sport auto 01/2010 47 Bilder Zoom

Volkswagen Käfer 1302 TDE trifft auf VW Scirocco R: Sportliche VW-Modelle von damals und heute

Da schau her - so klein war er gar nicht, der VW Käfer, dessen Erfolgsgeschichte erst 2003 endete: Dem bösen, breiten Scirocco R kann er optisch durchaus Paroli bieten. Unterm Blech treffen 135 Doppelvergaser-PS auf 265 Turbo-Pferdchen.

Ein Treffen in Nizza. Das klingt nicht nur für Liebespaare viel versprechend. Auch deutsche Automobil-Journalisten kann die Aussicht auf ein Rendezvous an der südfranzösischen Côte d‘Azur durchaus hinter dem heimischen Ofen hervorlocken. Dies gilt umso mehr, wenn der Gastgeber mit derart scharfen Spezialitäten ködert. Brandneu und lang erwartet die eine, stolze 40 Jahre alt und einst heiß geliebt die andere.

"Wer kann dazu schon Nein sagen" gilt hier einmal ganz ohne Kirsche. Ich jedenfalls nicht. Ein Käfer Baujahr 1972 in Eierschalen-Weiß - so wie meiner. Mein erstes Auto, das bereits erworben wurde, bevor der Führerschein überhaupt im Kasten war. Sechs lange Wochen hieß es warten und ständig Umwege radeln. Nur um dem beim VW-Händler im heimischen Dorf wartenden automobilen Freund stets aufs Neue bestaunen zu können. Keine Frage - die Vielzahl auf wahlweise widerborstige oder gründlich auf der Leitung stehende Unterstufen-Schüler verwandter Nachhilfestunden hatte sich gelohnt. Er gehörte mir - ganz allein und war bar bezahlt. 1.900 Deutsche Mark gingen anno 1983 für den perfekt erhaltenen VW 1303 LS über den Tresen.

VW Käfer mit unter 900 Kilo Lebendgewicht

Kein Rost, kein sichtbarer jedenfalls - nirgendwo. Das besaß ebenso Seltenheitswert wie die tadellos funktionierende Heizung und die mit dem Modelljahr 1973 eingeführte Luxusausstattung meines Käfers: braune Kunstledersitze mit integrierter Kopfstütze, Panorama-Scheibe, Drehzahlmesser und ein gut zur Hand liegendes dickeres Lenkrad, welches - ich trau mich‘s kaum zu sagen - im Winter unter einer flauschig-weichen Fell-Umwickelung verschwand. Na ja - jeder hat so seine Jugendsünden. Und - 50 PS. Mehr hatte damals von meinen Käfer fahrenden Mitschülern und Freunden keiner zu bieten. Ich war der Held, klarer Fall, zumal mein "Tobias" (alte Autos brauchen einfach einen Namen - dazu stehe ich heute noch) im Mittel ganze zehn Liter Sprit auf 100 Kilometern verbrauchte. Das lag nach damaligen Maßstäben durchaus im Rahmen und blieb auch dann bezahlbar, als der Liter Normalbenzin die magische Eine-Mark-Grenze durchbrach.

Heute kostet der Liter Bleifrei mit 1,35 Euro rein numerisches betrachtet fast dreimal so viel. Und wenn eine 50-PS-Schleuder mit unter 900 Kilo Lebendgewicht sich zehn Liter und mehr hinter die Binde kippen würde, wäre sie wohl definitiv reif für die Schrottpresse. Alternativ stünde die grundlegende soziale Ächtung des Besitzers an.

Die schärfste Variante des unlängst wieder aufgelegten Coupés auf Golf-Basis

Volkswagen jedenfalls billigt der schärfsten Variante des unlängst wieder aufgelegten Coupés auf Golf-Basis, dem 265 PS starken Scirocco R, gerade einmal acht Liter Superbenzin im Drittelmix zu. Auch wenn das im Alltag kaum Bestand haben wird - grundsätzlich haben die Verbrennungsmotoren seit Anfang der siebziger Jahre erheblich an Effizienz gewonnen. Und ausgeschöpft ist das Potenzial noch lange nicht. Auch ansonsten hat die Neuzeit bei Volkswagen längst in überzeugender Form Einzug gehalten - womit nicht nur die fraglos sehr dynamische, kraftvoll-aggressive Gestalt des folgerichtig nach einem heißen Wüstenwind benannten Scirocco gemeint ist. 

Während es anno 1972 noch eines Tuners bedurfte, um einen Käfer 1302 mit der Kraft von 135 Pferden antreten zu lassen, schüttelt heute das Werk selbst ganz lässig 265 PS aus dem Ärmel. Zwei Liter Hubraum, Benzin-Direkteinspritzung, reibungsarme Rollenschlepphebel im Ventiltrieb und ein mit bis zu 1,2 bar anblasender Abgasturbolader machen‘s möglich. Dazu ein perfekt zu schaltendes manuelles Sechsganggetriebe oder optional wie beim Testwagen ein über eine identische Zahl an Fahrstufen verfügendes Doppelkupplungsgetriebe - in Wolfsburg DSG genannt. Letzteres stellt wie schon beim Golf GTI zwei Automatikprogramme und einen manuellen Modus zur Verfügung. Die von vernehmbaren Abblasgeräuschen untermalten Gangwechsel werden dann mittels Schaltwippen am Lenkrad erledigt. 

