Lamborghini Aventador LP 700-4, Seitenansicht, Zuschauer 25 Bilder Zoom

Lamborghini Aventador LP 700-4 im Supertest: Skulptur extremer Dynamik überzeugt

Der Lamborghini Aventador LP 700-4 legt im sport auto-Supertest einen extrovertierten Auftritt hin und hält was er optisch verspricht. Die sportlichen Anlagen sind vom Feinsten, als wäre es selbstverständlich.

Es ist wie immer und überall nicht das große, hehre Versprechen, das einer Beziehung Halt und Substanz gibt. Es sind die kleinen, liebenswerten Details, die den Schlüssel zum dauerhaften Erfolg ausmachen.

700 PS und hochkarätige Rennsport-Technik

Das soll nicht heißen, dass der neue, wieder nach einem tapferen spanischen Stier aus der spanischen Corrida benannte Lamborghini seinem Auftrag im Großen und Ganzen nicht gerecht werden würde. Aber seien wir ehrlich: Es dürfte im Alltag nicht leicht fallen, die von 700 PS getriebenen und von ausnehmend hochkarätiger Rennsport-Technik erlebbar gemachten Sporttalente auch nur ansatzweise zu entdecken. So könnte die Liebe doch rasch abkühlen, wäre da nicht noch etwas anderes, das die Leidenschaft auch in weniger aufregenden Zeiten anheizen kann.

Ob die Investition - in diesem Fall knapp 330.000 Euro - als lohnender Beitrag zur Erhöhung der Lebensqualität verbucht werden kann, hängt demnach auch beim Lamborghini Aventador LP 700-4 von anderen Faktoren ab als von der Möglichkeit, im Schulterschluss mit ihm den Zustand maximaler Leistungsfähigkeit abzurufen. Schließlich ist jener in diesem Lambo erst bei 350 km/h erreicht.

Rote Klappe und schwarzer Knopf

Und doch: Es sind so liebenswerte Formalien wie diese, bei denen einem das Herz aufgeht - und zwar weit diesseits jedes Grenzbereichs. Um den Stier namens Lamborghini Aventador LP 700-4 aus St. Agata zum Leben zu erwecken, ist der Fahrer zunächst einmal angehalten, eine kleine, rote Klappe auf dem Mitteltunnel zu öffnen.

Darunter verbirgt sich noch etwas anderes als nur ein schwarzer Knopf mit roter Schrift, mit dem - sachlich betrachtet - der V12-Motor gestartet oder angehalten werden kann. Die Aufforderung nämlich, sich über sein Tun im Klaren zu sein und die Konsequenzen, die daraus entstehen könnten, genau im Auge zu behalten - Top Gun lässt grüßen. Die Analogie zur Waffentechnik ist nicht zufällig gewählt. Auch im Cockpit des Lamborghini Aventador LP 700-4 sind ernste Konsequenzen im Falle unbedachter Handlungsweisen und -abläufe nicht ausgeschlossen.

Aber ganz so explosiv und folgenschwer stellt sich die auf den Knopfdruck folgende Dramaturgie dann glücklicherweise doch nicht dar. Der rote Sicherungsdeckel ist nur eine Metapher - kein Hinderungsgrund.

Der V12 nimmt die Sinne in Beschlag

Sein bloßes Vorhandensein erzeugt vielmehr eine anregende, freudige Erwartungshaltung, der wenig später, nämlich dann, wenn der Deckel bewusst aufgeklappt und der Knopf darunter auch tatsächlich gedrückt wird, eine grandiose Ouvertüre folgt. Der hinter dem Cockpit längs liegende, bei Lamborghini in Eigenregie entwickelte Sechseinhalbliter-V12 macht sich förmlich einen Spaß daraus, die Sinne der Besatzung und derjenigen, die dem Vorgang im Gravitationsbereich des Lamborghini Aventador LP 700-4 beiwohnen, völlig in Beschlag zu nehmen.

Aber keine Bange: So grell und laut, dass einem Hören und Sehen vergeht, ist die Zeremonie nicht. Trotzdem ist sie so gewählt, dass niemand mehr wegschauen und schon gar keiner mehr weghören kann.

