Nissan GT-R, Frontansicht 21 Bilder Zoom

Nissan GT-R im Supertest: Nissan bläst jetzt mit 530 PS zum Angriff

Mit dem Nissan GT-R gelang den Japanern der vielbeachtete Einstieg ins Supersportwagen-Segment: Nach nur zwei Jahren Bewährungszeit bläst der japanische Kultsportler nach gewissenhafter Überarbeitung nun mit 530 statt 485 PS erneut zum Angriff.

Wer sich nach nur zwei Jahren Marktpräsenz als Automobilhersteller veranlasst sieht, sein Produkt in technisch und optisch überarbeiteter Fassung anzubieten, ist nach den Gepflogenheiten des Marktes entweder unter verschärften Druck der Konkurrenz geraten - oder er hat ein Problem mit der Kundschaft. Vielleicht gibt es in diesem speziellen Fall aber auch einen anderen Grund, mit dem die Renovierung des japanischen Kultsportlers Nissan GT-R nach kurzer Zweijahres-Frist erklärt werden kann.

Von einer Enttäuschung seitens der Kundschaft ist zumindest bezüglich der Leistungsbereitschaft des bislang 485 PS starken, viersitzigen Allrad-Coupés nichts bekannt. Die Begeisterung hat dem Vernehmen nach hier und da allenfalls durch technisches Ungemach und in Folge exorbitanter Ersatzteil und Schmiermittelpreise - Stichwort: Getriebeöl - gelitten. Die Gefahr, wegen zwischenzeitlich erstarkter Konkurrenz fahrdynamisch in die zweite Liga abzurutschen, zeichnete sich nicht mal schemenhaft am Horizont des Nissan GT-R ab.

Unter 7.20 Minuten auf der Nordschleife?

Angesichts der Rundenzeit, die der Nissan GT-R im Supertest 2009 zum Schrecken der Gegner absolvierte - 7.38 Minuten - hat die Konkurrenzfähigkeit nicht die Spur gelitten. So darf die kurzfristige Überarbeitung einzig und allein dem Ehrgeiz und dem Durchsetzungsvermögen eines Mannes zugeschrieben werden, der sich wie kein Zweiter mit Leib und Seele dem Projekt GT-R verschrieben und auf diese Weise selbst fast Kultstatus erreicht hat: Chefentwickler Kazutoshi Mizuno.

Fast so, als spielten Geld und Manpower keine Rolle, treibt Mizuno-san die Entwicklung des in Japan als Kultobjekt verehrten und auch in der virtuellen Welt extrem präsenten Nissan GT-R weiter in einem Tempo voran, dass es den hauseigenen Testfahrern fast schwindelig wird. Letztere scheinen auf der zu diesem Zweck vornehmlich befahrenen Nordschleife derart unter Druck zu kommen, dass sie es als unbedingte Verpflichtung ansehen, das interne Rekordregister in wahrer Kamikaze-Manier mit immer neuen Fabelwerten zu aktualisieren. So soll die Marke von 7.20 Minuten bereits unterschritten worden sein ...

GT-R ist schneller geworden

Die - nebenbei bemerkt - gesunde Erkenntnis, dass ausführliche Test- und Erprobungsfahrten der Automobilindustrie und solche, die von sport auto unternommen werden - nämlich Status-Quo-Bewertungen im Zeitraffer-Format -, wegen unterschiedlicher Bedingungen, Herangehensweisen sowie Bewertungsmustern kaum vergleichbar sind, lässt uns das Delta zwischen dem vom Hersteller angegebenen "Soll" und dem im Supertest des Nissan GT-R herausgefahrenen "Ist" selbstbewusst ertragen.

