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Morgan 4/4 Competition von 1964 und 2010 16 Bilder Zoom

Morgan 4/4 Competition von 1964 und 2010: Gestern, heute, Morgan

Der Blickt auf diese beiden Morgan 4/4 täuscht: Einer von ihnen ist tatsächlich ein Neuwagen. Als Hommage an den Morgan 4/4 Competition aus den sechziger Jahren rollt nun der 4/4 Competition Jahrgang 2010 an den Start. Ein Generationentreffen in Hockenheim.

Auch wenn der Fahrzeugschein die Erstzulassung im Mai 2010 notiert, wären Lederhaube und Rennfahrerbrille bei diesem Neuwagen eine stilvollere Kopfbedeckung. Ein grell lackierter Vollvisierhelm passt zum neuen Morgan-Clubsportmodell 4/4 Competition so gut wie ein Hawaii-Hemd in einen traditionellen Londoner Herrenclub. Doch heute nimmt der Roadster Trends gelassen hin, schließlich war er selbst einmal eine äußerst kritische beäugte Modeerscheinung aus dem Dezember 1935.

Bis zu diesem Zeitpunkt warb Firmengründer H. F. S. Morgan 26 Jahre lang für seine dreirädrigen Kraftwagen: "Ein Threewheeler behält nicht nur bei jeder Geschwindigkeit die Bodenhaftung, sondern liegt auch besser als ein vierrädriges Fahrzeug." Während nahezu die gesamte Automobilproduktion des Vereinigten Königreiches dahindarbte, ist es der Morgan 4/4 mit zwei Rädern an der Hinterachse, der die Firma Morgan mit seinen 75 Lebensjahren bis heute zu einem standfesten Familienunternehmen gemacht hat. Nur Ende 1953 gab es am Blechkleid so etwas, das Neudeutsch-Verfechter heute gern als Facelift bezeichnen. Egal, ob nun auf drei oder vier Rädern - in der Morgan-Geschichte spielt der Motorsport seit der Firmengründung eine entscheidende Rolle.

Morgan Competition-Modell von 1957 mit 40 PS

Während der Morgan 4/4 in der europäischen Motorsport-Welt erstmals beim 24-Stunden- Rennen 1938 mit Rennlady Prudence Fawcett am Steuer und einem 13. Platz im Gesamtklassement für Furore sorgte, entdeckten auch in den USA erste Käufer ihre Leidenschaft für die Roadster mit den hochgewölbten Kotflügeln. Ab Mitte der Fünfziger setzten die nordamerikanischen Morgan-Enthusiasten erstmals den Morgan 4/4 auch bei Clubsport-Rennen auf stillgelegten Flugplätzen an der US-Westküste ein. Doch der Verkauf des britischen Roadsters lief wegen seines schmächtigen Aggregats vor allem in den USA nur schleppend an.

Im September 1957 brachte Morgan daher neben dem Basismodell eine sogenannte Competition-Variante auf den Markt. Im Morgan 4/4 Competion Serie II kletterte die Leistung des Ford-100E-Motors dank eines Aluminium-Zylinderkopfes von Aquaplane, zwei SU-Vergasern statt Solex-Einzelvergaser und eines Vierrohrfächerkrümmers von 36 auf immerhin 40 PS. Rund 80 Prozent der Käufer orderten von da an die Competition-Version.

Ford-Motoren treiben Morgan-Familie an

Stichwort: Motor. Wie ein roter Faden zieht sich ein weiteres Phänomen durch die Morgan-Historie. Bei keinem anderen Unternehmen ackerten unter der Motorhaube eines Modells so viele verschiedene Triebwerks-Dynastien. Während das Ur-Motörchen im ersten Serien-4/4 von 1936 mit 1.122 Kubikzentimeter und 34 PS aus der Produktion des einstigen Motorenherstellers Coventry Climax stammte, wurden die Competition-Modelle der Serie II bis V von unterschiedlichen Ford-Vierzylindern befeuert. Doch nicht nur die Aggregate unterscheiden sich, sondern dank Handarbeit ist jeder Wagen auch ein Unikat mit technischen Besonderheiten und einer eigenen Geschichte.

So wie die von Pearl, der jetzt mit leichten Zündaussetzern in der Boxengasse von Hockenheim mit seinem unrund laufenden 1,5-Liter-Vierzylinder aus dem Ford Cortina GT vor sich hinspratzelt. Mit zwei 40 DCOE-Weber-Doppelvergasern und einer schärferen Nockenwelle leistete das Modell ursprünglich 78 PS, pröttelt heute nach verschiedenen Motormodifikationen aber mit rund 120 PS. Den Spitznamen Pearl verdankt der Morgan 4/4 Competition Serie V der Lackierung in Elfenbein. 

