Der Mercedes SL 55 AMG im Supertest

Test des Mercedes SL 55 AMG auf der Nordschleife

Mit dem Sportabzeichen AMG am Heck hat sich der SL in die vorderste Front manövriert - zumindest zahlenmäßig: 476 PS und 700 Newtonmeter Drehmoment werden die Konkurrenz zum Handeln zwingen.

Mit vollen Hosen ist gut stinken, heißt es im Volksmund, was im übertragenen Sinn nichts anderes bedeutet, als dass derjenige, der bestens ausgestattet ist, das Recht auch auf seiner Seite hat. Der Mercedes SL 55 AMG, mit Leistung und Drehmoment so gut wie kaum ein anderer Sportwagen bedacht, nimmt sich deshalb ganz selbstverständlich auch immer ein bisschen mehr heraus. Das Temperament zu zügeln scheint im Fall dieses stärksten aller Serien-Mercedes tatsächlich ein schwieriges Unterfangen zu sein. Aber schließlich ist der SL 55 AMG kein Kind von schlechten Eltern. Als Abkömmling des Mercedes SL 500, der im Supertest (Ausgabe 12/2001) bereits seine Meriten bewies, bringt er Gene von bester Herkunft mit. Beispielsweise das stark Charakter prägende Gen namens V8, noch dazu eines aus der Leistung bringenden Fünf-Liter-Klasse. Die technisch hochkarätige Substanz, die der SL 55 AMG und der SL 500 teilen, ist allerdings Fluch und Segen zugleich. Fluch insofern, als der Anspruch in Sachen Leistungsfähigkeit und Fahrdynamik in gleichem Maße eskaliert wie die Leistung selbst. Mit 476 PS entwickelt der im Hubraum um knapp einen halben Liter vergrößerte SL 55-V8 exakt 170 PS mehr als der 306-PS-Basismotor.

Der SL 55 hat 170 PS mehr als der Basis-SL

Wie aber lässt sich ein solches Leistungsplus mit entsprechendem Aufpreis rechtfertigen, wenn es dabei für den Kunden primär nicht um ein ebenso deutliches Plus an Fahrleistungen gehen darf? Bereits der 306 PS starke SL 500 muss sich der freiwilligen Selbstbeschränkung beugen und per elektronischer Abriegelung bei 250 km/h einbremsen lassen. Bei diesem Tempo beginnt der SL 55 AMG – salopp ausgedrückt – gerade mal damit, zur Höchstleistung aufzulaufen. Er stürmt mit solcher Gewalt und Vehemenz auf das eingebaute Tempolimit zu, dass er es mit seinem Schwung zunächst um fast zehn km/h durchbricht, um dann durch energischen Zugriff der Elektronik auf das politisch korrekte Tempo von exakt 250 km/h zurückgeregelt zu werden. Mit knurrigem Ton bekundet der Motor bei diesen Gelegenheiten sein tief empfundenes Missfallen – eine Gefühlsregung, die auch beim Fahrer umgehend um sich greift.

So stellen sich neben der großen Lust im SL 55 AMG häufig auch Frustmomente ein – einfach deshalb, weil der Anlauf bis zur Spitze in äußerst kurzer Zeit absolviert werden kann. Zwischen 250 km/h und dem technisch begrenzten Limit, das wegen der hohen Reifenbelastung mit 300 km/h beziffert wird, liegt somit ein Tempobereich von 50 km/h völlig ungenutzt brach – und damit auch ein Faszinationspotenzial, das sich in dieser Temporegion bei guter Gelegenheit durchaus eröffnen kann. Der starke SL gibt sich jedoch alle Mühe, diese Scharte in sehr überzeugender Manier auszuwetzen. Denn was dieses fast zwei Tonnen schwere Coupé – oder Cabriolet – auf die Fahrbahn zaubert, macht die Insassen sprachlos und verdreht Außenstehenden oder -fahrenden den Kopf. Das oft bemühte Gleichnis von dem überdimensionalen Gummiband, das einen mit Macht in Richtung Horizont zieht, trifft hier wie kaum ein zweites Mal zu. In Anbetracht des Eindrucks, dieser von keiner Schaltpause unterbrochene Vortrieb ginge mit zunehmendem Tempo immer zügiger vonstatten, geraten selbst abgebrühte Zeitgenossen völlig aus dem Häuschen. Allerdings ist die Enttäuschung umso größer, wenn bei Dreivierteldrehzahl wieder die lästige Speed-Barriere fällt.