Die mit 7.34 Minuten in Ausgabe 11/2010 von sport auto bereits offiziell notierte, vom Autor im Rahmen einer von Nissan Ende Oktober 2010 bei kühler Witterung anberaumten "Time Attac" gefahrene Nordschleifen-Runde konnte mit dem aktuell zum Supertest bereitgestellten, in "Racing Blue" lackierten Exponat des Nissan GT-R zwar nicht auf die Sekunde genau wiederholt werden. Doch die unter deutlich wärmerer Frühlingssonne erreichte Rundenzeit von 7.36 Minuten bestätigt eine Tendenz, die sich zuvor schon in Hockenheim abgezeichnet hatte: Der Nissan GT-R des Jahrgangs 2011 ist nominell nicht nur um 45 PS stärker, sondern auch deutlich schneller geworden.

Verbesserungen bei Fahrwerk, Verbrauch und Karosserie

Dass es dazu erheblich mehr bedurfte, als nur das Motorsteuergerät neu zu kalibrieren und die Ein- und Auslasskanäle zu optimieren, liegt auf der Hand. Dank eines von vorn bis hinten modifizierten Abgasstrangs und neuer Katalysatoren soll es beim Nissan GT-R sogar zu Effizienzsteigerungen hinsichtlich des Verbrauchs und mithin der Emissionen gekommen sein. Diese Beweisführung ist uns allerdings nicht geglückt ... Über die Modifikationen am V6-Twinturbo hinaus ist laut Mizuno so gut wie jeder Aspekt neu betrachtet worden, der die Möglichkeit zur Steigerung der fahrdynamischen Klasse in sich birgt.

Selbst die subtilen, sich nur dem Kenner erschließenden Modifikationen an der aus einem Materialmix aus Stahl, Aluminium und Kohlefaser bestehenden Karosserie bleiben nicht ohne Wirkung. Bei leicht verschlechtertem cw-Wert, der sich aufgrund der nochmals vergrößerten Kühlluftöffnungen leicht erklärt, darf laut Windkanalprotokoll immerhin von einem verbesserten Abtrieb an der Hinterachse ausgegangen werden. Auch am Fahrwerk - die bewährte Doppelquerlenkerachse aus geschmiedetem Aluminium vorn und eine aus gleichem Material geformte Multilinkkonstruktion hinten -, ließen die Ingenieure eine Reihe von Verbesserungen in den Nissan GT-R von 2011 einfließen.

Defizit durch Gewicht von fast 1,8 Tonnen

An der Vorderradaufhängung wurden Federn, Stoßdämpfer und Stabilisatoren überarbeitet und zugleich der Nachlaufwinkel in Hinblick auf einen noch stabileren Geradeauslauf auf sechs Grad erhöht. An der Hinterachse des Nissan GT-R wurde die Höhe des Rollzentrums verringert, um den Reifen eine noch bessere Haftung zu ermöglichen. Die neu entwickelten, von Bilstein beigesteuerten "DampTronic"-Dämpfer müssen ihrem Aufgabengebiet nach zu urteilen wahre Universaltalente sein: Wegen ihrer geringeren Innenreibung sollen sie einem verbesserten Abrollkomfort zuträglich sein.

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Das ist eine Ansage, die sich in der Praxis allerdings nur auf topfebener Straße nachvollziehen lässt. Obwohl die Dämpferkennlinien wie gehabt auf Schalter-Druck zwischen "Comfort", "Sport" und "R" unterscheiden, sieht es um den Federungskomfort auch in der vermeintlichen Komfortstufe doch eher mager aus. Vor allem bei langsamer Fahrt legt das gewichtsmäßig leider nicht optimierte Nissan GT-R-Coupé eine Steifbeinigkeit an den Tag, die auf Dauer an den Nerven zehrt. Aber schließlich war im ergänzenden Lastenheft von Komfortverbesserungen ja auch nicht die Rede.

