Alles über Lamborghini Murciélago
Lamborghini Murciélago LP 670-4 Super Veloce 39 Bilder Zoom

Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV: König der Stiere im Supertest

Die Lamborghini Murciélago LP 670-4 in der Super Veloce-Version zeigt im Supertest auf den Rennstrecken beispielhaft auf, was die Sportwagen-Ressourcen der Zukunft sind. Obwohl beim italienischen Test-Kandidaten die Gewichtsreduzierung noch nicht in dem Umfang vollzogen worden ist wie angekündigt.

Die Haare stehen waagerecht vom Kopf ab. Und das Flattern der Jacke klingt fast so, als werde ein Segel gehisst. Der Gesichtsausdruck des Menschen, der in ihr steckt, verrät ein gehöriges Maß an Anstrengung. "Warum steht denn der so schief?", ertönt es feixend aus dem Lautsprecher. "Und was guckt er dabei so gequält aus der Wäsche? Das ist doch nur ein Windhauch im Vergleich zu dem, was dem Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV im Supertest noch blüht - läppische 50 km/h."

Was den spaßeshalber im konzentrierten Luftstrom des Mercedes-Windkanals stehenden Menschen schon bei innerstädtischer Höchstgeschwindigkeit völlig aus dem Lot bringt, kann eine gedrungene Gestalt wie den Supertestkandidaten Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV nicht einmal ansatzweise erschüttern. Mit seiner gravitätischen Masse von 1.764 Kilogramm steht der Testwagen auf seinen dicken Schlappen ganz ungerührt auf den vier Stempeln der Windkanal-Waage, als wolle er sagen: Komm her, gib‘s mir - gib mir den Gegenwind, so viele Meter pro Sekunde wie du hast. Damit mein Körper arbeiten kann, ich die Luft in vollen Zügen in mich einsaugen und sie unter mir und über mir für mich arbeiten lassen kann. Blas mich richtig an, damit ich meine unbändige Kraft im Supertest beweisen und den Fahrwiderständen den gestreckten Mittelfinger zeigen kann.

Windschlüpfigkeit ist nicht so gut, wie die Keilform suggeriert

Bei 200 km/h fängt für den Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV das Spiel nämlich erst richtig an - bei einer Windgeschwindigkeit, bei welcher der Mensch schon längst mittig im stählernen Sicherheitsgitter am Ende der Tunnelröhre stecken würde. Aber ganz so unbeeindruckt scheint auch der Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV im Supertest nicht zu sein: Die ausladenden Spiegelohren stehen zwar noch immer stocksteif wie eine Eins im Wind, doch die Scheibenwischer des Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV zittert schon wie Espenlaub. Als surreales Abbild seiner charakteristischen Silhouette hatten die waagerecht auf seine flache Stirn zuströmenden Rauchsäulen kurz zuvor schon mächtige Luftbilder über dem Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV gezeichnet - als wollten sie ihm bedeuten, dass nicht er die Lufthoheit besitzt und es um seine Windschlüpfigkeit gar nicht so gut bestellt ist, wie seine gedrungene Keilform suggeriert.

Die nun deutlich vorgeschobene Lippe in der spitzen Front und der große, feststehende Heckflügel - beides handwerkliche Kleinode -, sind aber nicht die einzigen Widerstände, die der Lamborghini Murciélago LP 670-4 Super Veloce in den Luftstrom stellt. Dazu zählen auch die riesigen Luftschächte in der Front und die seitlich vor der Hinterachse eingeschnittenen Schlünde zum Belüften des V12-Maschinenraums im Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV. So üppig be- und entlüftet und bespoilert weist der Windkanal dem Supertest-Kandidaten einen mäßigen cW-Wert von gerade mal 0,38 aus, was den nur 1.135 Millimeter hohen, andererseits 2.058 Millimeter breiten und 4.705 Millimeter langen Zweisitzer diesbezüglich wie einen veritablen Kleinbus daherkommen lässt.

Geschwindigkeitsregion über 300 km/h als natürliches Habitat

Außer der Maßgabe, ausreichend Vorsorge hinsichtlich der thermischen Belange der in der Mitte stolz residierenden Wärmekraftmaschine zu treffen, stehen bei Leistungssportlern dieser Prägung schließlich auch wichtigere Kriterien im Vordergrund als solche, mit denen verbrauchsoptimierte Hybridfahrzeuge gemeinhin vorstellig werden müssen - die aerodynamische Balance im Allgemeinen und die Abtriebswerte an den Achsen im Besonderen. Denn was nützt ein geschliffener cW-Wert, wenn bei Tempo 300 und mehr der Auftrieb an den Achsen zerrt und das landgestützte Fahrzeug tendenziell zum Flugobjekt mutiert? Das Flügelprofil einer Tragfläche ist der Dachlinie des Lamborghini Murciélago schließlich nicht ganz unähnlich. Immerhin haben wir es hier im Supertest auch mit einer Leistungsklasse zu tun, die die Geschwindigkeitsregion jenseits von 300 km/h sozusagen als ihr natürliches Habitat beanspruchen - und zwar nicht wegen, sondern in diesem Fall trotz ihrer wirksamen aerodynamischen Komponenten.
 