Erste Erregung weicht Enttäuschung bei der Speed-Barriere

Die motorische Machtfülle mit einem Drehmoment von immensen 500 Newtonmeter schon bei 1.500/min ist ein seltenes Faszinosum, das zusätzliche Nahrung auch durch die imposante Akustik des Kompressor geladenen Achtzylinders erhält. Der dumpfe, warme V8-Sound präsentiert sich über das gesamte Drehzahlspektrum ungleich anziehender als im SL 500, sodass man dieser besonderen Achtton-Musik umgehend mit Leib und Seele verfällt – im offenen Zustand erst recht. Den wesentlichen Beitrag am Zustandekommen des angegebenen Leistungspotenzials hat der neu entwickelte, nach dem so genannten Lysholm-Prinzip arbeitende Schraubenkompressor. Er ist nahezu bündig zwischen den Zylinderbänken platziert, und seine nachträgliche Integration zog die Überarbeitung des Kurbelgehäuses, der Kurbelwelle samt längerer Pleuel, des Zylinderkopfes, der Nockenwellen, des Ventiltriebs, der Ölversorgung und der Motorelektronik – also fast aller relevanten Komponenten – nach sich.

Über den Einsatz des Kompressors entscheidet das Motorsteuergerät in Abhängigkeit von Drehzahl und Last – und so letztlich der Fahrer selbst. Es steuert eine elektromagnetische Kupplung, die den Antrieb des Luftverdichters mit Hilfe eines separaten Keilrippenriemens sicherstellt. Der Kompressor tritt Kraft sparend nur in Aktion, wenn man ihn braucht – dann allerdings mit dem wirkungsvollen Effekt eines spontan bereitstehenden maximalen Ladedrucks von 0,8 bar. Die Arbeitsweise des Laders ist über jede Kritik erhaben. Die von ihm verursachten mechanischen Geräusche gehen im V8-Gebrabbel völlig unter. Und die gleichmäßige, sehr kultivierte Leistungsentfaltung des Motors zeigt nicht den geringsten Hinweis auf das Vorhandensein eines externen Druckerzeugers. Die im Datenblatt angegebenen Eckwerte für dieses Prunkstück von Motor – 476 PS und 700 Newtonmeter Drehmoment – dürften angesichts der imposanten technischen Rahmenbedingungen und des ingeniösen Ehrgeizes der AMG-Mannen keineswegs als Maximalwerte ins Lastenheft eingegangen sein. Das Gegenteil scheint angesichts des immensen Leistungswillens eher der Fall.

476 PS und 700 Newtonmeter scheinen nicht das Maximum zu sein

Eine Leistungsstreuung nach oben ist zumindest im Falle des Testwagens kaum von der Hand zu weisen, was man als Kompensation für die im Highspeed-Bereich entgangenen Freuden auch als Kunde gerne akzeptieren möchte. Die Werksangabe für die Beschleunigung aus dem Stand auf 100 km/h unterbot der SL 55 AMG mit dem Kennzeichen S-SL 5542 nämlich um 0,4 Sekunden und schaffte damit den sensationellen Wert von 4,3 Sekunden. Den vom Hersteller angesagten 200er-Wert („über 15 Sekunden“) unterbot der Testwagen ebenfalls sehr deutlich. Resultat: 13,8 Sekunden; knapp zehn Sekunden schneller als der SL 500. Die von der AMG-Dependance stark modifizierte Fünfgangautomatik aus dem SL 500 zeigt nicht nur in der Arbeitsweise, also in der Gestaltung der Kennlinien, große Zugeständnisse an die sportliche Klientel. Sie verfügt nun erstmals auch über ein manuelles Fahrprogramm, das per Tastendruck alternativ zum normalen Automatikmodus aktiviert werden kann. Überdies kann der Fahrer über zwei Tasten, die auf der Rückseite der beiden oberen Lenkradspeichen angeordnet sind, die Fahrstufen nach Gusto wechseln – die Formel 1 lässt grüßen.

In letzter Konsequenz gingen die AMG-Ingenieure aber wieder einen Kompromiss ein, der der sportlichen Sache abträglich ist. Nach Erreichen der Drehzahlgrenze schaltet die Automatik nämlich ungeachtet des vorgewählten Ganges selbsttätig eine Stufe hoch, um den Motor nicht in den Drehzahlbegrenzer laufen zu lassen. Das wäre weiter nicht so tragisch, wenn eine Differenzialsperre den Radschlupf im Kurvenausgang auf ein Mindestmaß begrenzen würde. Da aber auch der 476-PS-SL ohne Sperre auskommen muss, dreht das kurveninnere Rad bei schneller Fahrt am Ausgang durch, was die Automatik zum Anlass nimmt, aufgrund der erhöhten Raddrehzahl einen Gang hochzuschalten. So geht die Kraft nicht nur durch Wheelspin in Rauch auf, sondern zusätzlich auch durch die tendenziell zu lange Übersetzung. Haptisch nicht ganz geglückt sind die Schaltknöpfe an den Lenkradspeichen. Ihr Gegendruck ist etwas zu gering, was dazu führen kann, dass die Gangwechsel sozusagen im Vorbeigreifen unbeabsichtigt ausgelöst werden. Von der hohen Fahrzeugmasse einmal abgesehen: Bei allem gebotenen Fahrkomfort, speziell dem hervorragenden Abrollkomfort, sind die Zugeständnisse hinsichtlich der sportlichen Belange sehr weit reichend.

