Reportage 24h von LeMans: Audi als Einzelkämpfer

06/11 24h LeMans Reportage Grundhoff

In 24 Stunden spielt sich das ganze Leben ab und wer hier gewinnt, wird zur Legende. Die 79. Auflage des Langstreckenklassikers von Le Mans war eines der spannendsten Rennen seiner Art. Ein einzelner Audi R 18 TDI hielt die übermächtige Peugeot-Armada in Schach und gewann mit 13,4 Sekunden Vorsprung.

Wixom, rund eine halbe Stunde Fahrzeit westlich von Detroit / Michigan Ende Mai: Doug Fehan, bei General Motors für die Rennfahrzeuge des Konzerns zuständig, streichelt bei Haustuner Pratt Miller über die gelbe Corvette von Jan Magnussen. "Wir haben uns ein Jahr lang auf dieses Rennen in Le Mans vorbereitet", erzählt der grauhaarige Amerikaner, "hier muss wirklich alles passen. Jeder von uns arbeitet mit konzentriert und mit militärischer Disziplin. Und doch – auch wenn man alles richtig macht, ist das ganze Rennen zur Hälfte reines Glück."

Zwei Audi bleiben auf der Strecke

Le Mans, drei Wochen später: Das 79. 24h-Rennen war noch nicht einmal eine Stunde alt, da sollte sich dieser Satz erstmals bewahrheiten. Allan McNish will sich gerade an seinem Teamkameraden Timo Bernhard vorbei auf Platz eins setzen, da kollidiert sein Audi-Rennwagen in der schnellen Dunlop-Kurve mit einem langsamen Ferrari aus der GT-Klasse. Der R 18 TDI überschlägt sich mehrfach und droht über die Absperrung zu fliegen. Der erfahrene Pilot Allan McNish kommt mit leichten Verletzungen davon – angesichts des komplett zerstörten Audis nahezu ein Wunder. In der Nacht wird der zweite Audi R 18 TDI mit Vorjahressieger Mike Rockenfeller am Steuer ebenfalls von einem Konkurrenten der langsamen GT-Klasse aufs Korn genommen. Aus dem favorisierten Audi-Triumvirat ist mit der verbliebenen Startnummer zwei ein Einzelkämpfer geworden. Am Steuer die Fahrerbesetzung Benoit Treluyer, Marcel Fässler und Andre Lotterer. Nominell das langsamste Audi-Team. Die drei Werks-Peugeots 908 jagen den R 18 TDI Runde um Runde vor sich her. Immer wieder gibt es Führungswechsel und bei Höchstgeschwindigkeiten zwischen Mulsanne-, Arnagepassage und Fordkurve Kampf um die Positionen. Zwischendurch leichter Regen und hunderte von Überholmanövern.

Kurz nach neun Uhr morgens:das 79. 24-Stunden-Rennen war gerade kaum mehr als 18 Stunden alt, trifft es auch das Corvette-Team von Pratt Miller. Die gelbe Corvette von Jan Magnussen verabschiedet sich kurz nach Start und Ziel mit einem Porsche-Fremdkontakt ebenfalls vom aktuellen Renngeschehen - Totalschaden. Das ist Le Mans. Das allermeiste ist planbar – doch vieles bleibt schlicht Zufall. "Wir bringen hier jedes Jahr 25 Tonnen Material an die Rennstrecke", erklärt Doug Fehan weiter, "wir haben uns vor Jahren sogar einen eigenen großen Speziallastwagen nur für das Rennen in Le Mans angeschafft. Unsere US-Trucks sind einfach zu groß. Doch der Aufwand muss sein." 90 Tage hat das Team von Pratt Miller gebraucht, um die beiden Corvette-Rennwagen fertigzustellen. Bei den Teams aus der Topklasse LMP-1, in der die Powerdiesel von Audi und Peugeot um den Gesamtsieg kämpfen, ist der Aufwand noch größer. Es geht um viel. Denn der Le-Mans-Titel zählt für viele mindestens genauso viel, wie der Titel in Formel-1 oder Nascar. 

