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Drift Challenge: Quer in Ordnung

Das Starterfeld der sport auto-Yokohama-Drift Challenge 2006 war größer und internationaler denn je: 47 Fahrer aus sechs Nationen kämpften auf dem rauen Hockenheimer Asphalt um den Titel des besten europäischen Quertreibers

Auf dem Rollrasen der anlässlich der Fußball-WM landesweit frisch präparierten Stadien ist die nationale Sportwelt noch in Ordnung: die deutsche Elf im Viertelfinale, der Himmel strahlend blau, die Temperaturen so heiß wie das Temperament der aus aller Herren Länder angereisten Fans, die Arenen ausverkauft. Aller urdeutschen Skepsis und Unkenrufe zum Trotz scheint die Welt sich hierzulande tatsächlich zu Gast bei Freunden zu fühlen. Ein politisch und wirtschaftlich gebeuteltes Land im emotionalen Aufwind.

Ein erster Anflug jener seit dem 9. Juni Deutschland-weit um sich greifenden Begeisterung – sogar offen bekanntes Nationalbewusstsein inklusive stationärer oder mobiler Beflaggung jedweder Größenordnung ist inzwischen ziemlich in – zeichnete sich in einer kleinen Stadt im Badischen schon einige Tage vorher ab. Durch Hockenheim, ansonsten zumeist Synonym für eher geordnet inszenierte Motorsport-Events à la Formel 1 und DTM wehte bereits am Wochenende zuvor einen Hauch von Euphorie und Anarchie. Das Wetter hatte daran auch in diesem Fall einen nicht unerheblichen Anteil.

Pünktlich zum Start von Tuner-Grand Prix und DriftChallenge hatte der Himmel ein Einsehen, schloss seine Schleusen, lupfte die Wolkendecke und – man hatte es Anfang Juni kaum mehr zu hoffen gewagt – ließ die Quecksilbersäulen der Thermometer zaghaft Richtung 20 Grad marschieren. Das riss auch die Motorsport-Fans aus der der bis dato vorherrschenden spätwinterlichen Lethargie. Rund 25 000 Zuschauer fanden trotz Pfingstferien und Rock am anderen Ring den Weg nach Hockenheim.

Die Teilnehmer der siebten sport auto-DriftChallenge konnte das wenig einladende Wetter und die zuweilen lange Anfahrt ohnehin nicht schrecken: Mehr als 50 hatten genannt, 47 gingen an den Start, 44 erreichten ohne Disqualifikation das Ziel. Damit wies die warme Rennstadt im Badischen neuerlich deutlich mehr Appeal auf, als die kühle Schwestergemeinde in der Eifel. Beim am Nürburgring ausgetragenen ersten Lauf der 2006 erstmals als Meisterschaft ausgetragenen sport auto/Yokahama-DriftChallenge traten eine Woche zuvor lediglich 18 Fahrer an.

Hier wie da ist der von sport auto anno 1999 ins Leben gerufene Event um die kunst- und lustvolle Quertreiberei längst keine nationale Angelegenheit mehr. Luxemburg, Frankreich, Slowenien, Polen, Italien, Österreich, die Niederlande und allen voran die Schweiz entsenden regelmäßig talentierte Auto-Artisten auf die genannten Rundstrecken, zu denen diesmal außer den bereits erwähnten auch der Salzburgring (3. Lauf am 16. September) und Oschersleben (4. Lauf am 30. September) zählen. Die Aufgabenstellung auf den vor Ort spezifizierten Streckenabschnitten ist für alle gleich: Es gilt das eigene Gefährt, das vorzugsweise mit Heckantrieb und ausreichend Leistung versehen sein sollte, so lange und konstant wie möglich im größtmöglichen Driftwinkel zu halten. Zudem bewertet die aus drei bis fünf fachkundigen Juroren bestehende Jury noch die Anfahrgeschwindigkeit, das Auslösen und die Güte des fließenden Umsetzens in Wechselkurven.

Zugunsten einer insgesamt größeren Risikobereitschaft zählt dabei nur der beste aus drei bis fünf Durchgängen. Die Haltungsnoten reichen von 0 bis 10. Dreher werden grundsätzlich mit einer Drei, notorisches Untersteuern mit einer Null geahndet. Für die Zukunft ist zudem zugunsten einer weiteren Objektivierung der Ergebnisse die Zuhilfenahme tauglicher Messsysteme geplant. Ausgewählte Starter hatten die Black Box in Hockenheim und am Nürburgring bereits an Bord. Die Auswertung der Daten und der Abgleich mit dem subjektiven Urteil der Juroren läuft. Spätestens zum Beginn der kommenden Drift-Saison wird die neutrale Datenbasis das Gesamturteil stützen können. An einen kompletten Ersatz des menschlichen Faktors ist jedoch schon deshalb nicht gedacht, weil den Schreibern sonst die knackigen Zitate fehlen würde. Insbesondere Hockenheim-Juror, Langstrecken-Pilot und sport auto-Instruktor Patrick Simon stellt diesbezüglich eine nahezu unerschöpfliche Quelle dar.

