Alles über 24h Nürburgring 2014
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24 Stunden-Rennen 2006: Oil of Olaf

Die Propheten behielten Recht: Olaf Manthey konnte nach endlosen Versuchen das 24h-Rennen am Nürburgring gewinnen. Für den Rest des 220 Wagen starken Feldes gilt: Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt

Die Dramatik eines 24h-Rennens könnte locker ein ganzes Buch füllen, wollte man die Geschehnisse in nur einem einzigen Team aufrollen. Beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring 2006 starteten 220 Fahrzeuge mit über 800 Piloten.

Jeder von ihnen könnte umwerfende Geschichten erzählen, die Stofffülle ist schier zum Verzweifeln. Der geleimte Chronist steht in stockfinsterer Nacht, mit wenig mehr als einer Taschenlampe und einem Notizblock in den Händen. Wer schreibt die schönsten und wer die traurigsten 24h-Geschichten? Natürlich die Sieger und die Verlierer.

Der Nordschleifenritter, der nie beim Heimspiel siegte: der Negativmythos ist gebrochen. Olaf Manthey ist endlich am Ziel, vor 200 000 Fans konnte er nach 25 Anläufen als Fahrer und Teamchef gewinnen. Mit großer Unterstützung vom Werk, so merken die Gegner an. Porsche war das letzte Mal im Jahr 2001 werksseitig am Ring präsent. Danach beschloss man, das Feld den privaten Teams zu überlassen. Formal hielt man sich auch 2006 daran, nur dass man die Unterstützung stark ausweitete: Ein dicker Werksmotor, der stärkste im Feld, die neueste Software für die sequenzielle Schaltbox, drei Werksfahrer, technische Hilfe von Chefentwickler Roland Kussmaul und Motorenguru Hans-Georg Breuer. Olaf Manthey hatte das beste Paket im 24h-Feld. Jene, die darüber jammern, sind sauer, weil sie nicht die gleiche Aufmerksamkeit des Werkes genießen.

Wie es sich für ein werksunterstütztes Team gehörte, ging wenig schief. Das größte Fragezeichen stand hinter dem Thema Getriebe, dem bitteren Ausfallgrund des Vorjahres. Nach 22 Stunden war zwar nicht das Getriebe im Eimer, dafür aber die Kupplung. Doch bei zwei Runden Vorsprung konnte Mike Rockenfeller mit dem Manthey-Kätzchen im hohen Gang ins Ziel schnurren, zur Freude seiner Teamkollegen Lucas Luhr, Timo Bernhard und Marcel Tiemann. Die emotionale Tragweite des Siegens war ins Gesicht von Olaf Manthey gefurcht: Den Tränen nahe nahm er den Pott in Empfang, der ihm schon lange gebührte. Ohne das Salz der Niederlagen sind Siege ungenießbar.

Zweiter Sieger oder doch siegreicher Zweiter? Das Alzen-Team hatte im Kampf gegen Großmogul Manthey keine Chance, nahm sie aber trotzdem wahr. Anderthalb Runden verlor man netto, fünf Sekunden pro Runde gingen auf Kosten des H-geschalteten Getriebes, weil man der sequenziellen Box nicht über den Weg traute. „Die Verlustleistung des sequenziellen Getriebes ist aber spürbar geringer“, bilanziert Jürgen Alzen. Bei 150 Runden macht das siebeneinhalb Minuten. Die andere Hälfte des Rückstands ging auf die motorische Differenz: „Wir haben die Drehzahlen des 3,9-Liter-Motors über weite Strecken auf 8400/min zurückgenommen“, so Alzen.

Das Manthey-Team hatte zudem eine wahre Bombe von Motor im Heck, den tiefgreifend und furios überarbeiteten 3,8- Liter-Sechszylindermotor für den neuen RSR, dem Drehzahlen von weit über 9000/min nachgesagt werden. „Ein guter Lang-streckenmotor ist die Summe aus Leistung und Verbrauch“, definiert Teamchef Jürgen Alzen. Und auch hier war der Manthey-Motor eine Wundertüte: Viel mehr Leistung als die Gegner, und das bei nahezu identischem Spritverbrauch. Trotzdem: Die  Alzen-Brüder Jürgen und Uwe, verstärkt durch Klaus Ludwig und Christian Abt, fuhren das beste Rennen, das ein lupenreines Privat-Team beim 24h-Marathon überhaupt fahren kann.

