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: HiFi-System von Naim Audio im Bentley Continental Flying Spur Speed

Der Bentley Continental Flying Spur Speed bietet sich mit seinen 2,5 Tonnen trotz 610 PS nicht unbedingt zum sportiven Fahren an. Für eine Dynamik der besonderen Art sorgt allerdings sein HiFi-System von der High-End-Manufaktur Naim Audio.

Julian Vereker, der 1967 mit seinem eigenhändig getunten Mini Cooper 850 S in der britischen Tourenwagenmeisterschaft zwei Rennen gewann, verfolgte schon immer radikalere Vorstellungen: wenig Masse und damit trotz bescheidener Leistung hohe Dynamik.

Diese Vorstellungen verwirklichte der radikale Tüftler ab Ende der 60er auch in seinen HiFi-Geräten: Die Verstärker von Naim Audio konnten es in puncto Watt niemals mit den Boliden aus Amerika und Japan aufnehmen. Doch sie vermochten subjektiv eine ungemein anspringende Dynamik zu entfalten, weil sich nur wenige Bauteile dem Stromfluss in den Weg stellten. Soll heißen: Sie hingen gut am Gas.

Inzwischen lebt Vereker nicht mehr - die Firma läuft unter seinem ehemaligen Weggefährten Paul Stephenson zu ungeahnter Größe auf. Naim liefert High-End-Soundsysteme für die englische Nobelmarke Bentley, die mächtig Muskeln und Masse auffährt. Doch dieser Deal ist nur auf den ersten Blick geeignet, den Firmengründer im Nachhinein mit Höchstdrehzahl rotieren zu lassen.

Ein Fahrzeug produziert jede Menge Störgeräusche

Für die Implantation einer High-End-Anlage ins Auto wirken vermeintliche Gegensätze anziehend. Während HiFi-Entwickler mit riesigem Aufwand um jedes Quäntchen Klangverbesserung ringen, produziert ein Fahrzeug jede Menge Störgeräusche und stellt meist nicht genügend Raum zur Verfügung.

Bei Bentley steht man über solch profanen Dingen. Der Continental Flying Spur Speed stellt mit Dreifachverglasung, trilaminatbedämpften Chassis und edelsten Innenraummaterialien auf 5,30 Meter Länge einen der besten Konzertsäle auf Rädern bereit. Ein regelrechtes Mekka für Car-HiFi-Entwickler - in der Speed-Version mit 610 PS trotz rund 2,5 Tonnen zumindest auf dem Papier mit einem Leistungsgewicht um vier Kilo durchtrainiert wie ein Sportwagen. Dennoch bereitete die Aufgabe, Bentley besser als bisher zu beschallen, den Entwicklern einiges Kopfzerbrechen.

Ein Bentley soll nicht wummern wie ein Beetle

Naim betrat mit der akustischen Neuausrichtung der automobilen Nobelmarke im Wettbewerb gegen fünf namhafte Mitstreiter Neuland. Chef-Entwickler Steve Sells: „Wir haben erst mal das ganze Auto akustisch ausgemessen, mit allen Resonanzen.“ Dabei fiel den Audiophilen vor allem eine störende Resonanz zwischen 50 und 60 Hertz in den Türen auf. Der besonders steife Heckbereich mit Kofferraum erschien dagegen akustisch bestens für Bässe geeignet. Daraus entwickelte Naim ein Konzept und bekam in einem sehr knappen Zeitrahmen den Auftrag, einen Versuchsträger mit Fremdkomponenten und Holzkammern im Kofferraum in einem Continental zu installieren. Die improvisierte Klangdemonstration überzeugte Bentley - Naim machte sich mit Unterstützung zweier externer Experten an die konkrete Umsetzung nach strengen Vorgaben. Naim musste sich mit den serienmäßigen Einbauöffnungen begnügen, aber gleichzeitig nach außen Contenance bewahren.