Die selbstbewusste Ansage eines auto, motor und sport-Kollegen, der das von hartnäckigem Untersteuern gefolgte wilde Anpendeln eines Teilnehmers mit dem Spruch: „So kann ich das auch“ kommentierte, konterte der Frankfurter Architekt mit einem trockenen: Nein. Du wärst da vorne schon eingeschlagen.“ Die von äußerst geringem Drift-Erfolg gekrönte Schleichfahrt des eidgenössischen M5-Piloten Urs Thomi entlockte Simon ein lakonisches: „Geben wir ihm mal ’ne Eins – weil er da war.“

Das die Ränge füllende Publikum freilich kam auch ohne die flapsigen Sprüche des Hessen voll auf seine Kosten. Auch wenn die großen Namen diesmal fehlten, hätte die Show perfekter nicht sein können. Zu Beginn des Nachmittags brachten der mehrfache deutsche Rallyemeister Matthias Kahle im Skoda Fabia WRC, sport auto-Partner Alutec in einem mächtig aufgeblasenen Ford Mustang und das Team um Kart-Profi Louis Capliuk die Fans und den Asphalt auf Betriebstemperatur.

Anschließend zeigten die Teilnehmer der eigentlichen Challenge, dass es prominenter Piloten in dieser Disziplin letztlich auch gar nicht bedarf, weil die Drift-Szene dazu angetan ist, sich ihre VIPs selbst zu schaffen. Wer Mercedes-Instruktor Werner Gusenbauer im MKB-Mercedes, den Schweizer Maschinenbauer Andreas Santioli im BMW M3 CSL oder Porsche-Testfahrer Timo Kluck im Carrera S einmal in Aktion erlebt hat, weiß, dass veritable Motorsport-Promis vom Schlage eines Michael Schumacher oder Bernd Schneider die gestellte Aufgabe schon deshalb nicht besser meistern könnten, weil unbedingte Linientreue und analytische Abstimmungsarbeit in diesem Fach eine eher untergeordnete Rolle spielen. Hier zählt die perfekte Fahrzeugbeherrschung im instabilen Fahrzustand nebst Wagemut und

Showtalent. Schließlich kann, wer wie Philippe Comandona im Mitsubishi Evo 6 die Sachskurve rückwärts in Angriff nimmt, um dann einen perfekten 180-Grad-Turn auf den Asphalt zu zaubern, immer noch auf die Best of Show-Wertung hoffen, die diesmal ebenso wie der Laufsieg in die Schweiz und – wie schon im vergangenen Jahr – an ein und dieselbe Adresse ging.

Kennern der Szene dürfte der Doppel-Sieger kein Unbekannter sein. Mit bestechendem Feingefühl am Volant und unwiderstehlichem Charme gelang dem Walliser Marc Fleury bei seinem vierten Anlauf in Hockenheim endlich der ganz große Wurf. Im Stechen setzte sich der Franko-Schweizer, Markenzeichen Lolli im Mund, souverän gegen seinen am Nürburgring bereits drittplatzierten Landsmann und BMW-Marken-Kollegen Andreas Santioli durch. In der Gesamtwertung führt dennoch Letzterer, da L’Equilibriste – wie Marc Fleury von der heimischen Presse genannt wird – aufgrund seiner Verpflichtungen im Schweizer Bergrennsport sein Engagement in diesem Jahr wohl auf den Start in Hockenheim beschränken wird.

Gleiches gilt – bislang jedenfalls – für den rundum überzeugenden Dritten des Hockenheimer Drift-Spektakels: Luka-Marko Groelj war in seinem BMW M3 GT eigens aus Slowenien angereist und durchquerte die Sachskurve ebenso wie das

heuer erstmals wertungsrelevante folgende Streckenstück bis hin zur Südkurve in nahezu perfekter Manier. Brummi-Fahrer Juri Bianchi, im eidgenössischen Tessin beheimatet, zeigte bei der Sieger-Ehrung, dass der vierte Platz beileibe kein undankbarer sein muss. Der von ihm zelebrierte Freudentaumel hätte im Falle eines Sieges kaum größer ausfallen können.

Paul Vlasblom ging die Sache seiner niederländischen Herkunft gemäß verhaltener an und bedankte sich bei Publikum und Jury auf andere Art für seinen abschließenden fünften Platz. Gemeinsam mit dem in der Meisterschaft bislang zweitplatzierten Werner Gusenbauer zauberte der holländische Driftkönig einen heißen Paralleldrift auf den schlussendlich doch recht kühlen Asphalt. Das allzu frühe Ende der Hockenheimer Quertreiberei rührte scheinbar selbst den Himmel zu Tränen. Pünktlich zu Siegerehrung und Veranstaltungsende war alles wie es anno 2006 bis dato immer war: grau, kalt und regnerisch.

Erst zu Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft hatten die Götter neuerlich ein Einsehen. Und da die Schweizer im Achtelfinale das Runde beim besten Willen nicht in das Eckige bekommen wollten, stehen die deutschen Chancen in dieser Disziplin für die Deutschen vielleicht gar nicht mal so schlecht.

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Gargolov, Herzog, Mutschler
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