Top-Geschwindigkeit von 315 km/h

Wes Geistes Kind dieses konzeptionell einzigartige Allroundtalent mit Namen Nissan GT-R ist, wird mit professionellem Blick auf die Bremsanlage offensichtlich: Im Scheibendurchmesser um zehn auf nunmehr üppige 390 Millimeter gewachsen, liefert das von Brembo beigesteuerte Trumm nicht nur vorzügliche Verzögerungsleistungen, sondern zeigt sich erstmals auch bei härtester Beanspruchung als unempfindlich gegen Fading. In Kenntnis der zu verzögernden Masse des Nissan GT-R von nunmehr 1.784 Kilogramm (Vorgänger: 1.778 Kilogramm) und der jetzt maximal erreichbaren Geschwindigkeit von 315 km/h zieht man angesichts dieser nachhaltigen Leistungsbereitschaft respektvoll den Hut.

Schlussendlich sind es die neuen Dunlop-Reifen mit der ellenlangen Typenbezeichnung SP Sport Maxx GT 600 DSST, die mit steiferen Laufflächen und härten Flanken sowie bewährter Stickstofffüllung das anvisierte Ziel endgültig konkretisieren: Der internationalen Sportwagenelite zeigen, wo der Hammer hängt - nicht mehr und nicht weniger. Bei aller Durchsetzungskraft, die sein optischer Auftritt in der Augen der Kennerschaft signalisiert, überrascht auch der neue Nissan GT-R mit einer Stimme, die kaum an einen bis an die Zähne bewaffneten Samurai-Krieger erinnert.

Lässig im Alltag dank 612 Nm Drehmoment

So, als trüge er seine Waffen unsichtbar unter der Mönchskutte, bewegt sich der Nissan GT-R akustisch unauffällig in der Menge, um zu gegebener Zeit die Furie herauszukehren. Wie angestochen stürmt er los, rast ins Ziel und zieht sich wie selbstverständlich aus jeglicher Affäre, sobald er ein Signal vom Gaspedal erhält. Dabei ist es dem mit einem perfekt konfigurierten Allradantrieb gesegneten Kampfsportler völlig schnuppe, welchen Gang man ihm zur Verfügung stellt.

Der wie eine Verheißung unter dem Gasfuß schlummernde Drehmomentberg - 612 Newtonmeter, konstant zwischen 3.200 und 6.000/min -, sorgt beim Piloten des Nissan GT-R im Alltag für eine Lässigkeit, die sonst nur von Genießern des Porsche Turbo-Schubs bekannt ist. Im Verkehr mitschwimmen, ohne zwangsläufig Blicke auf sich zu ziehen und die nächste Einkaufstour planen, ohne am Stauvolumen zweifeln zu müssen - kein Problem angesichts der artigen Zurückhaltung und der für einen Supersportler der 530-PS-Spitzenklasse üppigen Platzverhältnisse.

Einmal Luftholen und der GT-R ist auf Tempo 100

Die 45 Extra-PS, die dem mit neuen Farben antretenden Nissan GT-R generös zur Verfügung gestellt worden sind, nutzt er effektiv: Während der Vorgänger für den Sprint auf 100 km/h noch 4,1 Sekunden reklamierte, wird das Pensum jetzt mit Hilfe einer besser funktionierenden Launch-Control in nur 3,3 Sekunden erledigt. Bis 200 km/h wächst die Differenz zwischen Alt und Neu auf 1,6 Sekunden an: Was bisher in 13,1 Sekunden bewältigt wurde, ist jetzt bereits nach 11,5 Sekunden abgeschlossen. 

Nicht nur, dass die Flächenpressung zwischen Rücken und Sitzlehne bei weniger routinierten Mitfahrern leicht zu Schnappatmung führt: Der dramaturgische Verlauf der Beschleunigungsorgie ist einem heranrückenden Sturm nicht unähnlich. Das anschwellende Rauschen des Nissan GT-R könnte zwar als unheilvolle Ankündigung gewertet werden, der Vorgang bleibt aber als höchst Gewinn bringender und unterhaltsamer Akt stets in bester Erinnerung.

