Es schien wie immer zu sein. Acht World Rally Cars hatten sich angemeldet, die Lausitz lockte mit tollen Schotterpisten, der Stromkonzern Vattenfall ließ neben dem Braunkohletagebau bei Weißwasser wieder eine Arena mit Sprungkuppe und Wasserdurchfahrt anlegen. Dann war da noch das Finale der Deutschen Meisterschaft. Vier Fahrer hatten Titelchancen. Die beiden Favoriten Hermann Gaßner Junior und Sandro Wallenwein waren nur durch einen Punkt getrennt.
Noch am späten Abend vor der Rallye wurde diskutiert
Doch düstere Wolken zogen auf - nicht nur am Himmel. Als das von Norden herangezogene Tiefdruckgebiet den Serviceplatz in ein Schlammloch verwandelte, konnte Saku Viierima noch lachen. Eigentlich wollte er mit seinem Subaru WRC nicht mehr kommen, „aber die letzte Sieger-Party war so gut“, meinte der Finne. Konnte man ihn vor zwei Jahren nicht vergraulen, gelang das nun mit Nachdruck, denn plötzlich durfte er an der Lausitz-Rallye nicht teilnehmen. Noch am späten Abend vor der Rallye diskutierten Rallye-Organisator Wolfgang Rasper und die Verbands-Delegation des DMSB.
Rallye-Funktionäre wollten die WRC nicht starten lassen
World Rally Cars sind in der Deutschen Meisterschaft seit 2009 nicht mehr startberechtigt. Rasper hoffte, die Gaststarter aus den Niederlanden, Tschechien, Finnland und nicht zuletzt Lokalmatador und Rekordmeister Matthias Kahle mit seinem Skoda Octavia in der Sonderwertung des Lausitz-Pokals unterzubringen. Ganz sicher schien er sich da aber auch nicht zu sein, denn auf der zur Genehmigung vom DMSB eingereichten Starterliste fehlten die WRC. Die Rallye-Funktionäre hätten sich zwar schon eine Woche vor dem Saisonfinale auf einschlägigen Internetseiten über die drehmomentstarken Gäste informieren können, doch zeigten sie sich völlig überrascht und wollten die WRC nicht starten lassen. Während Rasper auf den gültigen Stempel auf seiner Lausitz-Pokal-Liste (freilich ohne WRC) verwies, unterstellte die Sporthoheit dem Lausitzer Täuschung.
„Wir haben ihm die Türe dennoch so weit wie möglich offen gehalten“, so Dietmar Lenz, Rallyefachausschuss-Leiter des DMSB. Die WRC durften am Ende in einer eigenen Veranstaltung hinter dem DRM-Feld starten. Sie absolvierten aber eine Prüfung weniger und kamen deshalb nicht für den Gesamtsieg in Frage. Saku Viirima zog seinen Impreza ebenso sofort zurück wie Matthias Kahle, dessen Finanzier und Beifahrer Christian Dörr meinte: „Ich gebe das Geld nicht aus, um hier den Pausenclown zu machen.“ Noch bevor die Motoren angelassen wurden, war das Skoda-Team abgereist und hatte einen Plan B entwickelt, wie mit dem Budget ersatzweise zu verfahren sei. Erst noch gab sich Kahle geheimnisvoll, dann ließ er grinsend fallen: „Ich bin noch nie in Finnland angetreten.“
Das DRM-Feld wusste nicht wer wo fährt
Kurz vor dem Start wusste das DRM-Feld weder, wer wo starten würde, noch welche Prüfungen überhaupt oder in welcher Länge gefahren würden, denn die Oberlausitz ertrank in den schweren Regenfällen. Viele Teilnehmer hielten einige Prüfungen für die kleinen Fronttriebler im Hinterfeld für unpassierbar. Am Ende entschied Rasper, die Autos des Suzuki-Cups vorneweg fahren zu lassen. Der fröhlich gelb blinkende Farbtupfer Suzuki sorgte für weitere Depressionsstimmung. Zwar konnte man auch hier mit einem Herzschlagfinale aufwarten, bei dem drei Titelkandiaten am Ende durch einen Punkt getrennt waren, aber zum einen waren nur noch acht Autos am Start, zum anderen gehen die Lichter aus.
Nach fünf Jahren zieht sich Suzuki trotz guter Wirtschaftszahlen komplett aus dem Sport zurück. In die Katerstimmung passt auch der extreme Geldmangel von vielen Arrivierten. Florian Niegel, 2008 noch WM-Teilnehmer, sorgte zu Saisonbeginn mit einem gemieteten Mitsubishi Lancer für Achtungserfolge, doch dann sprang der Sponsor ab. In Weißwasser schraubte Niegel am Lancer von Olaf Dobberkau und zuckte im matschigen Overall mit den Schultern. Peter Corazza hatte mit Platz eins bei der Wikinger-Rallye gezeigt, dass er nicht nur ein Mann für Punkte, sondern auch für Siege und sogar Meisterehren sein könnte. Doch der Fahrinstruktor aus Oelzen konnte sich lediglich zwei neue Michelinreifen für die Lausitz leisten, um seine theoretischen Titelchancen noch zu wahren. Als eine Bremsscheibe brach, und die Reifen sich als untauglich für die kalten Extrembedingungen erwiesen, strich er die Segel. Voll angreifen konnte der Schotterspezialist ohnehin nicht. Sein Evo VII ist ein Methusalem, „aber ich habe nur dieses Auto und brauche es für nächstes Jahr“, sagte er schief grinsend.