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Offen fahren mit Visier und 152 PS

Am 16. Oktober 1964 rollte Chassis No. B1059 erstmals aus den Backsteingebäuden am Produktionsstandort in der Pickersleigh Road in Malvern Link. Ein bewegtes Leben sollte beginnen: In den Sechzigern jagte Pearl über die Rennpisten von Silverstone, Brands Hatch und Goodwood. Über Schweden in den Siebzigern, Holland zu Beginn der Achtziger fand der Morgan 4/4 im Jahr 2006 wieder nach Hause ins Vereinigte Königreich zu seinem aktuellen Besitzer Richard Thorne. Das ist der Chef von "Richard Thorne Classic Cars" aus dem britischen Reading und zweitgrößter Morgan-Händler weltweit.

"Die Idee für den aktuellen 4/4 Competition wurde während des 100-jährigen Morgan-Jubiläums 2009 in Cheltenham geboren", erklärt Stefan Scieszka, Präsident des Morgan Sports Car Club Deutschland. Er entwickelte gemeinsam mit Thorne und mit Wohlwollen von Charles Morgan, Enkel des Firmengründers und jetziger Morgan-Chef, den straßenzugelassen Clubsport- Morgan. Jetzt aber Visier runter und Zündschlüssel des Neulings drehen - laut bollernd verrät der Ford Sigma-Motor mit 1,6 Liter Hubraum, dass hier mehr als die serienmäßigen 115 PS in Auf-die-Plätze-fertig-los-Stellung gehen. Dank eines veränderten Steuergeräts und des modifizierten Ansaugtraktes mit offenen Ansaugtrichtern sowie der Sport-Abgasanlage mit Sidepipe faucht der 4/4 Competition mit 152 PS.

Neuauflage benimmt sich wie der Ur-Ahn

Das klingt nach wenig, aber die maximale Leistung, die auf den ersten Blick scheinbar nur bei Kleinwagenfans für Stammtischreden taugt, bricht über die nur 795 Kilogramm schwere Rennkutsche wie ein Orkan herein. Neben dem verzinktem Stahlrahmen, dazwischen verlegten Holzdielen und dem Holzskelett unter der Alu-Karosserie sind im aktuellen Morgan 4/4 Competition auch ein Überrollbügel, Vier-Punkt-Gurte, ein Schalensitz sowie ein elektrisches Feuerlöschsystem mit an Bord. Hält plötzlich die Gegenwart bei den Gran Purismo Einzug?

Keine Angst: Doppelkupplung, ABS und ESP sind auch im aktuellen Clubsport- Morgan mit Straßenzulassung Lichtjahre entfernt. Zwischen knorpelige Schaltvorgänge nach Caracciola-Manier mischt sich im 4/4 Competition das wilde Avon-Aroma der 185/70er-Balon- Rennreifen, die so mancher Supersportwagenfahrer kaum als Noträder nutzen würde. Stehende Räder sind bei zu ruppigen Anbremsmanövern im Retro-Modell ohne Bremsassistent natürlich Ehrensache. Grip an der Vorderachse? Präzises Einlenken? Geradeauslauf? Was für Spielverderber- Fragen - das Einzige, das hier an ein 2010er Baujahr erinnert, ist der Fahrzeugschein. Hoppelnd bockt der Morgan 4/4 Competition mit blattgefederter, starrer Hinterachse über jede Bodenwelle.

Kotflügel, Motorhaube und Außenspiegel zittern dabei im Takt mit. Fahrbahnunebenheiten schlagen in der Lenkung durch und fordern schon deshalb ein sägendes Lenkverhalten. Popeye-Unterarme ersetzen die Servounterstützung, während der Fahrtwind scheinbar mit dem Tempo eines Wirbelsturms über die Brooklands-Scheibe durchs offene Cockpit pfeift. Doch ein Blick auf Stoppuhr und Tachonadel entschleunigen den Piloten des Morgan 4/4 Competition augenblicklich wieder und machen eines klar: Langsam kann manchmal auch schnell wirken - und eine Menge Spaß machen.

Christian Gebhardt

Foto

GARGOLOV

Datum

4. Juli 2012
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 01/2011.
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