Große Analyse vom 24h-Rennen Nürburgring 2012: Das Kräfteverhältnis der Top-Teams

24h-Rennen Nürburgring 2012

Wenn ein Hersteller bei einem Langstreckenrennen einen überlegenen Doppelsieg mit Minutenvorsprung einfährt, so scheint der Schluss nahe zu liegen, dass diese Marke mit einem überlegenen Auto ins Rennen gegangen ist. Doch von krasser Audi-Überlegenheit konnte beim 24h-Rennen am Nürburgring 2012 gar keine Rede sein.

Beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring siegte 2012 Audi mit dem Phoenix-Team überlegen, auf Platz zwei klassierte sich ein weiteres Audi-Team (Mamerow Racing). Doch sowohl BMW als auch Mercedes hatten ganz reelle Siegchancen. Nur der 24h-Dauersieger Porsche - fünf Erfolge am Nürburgring in den letzten sechs Jahren - war in der Rückbetrachtung chancenlos.

Audi, BMW Mercedes und Porsche gleich stark?

Dabei hatte Porsche in der Vorbereitungsphase im Rahmen der Langstreckenmeisterschaft am Nürburgring (VLN) noch mit zwei Laufsiegen seine Stärke aufblitzen lassen. Wieso hielt die Frühform nicht beim 24h-Rennen? Weil sich das Kräfteparallelogramm zwischen den Topmarken Audi, BMW Mercedes und Porsche zwischenzeitlich verschoben hatte - oder verschoben wurde, je nach Sichtweise.

Im Porsche-Lager war man jedenfalls stinksauer, als neun Tage vor Beginn der Veranstaltung die sogenannte Einstufung der Fahrzeuge (Balance of Performance (BOP)) noch einmal zuungunsten von Porsche verändert wurde: Zwar wurde Porsche für seine Erfolge nicht direkt abgestraft, genauso wenig wie BMW, die ebenfalls ein Rennen auf der Nordschleife gewinnen konnten. Doch die Verfolger erhielten technische Zugeständnisse: Audi bekam eine Sonderzulassung für eine spezielle Aero-Konfiguration mit sogenanntem Bananenflügel, der 100 Millimeter über das Heck hinausragt, und modifizierten Flaps am Frontspoiler zugestanden. BMW durfte sogenannte Louver auf den vorderen Radhäusern verwenden, die die Topspeeds erhöhten. Auch die nicht als siegfähig eingestuften GT3-Autos von Corvette, Aston Martin und McLaren durften mit mehr Abtrieb fahren. Audi, Aston Martin und McLaren konnten außerdem 25 Kilo Gewicht ausladen.

Verbrauchsvorteil bringt Porsche nichts

Mit all dem hätte Porsche wohl noch leben können, doch gleichzeitig raubte die für die Fahrzeugeinstufungen am Nürburgring zuständige Technikkommission den Schwaben den letzten verbliebenen Trumpf: Weil Porsche mit dem kleinsten Hubraum und der geringsten Zylinderanzahl antritt, zehren sie von einem gewissen Verbrauchsvorteil. Die Technik-Kommission gestattete Audi, Mercedes und BMW fünf Liter mehr Tankinhalt und vor allem größere Tankdurchflussrestriktoren, die ein schnelleres Nachtanken erlauben. Die Porsche-Rechnung war simpel: Währen die 911er beim Nachtanken maximal zwei bis drei Liter Restbenzin im Tank haben, sind bei Audi & Co. noch mindestens 7 bis 8 Liter im Tank. Somit würde Porsche bei jedem Stopp mindestens 5 bis 6 Sekunden auf die Gegner verlieren.

Auch wenn das Rennen durch die vielen Unfälle und Gelbphase nur selten Maximalspeed zuließ, so offenbart ein Blick in die Rundenzeitentabellen, dass Porsche in der Tat bei den Boxenstopps verlor. Der genaue Zeitverlust muss erst noch errechnet werden und wird in der nächsten Ausgabe von sport auto (ab 15. Juni im Handel) analysiert. Gleichzeitig war Porsche beim Fahrzeugspeed in der Defensive: „Wir konnten gerade eben so mithalten, aber nur reagieren, nie agieren“, sagte Olaf Manthey nach dem Rennen. Dazu beschädigte ein Unfall von Lucas Luhr in der Nacht die Frontpartie, was zu Abtriebs-Verlust und Untersteuern führte. Obendrein nervten Probleme mit dem Nockenwellensensor. Porsche konnte nur mitschwimmen - und auf Fehler oder Zuverlässigkeitsprobleme bei den Gegnern hoffen.

Technik verhindert Mercedes- und BMW-Sieg

So wie bei Mercedes: Obwohl die Flügeltürer mit der Renn-Chiffre SLS AMG GT3 mittlerweile die zweite volle Saison im Kundensport bestreiten, büßten zwei top besetzte SLS der Teams Heico und Rowe ihre Siegchancen mit Technikdefekten ein. Am Sonntagmorgen fiel der Heico-Mercedes in Führung liegend mit einem Dämpferschaden aus. Der Heico-Mercedes verlor seine Führung am Sonntagmorgen zwar wegen Reifenproblemen in der Regenphase am frühen Sonntagmorgen, doch der greifbare Podestplatz ging auch deshalb flöten, weil 20 Minuten vor Rennende der Wasserpumpenantrieb versagte und das V8-Triebwerk in weißem Rauch verschied.