Jede Form von Siegambition war den Drittplatzierten völlig fremd: Die zweite Viper stahl dem Nummer-Eins-Auto die Show. Das Spitzentrio Peter Zakowski, Sascha Bert und Patrick Huisman wollte die Porsche zu Tode hetzen, aber offensichtlich überspannte Zakspeed den Bogen. Man reparierte sich durch Bremsprobleme, defekte Radnaben, gerissene

Motorlager, lose Motorhaubenhalter und Schaltprobleme. Dann ging das Getriebe über den Deister – der Mitfavorit:

eine Wanderbaustelle. Die zweite Viper von Gerhard/Riebensahm/Mohr/Huppert-Nieder reduzierte den Speed, nutzte so die Panzer-Qualitäten der Viper und lauerte auf die Chance zum Zuschnappen. Wie so oft in der Geschichte des 24h-Rennens ging die Rechnung auf: weil der Land-Porsche kurz vor Toresschluss elend verglühte, krabbelte man sogar noch aufs Podium. Ein clever verdientes Glück.

Die Top10 beim 24h-Rennen sind unter Insidern ein Richtstab dafür, wer Arbeit und Glück besonders gut vermählte. Platz fünf ist so ein Fall: Schubert Motors, ein pausbäckiger Einser-BMW mit flach atmenden Vierzylinder, obendrein selbstzündend – so was sollte doch bestenfalls für einen Klassensieg taugen, oder? Für den Erfolg musste man hart schuften, denn das Diesel-Thema hat seine Tücken: Man wird schnell nervös in einem Auto, indem einem auf den Geraden alle wegfahren und in den Kurven wieder im Weg stehen. Also muss man Risiko gehen und tapfer sein, sich überall dazwischenbremsen. Wenn das riskante Spiel 24 Stunden lang gut geht, erledigt der Reichweitenvorteil den Rest. Hürtgen/Stuck/Hennerici/Schubert belegten mit der langsamsten schnellsten Rennrunde der zwölf bestplatzierten Teams den fünften Platz – Hut ab.

Die klassische Top 10-Story vollbrachte Dörr-Motorsport mit einem BMW M3 auf Position sieben, Sieger der Special-Klasse bis 3,5 Liter Hubraum. „Wir hätten die Schraubenschlüssel auch zuhause lassen können“, flachst Teamchef und Fahrer Rainer Dörr schulterzuckend. Tanken, Reifen wechseln, Fahrer tauschen – 24 Stunden lang, ohne Verzug, ohne Schrauben und ohne Schrammen. Die Kultivierung der Ereignislosigkeit führte zum Ziel: Ein Klassensieg, über den man wenig mehr schreiben kann, als das nichts, aber auch wirklich gar nichts schief ging – der Tod für jeden Geschichtenerzähler.

Wenn wir einmal Bert Lamprecht, Jean-Francois Hemroulle und Dirk Schoysman zur Seite lassen, die als Belgier in einem Manthey-Cup-Porsche den famosen vierten Rang erkämpften, in deren Reisepass aber unter Geburtsort eigentlich Nordschleife stehen müsste, dann gebührt der ehrenvollste Auftritt der weit gereisten Ausländer eindeutig dem neuntplatzierten

Petfood-Cup-Porsche der Ozzies Clark und Anthony Quinn, die sich mit ihrem Profi-Landsmann aus der V8 Supercar-Meisterschaft, Craig Baird, und dem Neuseeländer Kevin Bell am Lenkrad abwechselten. Die Jungs sind allesamt Bathurst-Spezialisten – also völlig furchtlos und damit auf der Nordschleife wie zuhause.

Die kleine aber feine Zwei-Liter-Klasse blamiert seit Jahren die Dickschiff-Piloten, und diese Tradition wurde herrlich fortgeführt, mit einer bemerkenswerten Team-Leistung: Kissling Motorsport brachte seine beiden Opel Astra auf die Plätze 13 und 14. Schon immer brillierten die Kissling-SP3-Bomber beim 24h-Rennen durch gnadenlosen Speed, aber Ausfälle verhagelten oft die Bilanz. Den Wechsel auf gnadenlos lange schnell führen Gegner darauf zurück, dass Volker Strycek auf dem Siegerwagen saß und Opel Motorsport ein wenig nachhalf. Nur: das war im vergangen Jahr beim Schubert-Sieg in der Klasse SP3 auch nicht anders, oder? Bereits um fünf Uhr am Sonntagmorgen lagen Rainer Bastuck, Stefan Kissling, Volker Strycek und Siegfried Sträwe auf P13, dann zwickte noch mal die alte Achillesverse – der dritte Gang sagte bye-bye. Der zweite Schreck war nur ein Gespenst: die Lichtmaschine machte die Grätsche – zum Glück in der letzten Rennrunde.