Das markante Design des Lamborghini Aventador LP 700-4 sticht ins Auge

Den Blick von diesem orangefarbenen Keil abwenden zu wollen, hieße, einem nicht dem eigenen Willen gehorchenden Urbedürfnis zuwider handeln zu wollen. Denn der Lamborghini Aventador LP 700-4 verkörpert, wie es die Lamborghini-Designer im Centro Stile ausdrücken, „ein Kunstwerk avantgardistischen Designs“. Oder, wie an anderer Stelle vermerkt „eine Skulptur extremer Dynamik.“ Mit anderen Worten: Von der gepfeilten Front über die extrem flache Dachlinie in 1.136 Millimeter Höhe bis hin zum markanten Diffusor herrscht gespannte Präsenz.

Mit seinen extrem scharfen, wie mit dem Schnitt eines Messers gezogenen Linien und den in Kohlefasermaterialien geformten Flächen scheint der Lamborghini Aventador LP 700-4 die Logik des Form-follows-Function-Gebots mit jedem Atom aufgesogen zu haben. „Wir haben uns die Inspiration aus einer anderen Sphäre von Geschwindigkeit und Dynamik geholt“, heißt es im Centro Stile weiter. Gemeint ist die moderne Aeronautik.

Boden-Boden-Rakete

Trotzdem muss jeder bewusste Versuch, jenseits der 300 km/h abheben zu wollen, angesichts der aus Flieger-Sicht ins Gegenteil verkehrten aerodynamischen Kraft als aussichtslos betrachtet werden. Aber wenn wir schon bei Überfliegern sind: Angesichts des vorhandenen Schubs ist der Begriff Boden-Boden-Rakete sicher nicht abwegig. Und ein Bezug zum Jet-Set ist angesichts des Eintrittsgelds, das zum Entern dieses 700-PS-Geschosses entrichtet werden muss, auch leicht herzustellen. Die Zuneigung der eben genannten Klientel wird sich der große Lamborghini-Zwölfzylinder sicher mit Links erwerben können, selbst wenn deren Expertise wohl nur in den seltensten Fällen ausreichen wird, um den wahren Wert des Lamborghini Aventador LP 700-4 zu erkennen.

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Der Lamborghini Aventador LP 700-4 besitzt praktische Züge

Aber bleiben wir zunächst bei dem, was sich leicht erschließen lässt: Die praktischen, weil senkrecht nach oben schwenkenden Scherentüren erlauben es auch ungelenkigen Naturen, das Cockpit mit angemessener Grandezza zu entern. Trotz der ausladenden Fahrzeugbreite (2,26 Meter inklusive Außenspiegel) bieten sich sogar schmale Parklücken an, weil die Türen beim Öffnungsvorgang seitlich so gut wie keinen Platz beanspruchen. Ausgerechnet der Lamborghini Aventador LP 700-4 ein städtischer Lückenfüller?

Nun, dort wo er auftaucht und geparkt wird, sind die guten Ränge drumherum im Nu besetzt. Sozialneid ficht den Lamborghini Aventador LP 700-4 nicht an. In seiner optischen und qualitativen Abgehobenheit hat er die Klassen, in denen diese misslichen Gefühlsregungen der Außenwelt blühen, weit hinter sich gelassen.

Inspirationen aus der Luftfahrt sind unübersehbar

Das Angebot, zur Probe doch einmal im Lamborghini Aventador LP 700-4 Platz zu nehmen, wird regelmäßig mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Respekt und großer Dankbarkeit angenommen - „Wann sitzt man schon mal in einem Lamborghini?“ Sogar Menschen, die unter einem Fortbewegungsmittel grundsätzlich etwas völlig Anderes verstehen, scheinen zu erkennen, dass es sich um ein automobiles Kunstwerk handelt. Ihr Fazit - „Wie im Flugzeugcockpit“ - kommt tatsächlich nicht von ungefähr. Die Fahrgastzelle - übrigens ein geschlossenes Kohlefasermonocoque - ist wie die äußere Silhouette in seiner Grundform nach vorn hin leicht gepfeilt. Die Inspirationen aus der Luftfahrt sind auch hinsichtlich der Instrumente unübersehbar: Sie werden auf einem Flüssigkristall-Flachbildschirm abgebildet. Die große Skala im Mittelpunkt bildet wahlweise entweder die Tachoskala oder den Drehzahlmesser ab. Der jeweils andere Wert wird digital dargestellt.

