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Ferrari F430 Scuderia im Supertest: Ist der gestärkte Italiener ein Supertalent?

Der um rund zwei Zentner erleichterte und zugleich motorisch gestärkte Ferrari F430 Scuderia gilt dank weltmeisterlicher Formel 1-Unterstützung als fahrdynamisches Supertalent - ob zu Recht, klärt der Supertest auf der Nordschleife.

Lag es etwa daran, dass der Ferrari F430 Scuderia bei der Wahl der sportlichsten Autos 2008 wegen der starken Konkurrenz nur Zweiter zu werden drohte? Oder war die Befürchtung auf italienischer Seite, bei der Fußball-Europameisterschaft im ersten Spiel gegen Holland abzustürzen im Vorfeld schon so groß, dass der Ferrari den Supertest quasi im Zeitraffer durchlaufen musste – als Ausgleich für die zu erwartenden kleinen und großen Missgeschicke sozusagen? Die Dramaturgie des Supertests lässt Derartiges vermuten.

Denn das Testprozedere mit dem Ferrari F430 Scuderia entwickelte eine so ungeheure Dynamik, dass man darin mit etwas Phantasie tatsächlich auch eine Analogie entdecken könnte: Die ebenso starke (510 PS) wie leichte (1.402 Kilogramm) Berlinetta gilt nicht umsonst als das aktuell schnellste Pferd im Ferrari-Stall. Jedenfalls ging es von Beginn an Schlag auf Schlag: das Aufeinandertreffen am Sonntagnachmittag, 17 Uhr, vor dem Restaurant "Grüne Hölle" an der Einfahrt zur Nordschleife.

Nach der Schlüsselübergabe zwei Runden mit dem Ferrari F430 Scuderia im Touristenverkehr: Gelegenheit zur Eingewöhnung und fürs Fotoshooting. Um 19.30 Uhr der erste Supertest-Höhepunkt: Drei Runden auf Zeit, ganz exklusiv im Ferrari auf der Nordschleife – geht‘s noch besser? Nächster Morgen, 8.30 Uhr: Termin auf dem Dunlop-Testgelände im nahe gelegenen Wittlich, eine gute halbe Stunde vom Ring entfernt. Als Appetizer zwei Runden Eingewöhnung auf dem künstlich bewässerten Handlingkurs, dann fünf Runden gegen die Uhr. Direkt im Anschluss zügig über die Autobahn zum 218 Kilometer entfernten Hockenheimring. Fahrzeit zweieinhalb Stunden. Das Zeitfenster dort – wie immer und überall – stark begrenzt. In zwei Stunden muss das komplette Messprogramm absolviert sein: Rundenzeitermittlung – drei Mal zwei Runden –, Durchzugs- und Beschleunigungsmessungen sowie Bremsprüfungen.

Ferrari F430 Scuderia wird in Rekordzeit getestet

Anschließend auf direktem Weg über die Autobahn zum Flugplatz Malmsheim, westlich von Stuttgart gelegen. Kurz vorm Ziel setzt Nieselregen ein. Außerdem ist die 80 mal 960 Meter große Asphaltfläche von Polizeikräften belegt, die der Übung halber Schleudertests auf künstlich bewässerten Streckenteilen absolvieren – exakt dort, wo die Slalom- und Ausweichtests vorgesehen sind. Die dadurch bedingte zweistündige Zwangspause wird für Routinearbeiten genutzt: tanken, waschen, Auto streicheln. Unterdessen heroische Versuche aller Beteiligten, die  benetzte Bahn trocken zu fahren. Der Wind hilft, weht aber aus der falschen Richtung: Anwohner stören sich an der eindringlichen Stimme des Ferrari F430 Scuderia. Schluss mit lustig – Abbruch der Versuchsfahrten. Am nächsten Morgen ist die unter der Regie von Mercedes für Fahrversuche genutzte Fläche erneut so stark frequentiert, dass der Auslauf für den Raum greifenden Ferrari zu klein wird. 

