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Saisonrückblick 2006: Götterdämmerung

Deutschland ist nicht Weltmeister geworden, und Schumi hat es auch vergeigt, dennoch haben wir uns prächtig unterhalten. So sehr, dass wir vermutlich erst im kommenden Jahr zu schätzen wissen, was wir an 2006 hatten.

Das war’s dann. Ende. Finito. Schluss, aus vorbei. Schumi ist gegangen. Was hat das Leben jetzt noch für einen Sinn? Wo sollen wir hin - an all den sinnentleerten Sonntagnachmittagen? Ein Dutzend Rennstrecken wird wohl geschlossen werden. Vermutlich stellt RTL den Sendebetrieb ein, Ferrari zieht sich aus der Formel 1 zurück.

So ziehen wir dann los in die Marmorsteinbrüche, beginnen mit dem Einschmelzen der Kirchenglocken, und räumen die ollen Goethes und Schillers von den Plätzen, um Raum zu schaffen für die Denkmäler des Schuminators. An allen Ecken stehen Scharfschützen, das schafft Arbeitsplätze, und Taubenschiss gehört somit der Vergangenheit an.

Natürlich kriechen jetzt all die Pietätlosen aus ihren Löchern und rufen: Endlich ist er weg. Aber ihr Nörgler und Respektlosen, Hand auf’s Herz. Mit was hätten wir uns nach der Fußball-WM beschäftigt, wenn nicht täglich mit der Frage: Geht er, oder bleibt er? Nun müssen wir uns wieder mit dem üblichen philosophischen Quatsch beschäftigen. Wer sind wir? Wo gehen wir hin, und gibt es Claudia Bertani wirklich?

Mal ehrlich: Wer hat uns auch nach dem 9. Juli die Hoffnung aufrecht erhalten, Deutschland könnte doch noch Weltmeister werden? Nicht Klinsi, sondern Schumi. Und jetzt sollen irgendwelche finnischen Milchgesichter oder englischen Bübchen künftig unseren Durst nach automobiler Seifenoper befriedigen? „Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn es heißt: Kimi kriegt sein Fläschchen!“ Dass ich nicht lache.

Klar, jetzt melden sich natürlich diese ewigen Schönfärber zu Wort und sagen: „Man muss auch das Positive sehen. Es war doch nicht alles schlecht.“ Sie werden anführen, wie spannend das Automobilsportjahr war, obwohl die drei Weltmeistertitel am Ende mit Fernando Alonso (Formel 1), Sébastien Loeb (Rallye) und Andy Priaulx (Tourenwagen) wieder an die gleichen Nasen gingen wie 2005.

Zugegeben, das Dauerduell Alonso und Schumacher war ein Kracher. Wie Loeb und Grönholm mit 150 Sachen durch den Wald um Sekunden feilschten genauso. Wer hätte gedacht, dass Loeb mit seinem Armbruch für zusätzliches Drama sorgt und seinen sicher geglaubten Titel noch gefährdet. In der Tourenwagen-WM hatten vor dem Finale noch neun Fahrer Titelchancen. In Dakar heizte VW dem Abo-Sieger Mitsubishi ordentlich ein, und in Le Mans zitterte Goliath Audi um seine Zündung, um nicht mit dem Superdieselrenner gegen den David Pescarolo zu verlieren. In der DTM wurden wir mit dem Meistertitel von Bernd Schneider sogar Zeuge einer Wiederauferstehung.

Ja, ja. Alles nicht schlecht, aber was wird morgen? Wer baut künftig Barrikaden in der Rascasse und verteidigt seine haltlose Position mit Querlenker-Gewalt. Der aktuelle Formel-1-Weltmeister behindert seine Gegner ja höchstens in 50 Meter Entfernung. Unser Schumi, das war das Messer durch die Butter, und nun ist er weg. So klettern wir über die Brüstungen und machen uns bereit zum Sprung. So schön wie damals, wird’s nie wieder. Clay Regazzoni ist auch gegangen, wir kommen hinterher.

Obwohl - na ja, man kann sich diesen Hamilton ja mal anschauen.

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dpa
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