In der Höchstgeschwindigkeit liegt die um 30 PS stärkere, doch mit deutlich mehr Abtrieb fahrende SV-Variante logischerweise etwa gleichauf mit der geringfügig schwächeren, dafür aber mit besserem cW-Wert fahrenden Basisversion Lamborghini Murciélago LP 640 (0,35) - Hier geht es zum Supertest Lamborghini Murcielago LP 640. Das Ausleben der in beiden Fällen erst bei rund 340 km/h endenden Tempo-Eskapaden sollte vorzugsweise auf abgeschlossenen Hochgeschwindigkeitskursen wie Papenburg oder Nardo erprobt werden - nicht etwa, weil der Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV sich beim Annähern an seine Vmax sonderlich mühen müsste oder er sich charakterlich schlecht gebärden würde. Sondern einfach deshalb, weil sich niemand in dem riesigen, parallel existierenden Autofahrerkosmos ernsthaft vorstellen kann, dass es möglich ist, ohne zusammengebissene Zähne und schweißnasse Hände mehr als 90 Meter pro Sekunde zurücklegen zu können.

Der Murciélago steht aus 300 km/h nach 6,49 Sekunden

Ausgestattet noch dazu mit der beruhigenden Zuversicht, dass das Wiedereintauchen in die normale Atmosphäre im Notfall in nur wenigen Sekunden erledigt ist. Geht der Kommandant in der Lambo-Kapsel bei 300 km/h voll in die Eisen, steht der Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV nach nur 6,49 Sekunden. Die kurze Dauer hat allerdings keineswegs einen kurzen Weg zur Folge: Er beträgt mehr als 270 Meter. Der imaginäre Bremsfallschirm, der sich beim Betätigen des Bremspedals auftut, ist also - auch wenn es sich so anfühlt -, keine Vollkasko-Versicherung. Die aus hohem Tempo heraus als überwältigend empfundene Verzögerungsleistung von bis zu 14 m/s² könnte sich im Ernstfall nämlich noch immer als deutlich zu schwach erweisen, wenn nach links ausscherende Tanklaster diesseits der Horizontlinie plötzlich und unerwartet mittig auf der Bildfläche erscheinen. (Hier geht es zum Beschleunigungs- und Bremsduell 0-300-0 km/h).
 
Fakt ist aber, dass die wuchtige, serienmäßige Keramikbremse des Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV mit zu den Besten ihrer Art zählt. Und ebenso selbstverständlich trifft sie im austarierten Gewichtsumfeld des Lamborghini-Flaggschiffs hervorragende Bedingungen an, um ihre brutale und dabei ebenso gut zu dosierende Wirkung auch in vollem Umfang entfalten zu können. Die Tatsache, dass die Entlastung der Hinterachse durch die dynamische Radlastverschiebung beim Bremsen umso geringer ist, je hecklastiger die Gewichtsverteilung ausfällt, liegt auf der Hand. Dieser logische Zusammenhang wird von den eindrucksvollen Resultaten in den Bremsprüfungen schließlich auch vollumfänglich gestützt. Zu viel des Guten kann - wie sich zeigt -, allerdings auch kontraproduktive Wirkung haben.
 
Das partielle Überbremsen an der Hinterachse im Supertest bei starken Verzögerungen auf nasser Fahrbahn ist entweder den breiten Reifen anzulasten, deren Seitengrip bei Nässe doch eher mäßig ausgeprägt ist, und/oder dem etwas verspätet eingreifenden ABS. In den zügig angegangenen Bremszonen des Dunlop-Nasshandlingkurses überraschte der Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV jedenfalls des Öfteren mit einem sehr plötzlich auftretenden Auskeilen des Hecks. Die deutlich schlechtere Performance, die die SV-Variante im Vergleich zur antriebsseitig fast identischen Basis-Version Lamborghini Murciélago LP 640 auf nassen Terrain liefert, erstaunt umso mehr, als beide nicht nur dieselben Reifengrößen trugen, sondern auch mit demselben Reifentyp unterwegs waren. So liegt die Vermutung nahe, dass der Sportreifen von Pirelli, der P Zero Corsa in der Lamborghini-Spezifikation, während der knapp drei Jahre, die zwischen beiden Supertests liegen, einer charakterlichen Neujustierung unterzogen worden ist.