Wieder warten. Um 12 Uhr – Gott sei Dank gibt‘s Mittagspausen – leert sich der Platz. In zwei Stunden sind 18- und 36-Meter-Slalom sowie der Ausweichtest mit dem Ferrari F430 Scuderia im Kasten – auf den letzten Drücker: Schließlich ist der Windkanaltermin im Mercedes-Werk Stuttgart-Untertürkheim bereits für 16 Uhr terminiert. Gegen 19.30 Uhr schließlich erstes Händeschütteln und Schulterklopfen. Eine logistische Meisterleistung hat – mit viel Glück – ihr vorläufiges Ende genommen.

Die Frage, ob das Votum der Leser noch stärker in Richtung Ferrari tendiert hätte, wenn das Wissen um die fahrdynamische Extraklasse des Ferrari F430 Scuderia im Vorfeld der Wahl bekannt gewesen wäre, muss trotz der eiligst bewerkstelligten Datensammlung unbeantwortet bleiben. Fest steht jedenfalls, dass allein die an nominellen Eckwerten festgemachte Hochrechnung die Realität wohl nur unzureichend abgebildet hat.
Denn 20 PS Mehrleistung gegenüber dem Basismodell F430 F1  (490 PS) sind in der automobilen Leistungsgesellschaft heutzutage schließlich kaum der Rede wert – sie gehen in der Masse der Pferdestärken einfach unter. Kenner der Materie sind allerdings durchaus in der Lage, zu ermessen, was die zeitgleich initiierte Gewichtsreduzierung von fast zwei Zentnern – exakt 91 Kilogramm – sowohl für die mentale Verfassung des Fahrers als auch für die Fahrdynamik bedeuten kann.
Von einem anderen Auto zu sprechen, wäre angesichts der weit gehend optischen Übereinstimmung und der identischen Substanz sicher übertrieben, wenn auch fahrdynamisch betrachtet gar nicht mal so falsch: Vergleicht man nämlich die aktuelle Supertest-Punktesammlung des Ferrari F430 Scuderia mit der des getesteten F430 F1 , dann werden ganz eklatante Leistungssprünge offenkundig.

Die Basisversion erreichte im Supertest mit 61 Gesamtpunkten zwar schon ein sehr beachtliches Ergebnis – im Vergleich zum Ferrari F430 Scuderia ist das jedoch schon wieder relativ. Die sportlichste aller Berlinetta verfehlt die ultimative Höchstpunktzahl von 80 Punkten nämlich nur um zwei Zähler und notiert mit 78 Punkten insgesamt. Damit führt der Ferrari F430 Scuderia punktgleich mit dem bisherigen alleinigen Spitzenreiter Porsche 911 GT2 die Supertest-Bestenliste an. Wenn das kein Indiz für die durchschlagende Wirkung von Leichtbau-Maßnahmen ist!

78 Punkte bringen den 430 Scuderia an die Spitze

Vor diesem beflügelnden Hintergrund dem nunmehr 510 PS starken 90-Grad-V-Achtzylinder leichtfertig die Aufmerksamkeit zu verweigern, hieße jedoch die Seele des Ferrari auszublenden. Wem jemals die alles und jeden einnehmende Akustik eines normalen F430 zu Ohren gekommen ist, der möge das erlebte akustische Faszinationspotenzial im Geist einfach verdoppeln – dann ist in etwa vorstellbar, in welcher Tonlage und mit welcher Energie der Ferrari F430 Scuderia die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Das bei sanft getretenem Gaspedal schon sehr aggressiv vorgetragene knurrige Bellen geht ab 3.000/min und bei etwas weiter geöffneten Drosselklappen geradezu schlagartig in eine hohl klingende V8-Fanfare über, die einer unbedarften Hörerschaft anhaltende Schrecksekunden einzujagen vermag. Wer aber ein Ohr dafür hat, dem jagt der Scuderia-Sound einen wohligen Schauer nach dem an- deren über den Rücken – das ist die Sprache, die ansonsten nur im Rennsport gesprochen wird. 

