zeigen, inwieweit die Kampfansagen der Stuttgarter Protagonisten tatsächlich tragen. Auf dem von stetem Auf und Ab, schnellen und langsamen Kurven und blinden Ecken gekennzeichneten Racetrack von Laguna Seca stellte der Newcomer jedenfalls schon mal unter Beweis, dass er zwar eine außergewöhnlich lange Nase und eine durchdringende Stimme hat, aber beileibe kein Maulheld ist. Das Sportfahrwerk mit den Aluminium-Doppelquerlenkerachsen ist kompromissloser abgestimmt, als von den AMG-Ingenieuren - die um die Komfortansprüche ihrer Kunden wissen -, ansonsten gewohnt.
Der Mercedes SLS AMG ist nicht gerade ein Gleiter
Der Fahrzeugschwerpunkt liegt dank Trockensumpfschmierung wohltuend niedrig, die Gewichtsverteilung mit 47 zu 53 Prozent zwischen Vorder- und angetriebener Hinterachse ist ideal. Der weiterentwickelte 6.208-Kubikzentimeter-V8, der landläufig als 6,3-Liter-Sauger firmiert, wartet dank einer neu entwickelten Ansauganlage, strömungsoptimierter Fächerkrümmer, einer entdrosselten Abgasanlage sowie einer Überarbeitung von Ventiltrieb und Nockenwellen mit einer verbesserten Zylinderfüllung und in der Folge um neun Prozent respektive 46 PS höherer Leistung auf. Der Motor überzeugt mit tadellosem Ansprechverhalten und gut entwickelter Drehfreudigkeit, klingt im Teillastbereich zuweilen jedoch etwas angestrengt.
Dies und das bereits erwähnte recht kompromisslose Fahrwerkssetup prädestinieren den Mercedes SLS AMG nicht wirklich zum gelassenen Gleiter. Schlechte Fahrbahnoberflächen, wie sie in den USA üblich sind, gehen an den Insassen nicht unbemerkt vorüber. Für die primäre Aufgabenstellung, sprich: den Rennstreckenangriff auf Porsche 911 Turbo und Co., scheint der Newcomer hingegen gut gerüstet zu sein. So ist das selbstredend serienmäßig an Bord befindliche ESP in dem für AMG-Verhältnisse erstaunlich aggressiven Umfeld komplett deaktivierbar. Wem das muntere Treiben des zwar in hohem Maß der Neutralität verpflichteten, aber dem Power-Oversteering gegenüber grundsätzlich nicht abgeneigten SLS zu weit geht, der kann wahlweise den ESP-Sport-Modus anwählen. In diesem Fall greift der elektronische Rettungsanker spät, aber sicher ein. Wer seinen Gasfuß im Griff hat, kommt freilich ohne derartige Hilfe aus. Trotz seines sehr agilen Einlenkverhaltens kündigt sich der Übergang von der Haft- in die Gleitreibung beim Conti SportContact 5-bereiften SLS nämlich einigermaßen frühzeitig an, sodass Zeit zum Reagieren bleibt.
Am Getriebe des Mercedes SLS AMG gibt es noch Mängel
Auch die aufpreispflichtige Keramik-Verbund-Bremse des AMG Coupés konnte auf der Rennstrecke zur Gänze überzeugen. Druckpunkt und Verzögerungsleistung blieben konstant. Einzig die Abstimmung des von Getrag zugelieferten und aus dem Ferrari California bekannten Siebengang-Doppelkupplungsgetriebes ist noch nicht State of the Art. Im Teillastbereich werden Gangwechselbefehle zu zögerlich umgesetzt, bei Volllast mahnen die Schaltlampen zu spät zum Zug an der rechten Lenkradwippe. Hat der Drehzahlbegrenzer dann erst einmal das Ruder übernommen, braucht es zu lange, bis sich das Getriebe neu sortiert. Derweil hat die vorausfahrende Konkurrenz wertvolle Meter gutgemacht. Da die AMG-Ingenieure aber nach eigenem Bekunden um das Problem wissen und bereits daran arbeiten, ist anzunehmen, dass die Konkurrenz im Frühjahr besser nicht mehr auf einen Vorsprung zählen sollte.


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