Crash-Analyse 24h-Rennen Le Mans 2012: Unfall-Risiko und Lösungsvorschläge

40 RACE PERFORMANCE M. Frey / J. Hirschi / R. Meichtry Oreca 03 - Judd crashed 03.06.2012. Le Mans Testing, FIA World Endurance Championship, Le Mans

Müssen die Privatfahrer vom 24h-Rennen in Le Mans verbannt werden und warum stieg abermals ein LMP1-Prototyp bei einem Unfall auf?

Der mediale Höhepunkt des 24h-Rennens in Le Mans 2012 war fraglos am Samstagabend nach fünf Rennstunden erreicht: Der spektakuläre Überschlag von Toyota-Werkspilot Anthony Davidson war schon wenige Minuten später als Video auf Youtube zu sehen - und vervielfältigte sich fortan millionenfach rund um den Erdball. Dabei ging unter, dass alle sechs Top-Wagen der beiden LMP1-Hersteller von Toyota und Audi in Unfälle verwickelt waren.

Toyota stieg auf wie ein 747-Jumbo

Die Uhr zeigte fast auf die Sekunde 20.00 Uhr: Toyota-Pilot Anthony Davidson wurde auf der Anfahrt zur Mulsanne-Kurve von einem Privatfahrer im AF Corse-Ferrari mit der Startnummer 81 beim Anbremsen am linken Hinterrad erwischt. Offenbar hatte Pilot Pierguiseppe Perrazini den heran rauschenden Prototypen gar nicht gesehen. Bei der Berührung brach sofort das linke Hinterrad ab, ebenso der Heckflügel. Die dadurch ausgelöste Drehbewegung stellte den Toyota TS030-Hybrid bei Tempo 310 quer zur Fahrtrichtung, der großflächige Wagenboden zog blitzartig Unterluft - und der Toyota stieg auf wie ein 747-Jumbo auf der Startbahn in Frankfurt am Main. Nach einer Rotation um die Seiten- und dann um die Längsachse knallte der Toyota fast frontal in die Reifenstapel.

Wie sich Stunden später herausstellte, hatte sich Anthony Davidson bei dem Unfall zwei Wirbel gebrochen - glücklicher Ausgang eines dramatischen Unfalls, der tödlich hätte enden können. Das Le-Mans-Fahrerlager diskutierte fortan die folgenden zwei Fragen: Wieder war ein offenbar überforderter Privatfahrer in einen Highspeed-Crash verwickelt, wie schon im vergangenen Jahr, als Audi-Werkspilot Mike Rockenfeller bei Tempo 320 km/h ebenfalls von einem wohlhabenden Amateur-Rennfahrer übersehen wurde. Müssen die Privatfahrer also verbannt werden?

24h-Rennen in Le Mans braucht Amateure

Punkt 1 Privatfahrer: Gut ein Drittel aller Piloten in Le Mans sind Amateure, ob in der LMP2- oder der GTE-Am-Klasse. Ohne diesen Piloten würden dem Veranstalter ACO 15 bis 20 Wagen im Starterfeld fehlen. Kein Fan kommt nach Le Mans, um 20 Werkswagen oder werksunterstützte Wagen zu sehen. Das 24h-Rennen in Le Mans braucht also die Amateure. Viele dieser Piloten sind sehr erfahren und nur äußerst selten in Unfälle verstrickt, andere sind sichtlich überfordert. Es liegt am Veranstalter, Qualifikationskriterien zu entwickeln und ihre Umsetzung zu überwachen. Ein Qualifikations-Quorum wie die 107-Prozent-Regel, innerhalb der sich alle Piloten in ihrer Fahrzeugklasse qualifizieren müssen, sollte ebenso verpflichtend sein wie ein Mindestmaß an Erfahrung in einem Mehrklassenfeld mit Prototypen. Zur Not müssen die Amateure eben in die Nachschulung, samt Nachprüfung.

Und warum stieg abermals ein LMP1-Prototyp bei einem Unfall auf, obwohl doch die potthässliche Finne, die von der Cockpitkanzel bis zum Heckflügel reicht, ein Abheben ebenso verhindern soll, wie die 2012 erstmals vorgeschriebenen großflächigen Aussparungen oberhalb der vorderen und hinteren Radkästen?

LMP1-Autos müssen Segelfläche reduzieren

Punkt 2 Abhebegefahr: Trotz viel Lärm und vieler Neuerungen im technischen Reglement ist die Abhebegefahr beim Querschlagen eines LMP1-Prototypen offenbar nicht gebannt. Ergo muss die für die Sicherheit zuständige Weltmotorsportbehörde FIA neue Untersuchungen lancieren. Weder die Finne in Längsachse noch die Radhausentlüftungen haben das Risiko des Abhebens im Falle eines Reifenschadens oder Fahrwerksschadens mit seitlichem Einknicken des Fahrzeuges gemildert. Fakt ist: Die Unterbodenfläche eines LMP1-Autos ist zu groß, sie wirkt mit ihren gut zehn Quadratmetern wie eine Segelfläche. Flugzeuge heben mit weniger Fläche und bei geringerer Geschwindigkeit ab. Also muss die Fläche reduziert werden. Vielleicht nach dem F1-Vorbild oder dem Muster des Delta-Wing-Wagens, wo der vorderer Fahrzeugteil nur über eine schmale, langgezogene Finne verkleidet ist und der breitflächige Unterboden erst ab Fahrzeugmitte oder auf Höhe des Fahrzeugcockpits beginnt.

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Marcus  Schurig

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