Bleiben die Einzeldrosselklappen während des über die Schaltpaddel initiierten Gangwechsels im Eifer der Beschleunigungsorgie voll geöffnet, klingt es für Außenstehende nicht nur verdächtig nach einem aus dem Parc Fermé entführten Le Mans-Boliden, sondern haut der Besatzung zeitgleich auch den sprichwörtlichen Hammer ins Kreuz. Die grundsätzlich aus dem Basis-Ferrari bekannte F1-Schaltung, im Scuderia bezeichnenderweise "Superfast2" genannt, schießt die Getriebezahnräder im Extremfall nämlich in konkurrenzlos kurzen 60 Millisekunden ins nächste Gefüge, was empfindsame Naturen anfangs durchaus dazu veranlasst, vor dem Ziehen des rechten Schaltpaddels die Zähne zusammenzubeißen.

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Der technisch höchst anspruchsvolle Akt des automatisierten F1-Getriebes lässt sich auf der anderen Seite mit etwas Feingefühl auch geschmeidig bewerkstelligen, sofern parallel zum Schaltvorgang gefühlvoll mit dem Gasfuß moderiert wird. Das F1-Getriebe mitsamt seines integrierten elektronisch gesteuerten Differenzials ist wie der vordere Teil des rennmäßig konfigurierten Antriebsstranges – der in allen Belangen betörende Achtzylinder-Sauger – fraglos eine technische Meisterleistung – eine, die erst durch die umsichtige Feinarbeit im Umfeld in dieser beglückenden Form zu Ehren kommt. Bis auf den wegen unsauberer Schweißnähte an den Seiten etwas unfertig wirkenden, aber professionell mit geriffeltem Alu-Blech am Boden bedeckten Fußraumbereich, zeigt der von allem Tand befreite Ferrari F430 Scuderia im Supertest eine von angenehmer Haptik, guter Ergonomie und reizenden Detaillösungen geprägte Statur. Anders ausgedrückt: Er ist, was seine Umgangsformen angeht, nicht unbedingt anspruchsvoller als der Basis-F430 und unterscheidet sich auch in Sachen Kompromissfähigkeit kaum von der zivileren Berlinetta-Variante. 

Tief liegende Garageneinfahrten oder etwas höhere Fahrbahnabsätze – für tief liegende Extremsportler oft schwer überbrückbare Hürden – sind für den Ferrari F430 Scuderia kein Hindernis. Zugleich geben Federwege und Federraten keinen Anlass, sich im normalen Verkehr als Opfer einer Kasteiungsmaßnahme zu fühlen. Man könnte auch sagen: Es ist beglückend zu erleben, wie geschmeidig der Ferrari F430 Scuderia selbst im Alltag funktioniert. Dass dabei die ungeheuren fahrdynamischen Ressourcen kaum zur Geltung kommen können, verwundert angesichts des vorliegenden Zahlenwerks nicht.

Ferrari F430 Scuderia funktioniert auch im Alltag

Der sich flächenmäßig dramatisch ausbreitende Klangteppich lässt es ohnehin wenig sinnvoll erscheinen, die volle Beschleunigungsgewalt des voll getankt gerade 1.402 Kilogramm schweren Mittelmotor-Geschosses in aller Öffentlichkeit zu zelebrieren, obwohl der Heißhunger darauf naturgemäß schwer zu zügeln ist. Schließlich ist mit dem Supertest-Kandidaten die 100 km/h-Übung in 3,6 Sekunden erledigt. Die 200-km/h-Hürde nimmt der gestreifte Ferrari F430 Scuderia nach 11,4 Sekunden – exakt 1,2 Sekunden schneller als der F 430 F1.

Dass er in der kombinierten Beschleunigungs- und Bremsprüfung einen noch eindrucksvolleren Abstand zur Ausgangsbasis herstellt – 1,7 Sekunden –, liegt an der rekordverdächtigen Bremsleistung, die der Ferrari F430 Scuderia mit Hilfe der serienmäßig an Bord befindlichen, riesig dimensionierten Keramik-Bremsanlage liefert. Aus 200 km/h steht der für diese Übung perfekt austarierte Straßenrenner auch Dank seiner mit außergewöhnlichen Allroundtalenten gesegneten Bereifung schon nach 125,7 Meter – das entspricht einer Verzögerungsleistung von sensationellen 12,3 m/s². 