Bessere Übersichtlichkeit als erwartet

Vergessen sind die Zeiten, als Fahrersitz und Pedalerie bei Lamborghini wegen des weit in den Fußraum ragenden Radhauses versetzt angeordnet waren. Der Lamborghini Aventador LP 700-4 hat es gelernt, sich anzupassen: Die Beziehungen Lenkrad zu Sitzhöhe und Pedalerie zu Sitz sind unter ergonomischen Gesichtspunkten angemessen. Ungeachtet der extrem niedrigen Sitzhöhe ist sogar für eine ausreichende Kopffreiheit gesorgt.

Zu guter Letzt: Die Übersichtlichkeit im im Lamborghini Aventador LP 700-4 ist - selbst nach hinten - deutlich besser, als man es in einem Tiefflieger dieses Kalibers erwarten würde, der gemäß seiner formalen Ausrichtung und der technischen Konzeption eigentlich nur ein Ziel kennt - mit Macht und Vehemenz nach vorn zu stürmen. Nebenbei bemerkt: Er kann auch rückwärts.

Kraft im Überfluss

Angesichts der Kraftfülle des im Rücken grollenden Zwölfzylinders ist man als perfekt ins System integrierter Fahrer gut beraten, eine vorausschauende Fahrweise zu kultivieren. Denn die Sprintfähigkeit des mit Allradantrieb und automatisiertem Getriebe gesegneten Lamborghini Aventador LP 700-4 ist legendär: Drei Sekunden bis Tempo 100, 9,5 Sekunden bis 200 km/h.

Schon die Gangspreizungen des neuen, sogenannten ISR-Getriebes zeigen anschaulich, mit welchem Kraftmeier von Motor wir es zu tun haben: Der erste Gang reicht ausgedreht bis 95, der zweite bis 152, der dritte bis 205, der vierte bis 254, der fünfte bis 313 km/h. Theoretisch würde der Lamborghini Aventador LP 700-4 im sechsten Gang bei Höchstdrehzahl 383 km/h schnell sein. Aber dafür reichen die Kräfte dann doch nicht aus: Bei 350 km/h, also weit jenseits dessen, was auf deutschen Autobahnen guten Gewissens durchführbar ist, halten sich Motorleistung und Fahrwiderstände die Waage.

Schaltzeit liegt bei 50 Millisekunden

Das neue Zweiwellen-Getriebe des Lamborghini Aventador LP 700-4 ist in zweierlei Hinsicht ein Sonderfall. Subjektiv ist es eine Mischung aus konventionellem, automatisierten Schaltgetriebe und Doppelkupplungsgetriebe. Beim ISR-Getriebe (Independent Shifting Rod) sind die Gangräder im Gegensatz zu konventionellen Konstruktionen voneinander getrennt, das heißt, die Schaltmuffen werden über voneinander unabhängigen Schaltstangen betätigt. Noch während die eine Schaltstange den einen Gang herausnimmt, kann die zweite den nächsten einlegen.

Weil sich die Bewegungen eng überlappen, wird das Prozedere fast als ein Vorgang wahrgenommen. Gegenüber dem gleichfalls automatisierten e.gear-Getriebe des Gallardo, das bereits zu den schnellsten Gangwechslern zählt, ist die Schaltzeit des Lamborghini Aventador LP 700-4 noch einmal um 140 Prozent verkürzt - beträgt nun 50 Millisekunden.

Harte Gangwechsel im Lamborghini Aventador LP 700-4

Der große Vorteil des mit Synchronringen aus Kevlar und einem Betriebsdruck von 60 bar arbeitenden ISR-Getriebes: Es wiegt nur 79 Kilogramm. Damit ist es deutlich leichter als ein Doppelkupplungsgetriebe und hat darüber hinaus Vorteile in Sachen Effizienz. Ob das angesichts des riesigen Motors respektive dessen Verbrauch relevant ist, steht auf einem anderen Blatt.

Das per Schaltpaddeln zu bedienende oder - wahlweise - selbsttätig arbeitende Getriebe haut allerdings im schnellsten der drei Fahrmodi (Strada, Sport, Corsa) die Gänge derart rein, dass empfindliche Naturen mit großer Empathie für technische Zusammenhänge die Zähne aufeinanderbeißen.

Die Zahnradpaare werden von den Aktuatoren unter so starkem Druck ineinander geschoben, dass es die Köpfe der Insassen infolge des ruckartigen Kraftschlusses mit Macht nach hinten drückt. Lamborghini sagt: Der Kunde will es so. Wir sagen: Der Vorgang ist - wenn auch durch gleichzeitiges Gaswegnehmen vermeidbar - in der vorliegenden Härte kontraproduktiv, weil a) noch niemand einen Gegner mit schnellen Gangwechseln allein bezwingen konnte und b) der heftige Schaltruck Einfluss auf das Fahrverhalten nehmen kann. So lässt sich im Moment des Lastwechsels zumindest in Kurven ein gewisses „Drehmoment“ um die Hochachse in Form eines deutlich vernehmbaren Zuckens nicht verleugnen.