Es gibt auch Sieger, die nicht den großen Pokal gewonnen haben, aber das Schicksal schlugen: das Lambo-Racing-Team von Stephan Rösler und Andreas Kitzerow sowie Georg Silbermayr und Florian Scholze zum Beispiel. Sie standen im Debüt-Schatten des richtig aggressiv aufgemachten Raeder-Lambos, für den bereits nach wenigen Runden Feierabend war. Auch der Gallardo von Rösler und Kitzerow startete mies: Motorschaden im Training, Öldruckprobleme in der Startrunde, als Letzte hetzte man dem Feld hinterher, mit drei Runden Rückstand. Doch dann war die Seuche überstanden, man blies durchs Feld und sah auf Platz 20 das Ziel – eine sehenswerte Aufholjagd.

Freude strahlende Gesichter auf dem Podium, hängende Köpfe bei den Verlierern: Am größten ist der Absturz immer dann, wenn man meint, das rettende Ufer erreicht zu haben und dann doch noch absäuft: Looser Nummer eins war das Land-Team. Dessen 911 fuhr zwar nicht ohne technische Behinderungen, aber zwei Stunden vor Rennende lag man klar auf Podium-Kurs. Das war okay, damit konnten alle leben. Dann das Horror-Finale: „Erst ging der Kurbelgehäusedruck hoch, dann leuchtete die Öldruckwarnlampe und plötzlich brannte das Heck“, so das Schlusswort von Pilot Marc Basseng, der den Land-Elfer 500 Meter vor der Boxeneinfahrt abstellen musste – die Höchststrafe aus dem Folterarsenal der Renngötter.

Das Leid des Ausfalls hat ganz eigene Kulminationspunkte, schwarzen Löchern gleich, die mehrere Autos auf einmal verschlucken. Um 00.02 Uhr am Sonntagmorgen nahm das Unheil im Bereich der Dreifachrechts vor Wehrseifen seinen Lauf: Auf einer Ölspur wurden mindestens drei potenzielle Top 10-Teams um ihre gute Laune gebracht: Der Audi RS4-Kombi von Götz Motorsport, der auf P4 liegende Duller-BMW M3 von Strietzel Stuck und der in der SP3-Klasse führende Mäder-Honda S2000 wurden für die Richtbank präpariert. Motoren wirbelten durch die Luft, Autos kugelten in die Planken, neun Fahrzeuge strandeten in vorläufiger oder endgültiger Immobilität.

BMW war nach zwei Gesamtsiegen der imaginäre Verlierer. Alle heiß gemachten privaten BMW M3 verglühten gnadenlos: Beim Getrag-M3 von Bäder/Hagenmeyer/Schall/Gedlich ging nach 14 Stunden der V8-Motor ein, auf Position drei liegend. Das Scheid-Mobil wurde von einem wenig umsichtigen Nachzügler der Altmetallverwertung zugeführt. Ein treuer Fan lieferte gleich mal einen Fuffi im Teamzelt ab – als Startgeld für den Wiederaufbau. Johannes Scheid schraubt schon wieder, mit neuer Karrosse. Wer hätte je daran gezweifelt?

Nur für Wenige war das Unglück eine Quelle des Glücks.

Stefan und Christian Benz fuhren das 24h-Rennen auf einem Renault Clio RS zu zweit, was für sich betrachtet schon eine Leistung darstellt. Wenn die Kiste dann achthundert Meter vor dem Zielstrich verreckt, ist das ein echter Schock. Völlig entkräftet schob man den Bock über die Ziellinie – und sicherte sich noch den siebten Klassenrang im Feld der 25 gewerteten Special-Fahrzeuge bis zwei Liter Hubraum. Auf das größte Drama folgte die größte 24h-Freude.

Autor

Foto

k.A.

Datum

6. Januar 2007
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