Stichwort Reifen: Bei der für den Ferrari F430 Scuderia speziell angefertigten Corsa-Variante vom Typ Pirelli P Zero handelt es sich aktuell um wahre Meister ihres Fachs, denn sie weisen – wie der im Supertest ermittelte maximale Querbeschleunigungswert von 1,4 g belegt – nicht nur auf trockenem Asphalt außergewöhnliche Gripeigenschaften auf. Auch im feuchten Umfeld des Nasshandling-Parcours – dort, wo der mit formal gleicher Reifenspezifikation angetretene Ferrari F 430 F1 vor rund zwei Jahren noch stark gegen latenten Haftungsverlust zu kämpfen hatte (1.38,2 Minuten) – zeigen sie ihre wahre Größe. Die nunmehr geringfügig breitere Aufstandsfläche der Vorderachsreifen (235/35 - 19) ist sicher nur einer von vielen Gründe dafür, dass die aktuelle Ferrari/Pirelli-Kombination solche Leistungssprünge absolvieren kann.

Daneben spielen fraglos das geringere Gewicht, die gelungene ABS-Adaption und nicht zuletzt die insgesamt bestechend gute Fahr-, beziehungsweise Kontrollierbarkeit eine tragende Rolle. Wie dem auch sei: Fahrdynamisch ist der Ferrari F430 Scuderia derart gut aufgestellt, dass er selbst der Porsche-Liga, die das Thema Fahrdynamik bisher mehr oder weniger nach Belieben dominierte, größten Respekt abringen kann. Die Supertest-Rundenzeit auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim – 1.10,3 Minuten – lässt bereits erahnen, mit welch starkem Ehrgeiz das Thema Scuderia seitens Ferrari verfolgt worden ist. Das Fahrverhalten – genial. Die Bremse – brutal. Motor und Getriebe – ein Gedicht. 

Superlative beschreiben den F430 Scuderia am Besten

Die extrem hohe Fahrsicherheit, die der Hecktriebler schon im Badischen in Form einer auch im Extremfall kaum aus der Spur zu bringenden Hinterachse beweist – und zwar bei deaktivierten Sicherheitssystemen –, kommt dem mit einem Leistungsgewicht von nur 2,7 Kilogramm pro PS antretenden Zweisitzer auf der Nordschleife erst recht zugute. Mit einer Zeit von 7.39 Minuten rangiert erstmals ein Ferrari ganz weit vorn in der Bestenliste, obwohl der Achtzylinder – wie die Höchstgeschwindigkeit von 281 km/h auf der Döttinger Höhe deutlich macht – auf den Geraden wegen des – sorry – partiellen PS-Mankos gegenüber einem Porsche 911 GT2 doch das Nachsehen hat. Der war an gleicher Stelle mit 293 km/h unterwegs. Die Tatsache, dass der geduckt auftretende Ferrari F430 Scuderia bei genügend Anlauf auch Tempo 320 realisieren kann, ist dennoch wissenswert. 

Allerdings liegt die erstrebenswertere Domäne des Ferrari 430 Scuderia wie gesehen deutlich im Bereich der vielen kleinen Wunder, die sich vorwiegend im Umfeld maximaler Querbeschleunigung abspielen. Schnell oder lange geradeaus fahren – dafür gibt‘s erheblich angenehmere Instrumente – auch im Hause Ferrari. Aber es gibt nur wenige, die einem in Kurven so gut und sicher in der Hand liegen und noch dazu mit solch betörender Musik vorstellig werden. Eigentlich hatten wir angenommen, dass sie in dieser Lautstärke gar nicht mehr gespielt werden dürfte. 

Von am 30. Oktober 2008
Heft 07 / 2008
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