LeMans gilt für viele als das "Rennen"

Fanatische Fans wie man es vom Nürburgring her kennt, sucht man entlang der rund 13 Kilometer langen Rennstrecke Circuit de La Sarthe von Le Mans vergeblich. Sicher, auch hier finden sich kleine Inseln von Fans der Topmarken Peugeot, Audi, Aston Martin, Corvette und BMW zusammen. Doch gnadenlose Markenverliebtheit bis hin zur Selbstaufgabe ist hier kaum en vogue. Für viele Motorsportfans ist das 24-Stunden-Rennen im Westen Frankreichs das Motosportereignis weltweit. Wer hier gewinnt, hat es in die erste Reihe des Rennsports geschafft. Rennsportlegende Sir Jackie Stewart feierte seinen 72. Geburtstag diesmal während des Rennens in der Boxengasse: "Die 24 Stunden von Le Mans sind eines der wichtigsten Autorennen der Welt. Es hat so eine phantastische Geschichte. Man braucht unvergleichliche Ausdauer und es dauert einfach unglaublich lang." Die Rennwagen legen bei der Martertour so viele Kilometer zurück wie der Formel-1-Tross innerhalb einer ganzen Saison. Dazu wechselnde Bedingungen, gefährliche Überrundungen im Sekundentakt und eine Rennstrecke, die zu den schwierigsten ihrer Art gehört.

Hochspannung bis zum Schluss

So spannend wie in diesem Jahr war es selten. 24 Stunden Renndauer und letztlich hatte der Audi R 18 TDI mit der Nummer zwei einen Vorsprung von gerade einmal 13,4 Sekunden vor dem besten Peugeot 908 mit der Startnummer 9 und dem zweiten Peugeot 908 mit der Nummer 8. Frankreich trauert und in Ingolstadt knallen die Korken. Nach den beiden Ausfällen hätte kaum jemand mehr an den zehnten Erfolg bei der zwölften Teilnahme geglaubt.
 
Die meisten Motosportfans kommen aus Frankreich und England nach Le Mans. Eine der riesigen englischen Fanenklaven befindet sich jedes Jahr hinter der schnellen Porsche-Kurve, die die Boliden mit mehr als 260 km/n durchschneiden. Die Fans feiern zwar nicht so wild und so ungehemmt wie beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring, doch für viele ist das Le-Mans-Wochenende ein guter Anlass für einen trinkfreudigen Männertrip unter seinesgleichen. Die Privatautos der Fans sind dabei exklusiver als bei jedem anderen Rennen. Die Parkplätze quellen über vor Luxusportwagen wie Porsche 911, Ferrari 430, Aston Martin DB9, Marcos Roadster oder BMW M3. Wie am Nürburgring bekommen viele der bis zu 200.000 Fans an der Strecke vom Rennen selbst nicht viel mehr als den Lärm mit. Mit lustigen Saufspielen und Grillorgien verabschieden sich viele noch vor dem Start des Rennens ins Delirium und bekommen den legendären Le-Mans-Start der insgesamt 56 Rennwagen gar nicht mit. Sie verpassen die spektakulären Überholmanöver, die sägenden Klänge von Pescarolo, Corvette und Ferrari 458 sowie das brummige Säuseln der übermächtigen Diesel-LMP-1-Renner. 
 
Die meisten Zuschauer kommen auch im nächsten Jahr wieder. Bleibt abzuwarten, ob es in der Superliga LMP-1 beim Diesel-Zweikampf Audi gegen Peugeot bleibt oder Aston Martin, Lola oder Porsche den Wettkampf noch interessanter machen. Spannender als in diesem Jahr kann es kaum werden – aber ein paar mehr Topteams würden dem französischen Langstreckenklassiker durchaus gut tun. Auch für Doug Lehan ging das Ganze noch gut aus und der mächtige Aufwand der US-Amerikaner lohnte. Die zweite gelbe Corvette des Pratt-Miller-Teams mit der Besetzung  Beretta/Milner/Garcia siegte in der GTE-Pro-Klasse doch noch deutlich. Es gibt in Le Mans eben doch mehr als Riesenrad, Peugeot, Audi und die Indianapolis-Passage.

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Stefan Grundhoff

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