Porsche Boxster S im Fahrbericht : Kleiner Sportler wird erwachsen

Porsche Boxster S

Kürzerer vorderer Überhang, niedrigere Bauhöhe, längerer Radstand, breitere Spur vorn und hinten - selten wurde ein Porsche so gründlich umgemodelt, ohne dabei an Gewicht zuzulegen oder an Flair einzubüßen. Im Gegenteil: Wer dem neuen Porsche Boxster S in die markanten Bi-Xenon-Scheinwerfer schaut, hat guten Grund sich zu verlieben.

Wie die Zeiten sich geändert haben. Dass ein Porsche Boxster-Fahrer anhält, um den neuen Elfer abzulichten, mag ja angehen. Aber umgekehrt? Auch das ist seit Erscheinen des neuen Einstiegs-Porsche möglich. So geschehen am Stuttgarter Frauenkopf abends um halb sieben.
 
Warum auch nicht? Schließlich sind die Veränderungen, die das Sportwagen-Basismodell mit dem springenden Pferd im Wappen erfuhr, nicht minder umfangreich als jene, die im vergangenen Jahr dem neuen Elfer zu ungewohnten Höhenflügen verhalfen.

Porsche Boxster folgt Elfer-Konzept

Auch das Rezept ist ähnlich. Die Karosserie des Porsche Boxster wurde insgesamt gestreckt (plus 32 mm), der Radstand verlängert (plus 60 mm). Zugunsten eines stämmigeren Auftritts wurde gleichzeitig der vordere Überhang um 27 Millimeter verkürzt. Das Raumgefühl im zweisitzigen Cockpit profitiert von der um 10 Zentimeter nach vorn gerückten Frontscheibe. In der Höhe hat der Mittelmotor-Roadster, der nunmehr auf 315 Pferdestärken aus 3,4 Liter Hubraum zugreifen kann, 16 Millimeter eingebüsst. Für eine noch sattere Straßenlage und bessere Performance-Werte zeichnen größere Spurweiten vorn und hinten verantwortlich (plus 40 beziehungsweise 18 mm).
 
All diese Ingredienzien wurden so oder ähnlich zuvor auch dem großen Heckmotor-Bruder zuteil. Gleiches gilt für die konsequente Gewichtsreduzierung an der nunmehr zu 45 Prozent aus Aluminium gefertigten Porsche Boxster-Karosserie. Auch in anderer Hinsicht gehören die unter Wendelin Wiedeking noch intensiv gepflegten Berührungsängste zwischen dem dem ab 48.291 Euro teuren Einstiegsmodell (Basis-Boxster mit 265 PS starkem 2,7-Liter-Motor, Boxster S ab 59.120 Euro) und dem unlängst unter der internen Kennziffer 991 neu aufgelegten Kultsportler Porsche 911 offensichtlich der Vergangenheit hat.

Sportliche 911-Technik im Basismodell

Vom Porsche Torque Vectoring (PTV), über die im Porsche 911 GT3 RS erstmals verbauten dynamischen Motorlager bis hin zu 20 Zoll großen Rädern wird Porsche Boxster-Kunden inzwischen so gut wie nichts mehr vorenthalten. Dass dazu auch die im kleinen Roadster nunmehr ebenfalls eingesetzte elektrische Handbremse sowie der klobige neue Einheitsschlüssel in Panamera-Silhouette zählen, geht als kleinerer Wermutstropfen durch.
 
Weit mehr erstaunt, dass die Porsche-Entwickler beim Boxster im Verbund mit PDK an dem im Elfer inzwischen ausgemusterten Doppelwippen-Lenkrad festgehalten haben. Das an beiden Lenkradseiten mögliche Herauf- und Herunterschalten ist zwar irgendwie praktisch, weil die andere, freie Hand sich zeitgleich mit Wichtigerem als der manuellen Gangwahl beschäftigen kann, birgt in schnell durcheilten Kurven jedoch die Gefahr, dass mit dem Handballen ungewollt hochgeschaltet wird. Sei’s drum - die neu hinzugekommene, oberhalb des Dreispeichen-Sportlenkrads montierte Anzeigeneinheit, die Auskunft über das gerade gewählte Fahrprogramm gibt, ist schick und passt zum insgesamt deutlich wertiger gewordenen Innenraum des Hecktrieblers.

Porsche Boxster S für die Erwachsenenwelt

Neben der im Design an die teureren Modelle des Herstellers angelehnten Mittelkonsole und den eleganten Chrom-Elementen werden Langbeiner mit kurzen Armen insbesondere die in Längsrichtung über einen angenehm weiten Verstellbereich verfügende Lenksäule goutieren. Unnötig zu erwähnen, dass diese nunmehr über den aus dem Panamera und dem Cayenne bekannten elektrischen Verstellmechanismus verfügt. Mit dem neuen Modell - so viel ist klar - ist der Porsche Boxster S ein für alle Mal in der Erwachsenenwelt angekommen.
 
Fans der kleinen Porsche-Baureihe mag eine solche Äußerung skeptisch stimmen. Könnte sie doch implizieren, dass mit dem Länger, Breiter, Flacher, Feiner irgendwie auch eine gewisse Langweile einhergehen könnte. Dem ist im Falle des auf 315 PS erstarkten Topmodells jedoch nicht so. Was im Porsche Boxster S besser geworden ist - die einer weiteren Range von Fahrerstaturen passende Ergonomie im Innenraum, die Wertigkeit der Cockpitgestaltung, die spürbar gestiegene und seitens des Herstellers mit 40 Prozent bezifferte Torsionssteifigkeit des nunmehr ohne gesonderten Verdeckkastendeckel auskommenden offenen Zweisitzers - dient einem handfesten Zweck und hat keine die Fahrfreude mindernden Nebenwirkungen.

Kompakter Porsche ist Stimmgewaltiger

Und vom Temperament und Charakter her ist der neue Porsche Boxster S nicht anders aufgestellt als der alte. Mit einer Länge von 4,37 Meter ist er immer noch angenehm kompakt, aufgrund der mit dem neuen Elfer eingeführten außergewöhnlich viel Rückmeldung bietenden elektromechanischen Lenkung und der größeren Spurweiten vorn und hinten agiler und präziser denn je zu fahren. An Stimmgewalt hat der Newcomer sogar deutlich zugelegt. Wer die Auspuffklappen mit der dafür vorgesehenen Taste auf der Mittelkonsole auf Durchzug stellt, wird bei jedem Tritt aufs Gaspedal mit einer fulminanten „Ich-will-mehr“-Fanfare belohnt.
 
Vielleicht sind die sich umgehend in Richtung des knallgelben Testwagens drehenden Köpfe der Passanten also weniger auf die geschärfte, an den einstigen Supersportler Carrera GT angelehnte Seitenlinie des Zweisitzers zurückzuführen als vielmehr auf die Tatsache, dass der Porsche Boxster S brüllt wie ein Großer. Warum auch nicht? Wer auf Acht-Minuten-Niveau um die Nordschleife pfeilen soll, hat jedes Recht, die Klappe(n) aufzureißen.

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Anja  Wassertheurer

Autor:

SPORT AUTO, Heft 4 / 2012

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