2010 bekommt die Lausitz-Rallye kein Prädikat
Schon vor dem Start gab der DMSB bekannt, dass die Lausitz-Rallye für 2010 kein Prädikat erhält und zudem gegen Organisator Rasper ein Sportgerichtsverfahren eingeleitet würde. Abgesehen von dieser Machtdemonstration kommt vom Verband zur Renaturierung der DRM wenig Initiative. „Es wird sich nicht viel tun“, sagt Dietmar Lenz. In der kommenden Saison wird es nur mehr fünf Läufe geben, allesamt auf Asphalt. Zwar wurden mit den Gruppen G, H und F2005 die DRM für weitere Fahrzeugklassen geöffnet, aber auch in Frankfurt glaubt man nicht, dass dies dem höchsten deutschen Automobilsport-Prädikat zu mehr Glanz verhilft. Für den mussten Hermann Gaßner Junior und Kathi Wüstenhagen sorgen. Obwohl der Tscheche Martin Semerad, dem bei der Pirelli-Nachwuchssichtung vor einem Jahr gegenüber Gaßner der Vorzug gegeben wurde, einen starken Gastauftritt hatte und mit seinem Mitsubishi Evo IX bis zwei Prüfungen vor Schluss führte, blieb der deutsche Junior cool.
Sein Gegner hieß Sandro Wallenwein. Der hatte seinen Impreza vor der Rallye noch einmal komplett zerlegt und einen Schottertest absolviert. Wallenwein setzte auf seine Routine, war aber etwas skeptisch: „Ich bin in diesem Jahr 500 WP-Kilometer gefahren, der Hermann allein 1.000 auf Schotter.“ Entsprechend gab Gaßner Junior ihm schon am ersten Abend auf drei Prüfungen eine halbe Minute mit. Während der Aufholjagd am nächsten Morgen fanden sich plötzlich zwei dicke Steinbrocken im Weg, die sich erst hinter Gaßner Junior auf der Piste fanden und vor Gaßner Senior bereits wieder verschwunden waren. „Es tat einen Riesenschlag“, sagte Mark Wallenwein, der nach durchwachsener Saison im Renault Clio im zweiten Subaru Impreza als Viertplatzierter zeigte, warum er zu Deutschlands größten Talenten zählt. Glücklicherweise wurde die DRM nicht durch die Unfairness einiger Schlachtenbummler entschieden - an Sandro Wallenweins Subaru gab es lediglich kosmetische Blessuren. „Ich will das nicht als Entschuldigung anführen. Der Hermann war schneller, das geht schon in Ordnung“, sagte der Schwabe.
Die Deutsche Meisterschaft soll nur eine Durchgangsstation sein
Ohne Neid blickt die deutsche Gemeinde auf ihren Meister. Wer zugunsten eines WM-Starts in Portugal bei der Wikinger-Rallye ein Nullresultat kassiert, doppelt so viele Bestzeiten fährt wie der Nächstbeste (Olaf Dobberkau), bei sechs Starts vier Saisonsiege holt und trotz defensiver Fahrweise zum Schluss auch noch den patzenden Semerad im Kampf um den Lausitz-Gesamtsieg überholt, darf sich verdient die Krone aufsetzen. Wenn in der DRM von Hermann Gaßner die Rede ist, spricht die Gemeinde seit 2009 meist nur noch vom Jüngeren. Der gleichnamige Senior verlor seinen Meistertitel durch einen Fahrfehler im Oberland sowie Kinderkrankheiten am neuen Lancer Evo X. Früh schrieb er die fünfte Titelverteidigung ab. Als sein Sohn im Blitzlichtgewitter den ersten großen Titel feiert, sitzt der Vater grinsend im Dunkel seines Autos und gesteht, dass er sich darüber mehr freut als über eine eigene Meisterschaft. Unumwunden gibt er zu, gegen seinen Sohn im teaminternen Duell keine Sonne mehr zu sehen, „aber das muss ja wohl auch so sein.“ Die Deutsche Meisterschaft soll für Gaßner Junior nur eine Durchgangsstation sein. Das Ziel heißt nach wie vor Weltmeisterschaft - Gaßner Senior meint ganz ohne Eigennutz über den Junior: „Ich hoffe, dass wir ihn in der DRM nächstes Jahr nicht mehr sehen.“