ESP auch in den R-Modellen nicht deaktivierbar

Das macht Spaß, ist praktisch und soll ein Stück weit jenes Rennwagen-Flair in den Alltag herüberretten, das die Scirocco-Flotte in diesem Jahr beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring versprüht hat. Allein - ganz so scharf wie die dort an den Start gegangenen, rund 300 PS starken GT24 ist der Scirocco R für die Straße schon deshalb nicht, weil Volkswagen sich auch bei seinen sportlichsten Kompaktmodellen (der identisch motorisierte Golf R folgt Anfang 2010) nicht von seiner grundsätzlich sicherheitsbetonten Philosophie verabschieden mochte. Das elektronische Fahrstabilitätsprogramm ESP steht auch in den R-Modellen stets Gewehr bei Fuß. Auf öffentlichen Straßen stört das nicht. Selbst auf den am Testtag recht schmierigen Straßen der nasskalten Seealpen sah sich der elektronische Rettungsanker höchst selten genötigt, in das muntere Treiben des Scirocco R einzugreifen. Inwieweit das auch für die Zeitenhatz auf der Rennstrecke gilt, wird zu einem späteren Zeitpunkt der Test klären. 

So oder so gilt: Wer den Slogan „von der Strecke auf die Straße“ propagiert, sollte auch den Mut haben, ihn zu vertreten. Und Rennfahrer würden sich bedanken, wenn sie von den auch im Motorsport immer häufiger an Bord befindlichen Traktionskontrollen zwangsweise entmündigt würden. Wo ESP off draufsteht, sollte auch ESP drin sein. Aber genug der Schelte. Von dieser prinzipiellen Inkonsequenz abgesehen, macht der stärkste Scirocco wahrlich Lust auf mehr. Der Zweiliter-Turbo-Motor hängt gierig am Gas und gibt sein maximales Drehmoment von beachtlichen 350 Newtonmetern nahtlos zwischen 2.500 und 5.000 Touren an die angetriebenen Vorderräder ab. Lenkbefehlen folgt der 1.364 Kilogramm schwere Viersitzer aufs Wort. 

Der Geräuschpegel im Innenraum ist niedrig, die auf Wunsch und gegen Aufpreis mit Leder bezogenen Sportsitze haben Format und Kontur. Es lässt sich also wahrlich leben im neuen VW R-Modell, auch wenn sich die Unterschiede zum normalen Scirocco - vom leistungsstärkeren Triebwerk abgesehen -, durchaus im Rahmen halten. Zwar wurde das Sportfahrwerk spezifisch abgestimmt, das Achslayout selbst verblieb jedoch auf Serienstand. Für die situationsgerechte Momentenverteilung zwischen den Antriebsrädern zeichnet hier wie da eine XDS getaufte Funktionserweiterung der in das ESP integrierten elektronischen Differenzialsperre (EDS) verantwortlich. Selektive, von der Elektronik gesteuerte Bremseingriffe ersetzen das gute alte mechanische Sperrdifferenzial. 

Von Theo Decker in Essen scharfgemachter VW 1302

Optisch beschränken sich die Abweichungen des stärksten von den schwächeren VW Scirocco auf schwarz glänzende Klavierlackeinlagen am unten abgeflachten Multifunktionslenkrad und in der Mittelkonsole sowie Instrumente mit weißer Ausleuchtung und blauen Zeigern. Ach ja - und die Tachoskala reicht bis 300 km/h. Außen sorgen spezielle LED-Tagfahrlichter und ein eigenständiges schwarzes Kühlergrillgitter sowie ein größerer Dachkantenspoiler am Heck für Akzente - ein Fall für Insider also. Interessanterweise haben der VW Scirocco R und der von Theo Decker in Essen mittels Hubraumerweiterung, Doppelvergaser und Ölkühlung stark gemachte VW 1302 damit sogar etwas gemein. 

Auch wenn der Motor und der Antrieb beim einen vorn und beim anderen hinten sind und der Scirocco zur Gänze den Segnungen der modernen Elektronik vertraut, wo der 1302 TDE (der übrigens eine mechanische Differenzialsperre besitzt und in der Folge perfekt zum Driften taugt) den Fahrer fordert. In Sachen Understatement sind sich der werksgetunte Scirocco und der fremdbearbeitete Käfer einig: Man muss nicht unbedingt zeigen, was man hat. Ergo tritt auch der einst von Kult-Tuner Decker grundlegend überarbeitete Rundling kaum martialischer auf als der Werkssportler von heute. Einzig die für damalige Verhältnisse vergleichsweise großen und breiten zweiteiligen EMPI Alu-8-Spoke-Felgen im Format 5,5 x 15 Zoll geben einen Hinweis auf die überdurchschnittliche Potenz des 135 PS starken Käfers. 

Was hätte ich mich damals verzehrt nach einem solchen Auto. Und wie genieße ich es heute - ein Vierteljahrhundert später - dem Traum meiner Jugendtage ganz unerwartet noch einmal so nahe gekommen zu sein. Gerade Frontscheibe und Futura Sport V Maloya-Reifen hin oder her: So ein Käfer hat schon was. Da fällt mir ein: Einen VW Scirocco habe ich auch mal besessen. Der kam später, hieß Scala und hatte 95 PS unter der Haube. Aber das ist nun wieder eine andere Geschichte.

So testet sport auto
Messprozedere
Teil 1 Die Standardmessung in Hockenheim: Beschleunigungs- und Bremsprüfung, Elaszitätsmessung
Teil 2 Fahrdynamik-Tests und Rundenzeit auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim
Teil 3 Das Testprogramm auf der Nürburgring-Nordschleife
Überblick Rundenzeiten Hockenheim (Einzel-/ Vergleichstests)
Überblick Rundenzeiten Supertests (Nürburgring, Hockenheim)
0-300-0 Extrem-Leistungstest: Beschleunigungs- und Bremsduell 0-300-0 km/h
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Von am 28. Juni 2012
Heft 01 / 2010
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