Bei BMW lag der Fall noch krasser als bei Mercedes, denn das werksunterstützte Schubert-Team stellte fraglos die beiden schnellsten Fahrzeuge im gesamten Teilnehmerfeld. Startnummer 19 (Jörg und Dirk Müller sowie Uwe Alzen) führten boxenstoppbereinigt elf Stunden, bevor die Antriebswellen wegen permanentem Ölverlust an den Achsmanschetten getauscht werden mussten. Das Schwesterauto mit der Startnummer 20 (Nico Bastian, Dirk Adorf, Dominik Schwager und Claudia Hürtgen) ereilte das gleiche Schicksal neun Stunden später - ebenfalls in Führung liegend. „es ist eine Schande, wir hätten das Ding locker gewonnen“, stöhnte ein BMW-Werksfahrer, dessen Name uns gerade entfallen ist. BMW schlug Sieger Audi bei der schnellsten Rennrunde um sechs Sekunden. Die Stopps bei Schubert waren ebenso erste Sahne wie der Support von Reifenpartner Dunlop, die alleine sechs Mischungen für die Slick-Reifen zur Verfügung gestellt hatten. Doch ein einziger Genickbrecher genügte, um den Bayern die Suppe zu versalzen: Die technische Spezifikation der Antriebswellen wurde bei einem 30-Stunden-Test in Monza herausgefahren. Doch am Nürburgring fährt man eben an der Hinterachse andere Sturzwerte als in Monza...

Ring-Cracks bringen Audi den Sieg

Womit wir bei Sieger Audi angekommen wären. Die Ingolstädter hatten eine desaströse Vorbereitung im Rahmen der Langstreckenmeisterschaft, mit vielen Unfällen und wankelmütiger Fahrzeug-Performance. Offenbar hat das kurz vor dem 24h-Rennen zugelassene Aero-Paket die Probleme teilweise kuriert und die Performance noch einmal geliftet. Die Tatsache, dass nicht die DTM-Piloten, sondern erfahrene Ring-Cracks wie Marc Basseng oder Frank Stippler die Richtung bestimmten, hat sicher ebenfalls geholfen. Wie das Manthey-Team kann auch die siegreiche Phoenix-Truppe am Nürburgring Heimspielrecht für sich beanspruchen. Manthey und Phoenix sind die beiden großen Nürburgring-Teams, wobei sich auch Schubert, Heico, Mamerow und Rowe heuer auf Spitzenniveau gesteigert haben.

Aus technischer Sicht liefen die Phoenix-Audi R8 wie Uhrwerke. Der Nummer-2-Audi mit Marcel Fässler, Christopher Mies, René Rast und Frank Stippler zeigte sich permanent an der Spitze. leider verlor das Team knapp vier Runden, als Christopher Mies der Mittelmotorwagen am frühen Sonntagmorgen entglitt. Das Siegerauto mit der Startnummer 3 von Marc Basseng, Frank Stippler, Christopher Haase und Markus Winkelhock machte dagegen alles richtig: Schnell, sicher und fehlerfrei spulten die Piloten ihre Stints ab.

24h-Sieger ging kein Risiko ein

In den entscheidenden Phasen des Rennens agierte man überlegt, beispielsweise beim Regenschauer am Sonntagmorgen: Statt auf die Risikovariante Slicks zu setzen, blieb man auf der sicheren Seite und wählte Regenreifen. „Wir haben das Risiko insgesamt sehr gut dosiert“, lobte Marc Basseng sich und seine drei Teamkollegen nach dem Rennen. Die Boxenstopps des Phoenix-Teams waren ebenfalls über jeden Zweifel erhaben. Phoenix fand die goldene Mitte - und blieb obendrein fehlerfrei. Das war der Schlüssel zum Sieg. Außerdem erwies sich der Audi R8 LMS Ultra beim vierten Auftritt als absolut standfest und zuverlässig.

Somit gab es bei Audi auch nullkommanull Grund zur Selbstkritik. Auch wenn ein Audi-Offizieller nach dem Rennen anmerkte: „Wenn die Schubert-BMW ohne Probleme durchgefahren wäre, dann hätten wir womöglich ein Problem bekommen.“

Ergebnis 24h-Rennen Nürburgring 2012
Fahrer Team/ Auto Ergebnis
1. Basseng/ Haase/ Stippler/ Winkelhock Audi Team Phoenix - Audi R8 LMS 155 Runden
2. Mamerow/ Abt/ Ammermüller/ Hahne Mamerow Racing - Audi R8 LMS - 3:35.383 Min.
3. Frankenhout/ Simonsen/ Kaffer/ Arnold Hankook-Team Heico - Mercedes SLS GT3 - 11:31.116 Min.
4. Leinders/ Palttala/ Martin Marc VDS - BMW Z4 GT3 - 1 Runde
5. Fässler/ Mies/ Rast/ Stippler Audi Team Phoenix - Audi R8 LMS - 4 Runden
6. Abbelen/ Schmitz/ Brück/ Huismann Frikadelli - Porsche 911 GT3 - 4 Runden
7. Müller/ Müller/ Alzen/ Adorf BMW Team Schubert - BMW Z4 GT3 - 5 Runden
8. Hürtgen/ Schwager/ Bastian/ Adorf BMW Team Schubert - BMW Z4 GT3 - 5 Runden
9. Klingmann/ Wittmann/ Göransson/ Lamy BMW Team Vita4one - BMW Z4 GT3 - 5 Runden
10. Zehe/ Hartung/ Rehfeld/ Bullitt ROWE Racing - Mercedes SLS GT3 - 5 Runden
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Marcus  Schurig

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