Der Hochdrehzahl Motor ist im Vergleich geschmeidig

Der hoch verdichtete und mit der Souveränität eines großvolumigen, kurzhubig ausgelegten Hochdrehzahl-Motors bestehende V12 gibt im Vergleich dazu ein vergleichsweise geschmeidiges Bild ab. Die Leistungsentfaltung des 60-Grad-Motors könnte gleichmäßiger und trügerischer nicht sein. Man wähnt sich dank der Leichtigkeit, mit der er aus niedrigen Drehzahlen heraus grandiosen Vortrieb erzeugt, nämlich kaum je zu schnell. Weder was die Ge- und Verbote im öffentlichen Umfeld anbetrifft, noch hinsichtlich der locker erreichbaren Überschuss-Tempi, die auf abgeschlossenen Kursen wie der Nordschleife erreicht werden.

Mit Tacho 320, „echten“ 305 km/h, auf der Döttinger Höhe in Richtung „Tiergarten“ zu pfeilen ist - seien wir ehrlich - ein Zustand, bei dem einem die zuvor angestimmte Lobeshymne zum Thema Leistungsreserven leicht im Halse stecken bleibt. Schön zu wissen, dass zumindest die Gesundheit des kernig brüllenden V12 auch unter solchen Bedingungen nie auf dem Spiel steht.

Insgesamt acht Ölpumpen saugen den Schmierstoff aus den unteren Bedplate, die mit dem Kurbelgehäuse verschraubt ist. Eine Hochdruck-Ölpumpe hält die Schmierung in Gang, während ein Öl/Wasser-Kühler und ein Öl/Luft-Kühler die Thermik dieses großen Verbrenners auch bei höchster Belastung stets im grünen Bereich halten.

Erkleckliche Masse von 1.794 Kilogramm

Diese Form der Trockensumpfschmierung erlaubt im Lamborghini Aventador LP 700-4 eine gegenüber dem Murciélago um 60 Millimeter tiefere Einbaulage des Zwölfzylinders, der mit 235 Kilogramm in etwa dasselbe Gewicht auf die Waage bringt wie das Chassis, in das er mittig integriert ist. Das Gewicht des Kohlefasermonocoques mitsamt seinen vorderen und hinteren Anbaurahmen aus Aluminium wird vom Werk mit 229,5 Kilogramm beziffert.

Wo wir schon bei Gewichten sind: Angesichts der aufgeführten Einzelposten für Chassis und Motor fällt es fast schwer zu glauben, dass die Gesamtbilanz 1.794 Kilogramm ausweist. Das Gute daran ist: Man spürt die doch erkleckliche Masse vordergründig nicht. Subjektiv wähnt man sich dank des motorseitig extrem lockeren Umgangs mit dem gewichtigen Allradler und der fahrwerkseitigen Agilität allenfalls mit einem 1,4-Tonner konfrontiert.

Alles hat seinen Preis

Beim Blick in die mit allen Technik- und Luxus-Features ausgestattete Kanzel des Lamborghini Aventador LP 700-4, auf sein thermodynamisch und aerodynamisch notwendiges Beiwerk drumherum und auf die Aggregate-Sammlung, die der Lamborghini Aventador LP 700-4 zur Erreichung seiner hoch gesteckten Ziele benötigt, kommt man zu der Einsicht, dass die zusätzlichen Kilos doch nicht ganz umsonst angefallen sind.

Der Allradantrieb mit elektronisch gesteuerter Haldexkupplung, selbstsperrendem Differenzial an der Hinterachse und einer vom ESP gesteuerten elektronischen Differenzialsperre vorne tragen ebenso zu diesem Eindruck bei wie die aufwendigen Pushrod-Aufhängungen, bei denen die Feder/Dämpferelemente nicht am Radträger, sondern innenliegend an der Karosseriestruktur des Lamborghini Aventador LP 700-4 befestigt sind und über Druckstangen (Pushrods) und Hebelsysteme bewegt werden. Es hat eben alles seinen Preis.

Autor

Foto

Rossen Gargolov

Datum

8. März 2013
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 08/2012.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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