Nissan GT-R hat einmalig gute Fahrdynamik

Die launige Art, sich bis ans absolute Limit - und zuweilen auch etwas darüber hinaus - stets konstruktiv ins Geschehen einzubringen, ist eine Eigenschaft, die dem Nissan GT-R in dieser Qualität so schnell keiner nachmacht. Wer sich am Ende der Geraden beherrscht, den Bremspunkt nicht zu spät setzt und den Allradler damit nicht in und über den Scheitelpunkt hinaus mit zunehmendem Lenkeinschlag auf Kurs zwingen muss, wird spätestens ab Kurvenmitte mit einer Fahrdynamik belohnt, die nach wie vor ihresgleichen sucht.

"Vollgas voraus" - dieser schon etwas abgedroschene Slogan ist aufgrund der extrem hohen Fahrstabilität jederzeit anwendbar - sofern denn in passender Umgebung Anlass dazu besteht. Beispiel Hockenheim: Die hohe 1.10er-Zeit, mit der der Vorgänger des Nissan GT-R auf dem Kleinen Kurs vorstellig wurde und schon damit dem leidigen Thema Fahrzeugewicht galant die Dramatik entzog, wischt der Neue mit einer Leichtigkeit vom Tisch, die von der Konkurrenz erneut als anmaßend empfunden werden könnte. Die aktuell gemessene Rundenzeit von 1.10,0 Minuten korrespondiert in ihrer Brillanz tatsächlich nicht mit der Masse, die der mit allem Luxus ausgestattete Nissan GT-R auffährt.

Einzige Mankos sind Geräusche des Automatikgetriebes und Verbrauch

Es ist eine sich durchs Gesamtkonzept ziehende Ambivalenz, die den Nissan GT-R in der Summe so bemerkenswert macht: Die extrem austrainierte Sportlichkeit auf der einen und der auf den ersten Blick fast etwas bieder wirkende, zuweilen auch etwas knorrige Auftritt auf der anderen Seite. Wenn es innerhalb des extrem aufwändigen GT-R-Gefüges einen Minuspunkt gibt, den es aufzuzählen lohnt, dann sind es die mechanischen Geräusche, die allein bei den alternativ angebotenen automatisierten Gangwechseln seitens des Doppelkupplungsgetriebes im Nissan GT-R hörbar werden.

Angesichts der professionellen, in lastwechselfreien Gangwechseln gipfelnden Arbeitsweise des Getriebes lässt sich dieses akustische Relikt jedoch verschmerzen, zumal der Gesamteindruck des Nissan GT-R hinsichtlich der Verarbeitungsqualität und der Liebe zum Detail insgesamt deutlich gewonnen hat. Auch wenn dem Cockpit ungeachtet der feinen Veränderungen noch immer eine gewisse Urwüchsigkeit anhaftet, darf anerkennend vermerkt werden, dass es ihm an Unterhaltungswert, etwa in Form der, für den Nissan GT-R typischen, "Playstation" mit frei konfigurierbaren Displays, nicht fehlt. Selbst im Falle eines Staus ist für genügend Ablenkung gesorgt: Unter anderem durch das kombinierte Audio- und Navigationssystem mit nunmehr 40 Gigabyte großer Festplatte.

Es ist nebenbei in der Lage, ein individuelles Musik-Archiv von bis zu 300 CDs zu speichern. Nur ein einziges Instrument schafft es nicht, mit seiner analog erscheinenden Anzeige Freude zu verbreiten - obwohl man es nicht aus dem Auge lassen darf: Der Bewegungsmodus des roten Tankuhr-Zeigers im Cockpit des Nissan GT-R entspricht nämlich weniger einer gemächlichen Wanderung als vielmehr einem in diesem Zusammenhang durchaus unerwünschten Sprint.

Autor

Foto

Rossen Gargolov

Datum

30. Juli 2011
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 05/2011.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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