Die Sportlichkeit kommt beim SL 55 AMG nicht zu kurz

Die Schwelle, ab der das elektronische Stabilitätsprogramm eingreift, ist so hoch gelegt, dass sie auch auf der Rennstrecke nicht mehr bewusst wahrgenommen wird. Aber sie bleibt als Backup existent. Die Bremsanlage in rekordverdächtiger Dimension mit 360-Millimeter-Scheiben, Achtkolben-Festsätteln und einer Belagfläche pro Scheibe von 220 Quadratzentimetern (SL 500: ca. 110 cm²) an der Vorderachse zeigt nicht nur hervorragende Verzögerungsleistungen von konstant 10,5 m/s². Sie beweist auch auf der Rennstrecke erstaunliches Stehvermögen. Bis auf eine geringe Komforteinbuße, die sich nach der Absolvierung des Supertests in leicht unrundem Bremsverhalten bei niedrigem Tempo offenbarte, sind keine Schwächeanfälle aufgetreten – was im Übrigen für den SL 55 AMG als Gesamtheit gilt: Schwächen – wenn überhaupt – sind nur schwerlich aufzudecken. Stärken – so weit die Sinne reichen.

43 70 1
Kommentare
Bild vergrößern
Anzeige
Thema
AMG: Weitere Artikel zu diesem Thema
Mercedes E63 AMG im Test: Mit Performance Package zum Sportler

Eine Limousine kann sportlich sein, wie der mit Performance Paket bis zu 557 PS starke Mercedes E63 AMG im Test zeigt.

Mercedes E 63 AMG
Fahrt im Mercedes SLK 55 AMG: Sportskanone mit Sparprogramm

Der neue Mercedes SLK 55 AMG hat entschieden mehr zu bieten als der zierlicher anmutende Vorgänger - ein V8 mit Zylinderabschaltung.

Mit dem Mercedes SLK auf der Route 66
Großes Spezial
24h Rennen Nürburgring 2011

In unserem großen Spezial berichten wir live vom 24-Stunden-Rennen in der Eifel. Alle Platzierungen, Ergebnisse, Interviews und viele Bilder und Videos.

24h-Rennen Nürburgring
Top Artikel
McLaren MP4-12C im Supertest: Ist das der neue Nürburgring-Star?

Der McLaren MP4-12C soll die Konkurrenz von Porsche, Ferrari und Co. übertreffen. Ob das klappt, zeigt der Supertest.

McLaren MP4-12C, Front
Porsche 911 Carrera S Supertest: Elfer-Syndrom entwickelt sich weiter

Von den Vorgängern hat sich die neue Porsche 911 Carrera-Generation 991 nicht gelöst und kann dennoch alles besser.

Porsche 911 Carrera S 991
Alle Fahrzeuge
Rundenzeiten Supertests

Alle Fahrzeuge die im Supertest auf dem Nürburgring und dem Hockenheimring getestet werden finden Sie sortiert in unserer Tabelle.

Rundenzeiten Supertests
Auto Motor und Sport
Suchen: So finden Sie das beste Gebrauchtwagen-Angebot

Hier erfahren Sie worauf Sie bei der Suche nach einem neuen Gebrauchtwagen achten müssen und wir geben wertvolle Tipps für die Suche.

So finden Sie das beste Gebrauchtwagen-Angebot
4WheelFun
BMW X3 x-Drive 35d im Test: Bi cool - BMW X3 mit Doppelturbo

Mit 313 PS macht der erstarkte Sechszylinder dem sportiven SUV BMW X3 mächtig Druck. Einzeltest des stärksten Topmodells.

Bi cool - BMW X3 mit Doppelturbo
Motor Klassik
Schloss Bensberg Classics 2012: "Very important cars only"

Unter dem Motto "Very important cars only" präsentieren sich vor dem Schloss Bensberg außergewöhnliche Automobil-Klassiker.


Alle Autos von A-Z
  • Loading...
  • Loading...