Nordschleifen-Rundenzeit von 7.42 Minuten

Die signifikant verbesserten Rundenzeiten und das zeitgleich deutlich schlechteren Abschneiden bei Nässe lassen im Grunde genommen keinen anderen Schluss zu. Denn die 30 PS, die der Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV sozusagen als Zusatz-Feuerwerk in seinem riesigen Motorenabteil hinter dem Zweier-Cockpit versammelt hält, dürften angesichts des horrend hohen Leistungsniveaus kaum den Ausschlag geben, wenn es darum geht, dem mit 640 PS nur wenig schwächeren Basis-Murciélago den Schneid abzukaufen. Das gelingt erfahrungsgemäß tendenziell eher mit weniger Masse als mit einem Mehr an Leistung.
 
Trotz des großen Aufwandes, der sowohl an Karosserieteilen als auch im Innenraum materialmäßig getrieben worden ist, hat die Abspeckaktion beim Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV letztlich nicht das gebracht, was in Aussicht gestellt wurde. Von den 100 Kilogramm, die er laut Werk weniger auf die Waage bringen sollte, ist beim Testwagen doch nur ein Minus von 41 Kilogramm übrig geblieben. Zusammen mit den 30 zusätzlichen PS ergibt sich daraus nur ein leicht verbessertes Leistungsgewicht von vormals 2,8 auf nunmehr 2,6 Kilogramm pro PS. Bis Tempo 100 sind es zwei Zehntelsekunden, der der Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV gegenüber der Basis in der Beschleunigung gut macht. Bis 200 km/h erhöht sich die Differenz immerhin noch auf knapp eine Sekunde. Die Verbesserungen der längsdynamischen Talente fallen also im Gegensatz zu denen, die in erster Linie für die Erhöhung der Querkräfte verantwortlich zeichnen - Reifen und Fahrwerk -, etwas bescheidener aus. Was nicht heißen soll, dass die Besatzung nun auf den Trichter kommen könnte, auch nur ansatzweise mit zu wenig Vortriebsenergie konfrontiert zu werden. 

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Der Beschleunigungshimmel auf Erden

Denn das, was beim Supertest im Lamborghini Murciélago LP 670-4 SV abgeht, ist bei aller technischen Geschliffenheit und Umgänglichkeit nichts anderes als der Beschleunigungshimmel auf Erden. Das Maß der Rückenpressung nimmt in den hart gepolsterten, dafür mit schmeichelndem Alcantara bezogenen Sportsitzen im Extremfall eine Intensität an, die bei empfindlichen Beifahrerinnen für Kurzatmigkeit sorgen kann. Die Klanggewalt des im Rücken brüllenden Zwölfzylinders ist bei hohen Drehzahlen zudem derart intensiv, dass keine Schallschutzwand der Welt das Echo seiner Stimme verschlucken könnte. Angesichts dieser extrem schönen Stimme wäre es auch zu schade, wenn sie im allgemeinen Verkehrslärm ungehört unterginge. Schließlich wird sie eine der wenigen sein, die in späteren Jahrzenten als jene Stimme identifiziert werden wird, die die Ära der Verbrennungsmotoren mit am eindrucksvollsten repräsentiert.

Super Veloce ist schneller als der normalen Murciélago

Wenn auch beim Lamborghini Murciélago LP 670-4 Super Veloce im Supertest messtechnisch alles einen Tick schneller geht als im normalen Lamborghini Murciélago, so sind sie charakterlich doch absolut als eineiige Zwillinge einzustufen. Den unbeirrbaren Geradeauslauf hat die deutlich teurere Leichtbau-Variante ebenso vererbt bekommen wie die nicht zu verleugnende Untersteuertendenz im Grenzbereich. Was der Fahrsicherheit im normalen Verkehrsalltag klar Vorschub leistet, nervt im Supertest auf der Rennstrecke speziell immer dann, wenn der Kurveneingang etwas zu forsch genommen wurde und das dann einsetzende leichte Schieben Geduld abverlangt. Nämlich bis zu dem Punkt am Ende der Biegung, an dem der knapp fünf Meter lange Keil einigermaßen korrekt auf die Gerade ausgerichtet ist und im grenzenlosen Vertrauen auf die Segnungen des Allradantriebs volle Kraft voraus gegeben werden kann. In solchen unvergesslichen Momenten nimmt die Verherrlichung der Gewalt eine Sprache an, die man im größeren Gesellschaftskreis derzeit besser nicht artikuliert.

Autor

Foto

Rossen Gargolov

Datum

9. Juli 2012
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 01/2010.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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