Ein Bentley soll an der Ampel nicht wummern wie ein gewöhnlicher Beetle. Die Endstufe, deren Leistung mit 1.100 Watt alles Vergleichbare in den Schatten stellt, durfte in den Abmessungen den schwächeren Vorgänger nicht überragen. Zudem unterzieht Bentley unter Volkswagen-Ägide sämtliche Komponenten einem speziellen Crashtest. Steve Sells schmunzelnd: „Die lassen den Verstärker aus einem Meter Höhe auf Beton fallen. Dabei darf nichts kaputtgehen.“

Das Vier-Mann-Team arbeitete Tag und Nacht, um alle Auflagen zu erfüllen und eine 15-Kanal-Class-D-Endstufe mit DSP-gesteuerter Frequenzweiche und Entzerrung zu konstruieren. Im Bereich der Lautsprecher-Chassis schlugen die Audio-Experten zwei Fliegen mit einer Klappe: Mit ihren zum Vermeiden der Anregung störender Resonanzen in steilflankig unterhalb von 60 Hertz begrenzten 13-cm- Tiefmitteltönern in den Türen verhält sich die Super-Anlage selbst ohne rückwärtige Gehäuse nach außen hin erstaunlich dezent.

Weniger dezent verlief die Entwicklungsarbeit im Continental Cabrio: "Wir fuhren zu viert mitten im Winter nachts mit offenem Verdeck mit unseren weißen Arbeitskitteln in der Gegend herum und hörten Eminem, denn die Anlage musste auch mit Pop gut zurechtkommen", erinnert sich Roy George, der sich ungeachtet seines reifen Alters schon mal bei rhythmischen Kopfbewegungen ertappte.

Hörkomfort bis 300 km/h

Der GTC soll wie die geschlossenen Brüder besten Hörkomfort mit einer automatischen Anpassung der Entzerrung an die Geschwindigkeit in Schritten von einem Stundenkilometer bis 300 km/h ermöglichen. Eine pikante Aufgabe im Land genereller Tempolimits. „Ich bekam mein erstes Speed-Ticket“, erinnert sich Sells. Versuche im Bereich der Höchstgeschwindigkeit blieben Testfahrern auf abgesperrten Pisten vorbehalten, doch die Ingenieure konnten auf Grund ihrer Messungen das Verhalten vorausberechnen. „Leider hatte unser DSP anfangs einen Bug, der bei 300 Sachen ein fieses Geräusch erzeugte. Der arme Kerl am Steuer dachte, dass es ihm gerade das Dach abgerissen hat“, grinst der schwedische Softwarespezialist Hjlmar Nilsson, der nach dem Projekt bei Naim unterschrieb.

Wer das Gesamtkunstwerk Naim-Bentley erlebt, dürfte unweigerlich schon nach den ersten Takten und Metern versucht sein, einen Kaufvertrag für das rund 200.000 Euro teure Vehikel mit seiner „nur“ knapp 7.000 Euro teuren Audio-Anlage zu unterschreiben.

Die Dynamik ist speziell bei Klassik mit Kesselpauken und Bläsern schlicht atemberaubend. Mit sehr guten Aufnahmen wie Beethovens 9. (LSO live) kann man am Steuer glatt erschrecken. Das andere Extrem, Highway- Star von Deep Purple, kommt ebenfalls gut (obwohl man in einem W12 keine Hymne an einen V8 hören sollte). Allerdings zeigt sich jene aberwitzige Fein- und Grobdynamik, die aus 15 Kanälen auf die von der Außenwelt entkoppelten Passagiere hereinprasselt.

Wer wirklich die Probe aufs Exempel macht, staunt, wie perfekt die tempoabhängige Entzerrung arbeitet und schaut nach, ob sich im 6-fach-CD-Wechsler oder dem ebenfalls im Handschuhfach angedockten iPod der Titel „Seine Straßen“ von Xavier Naidoo findet: "Eure schlecht gebauten Pfade machen es dem Thronwagen schwer ..." Keine Frage, der Bentley ist trotz der gewaltigen Leistung von Antrieb und Anlage ein Auto für Feingeister.

Am meisten Spaß macht der sportive Luxusliner beim zügigen Cruisen mit üppigen Reserven und Musik der Kategorie "Freude schöner Götterfunken." Auf Landstraßen lässt er sich ungeachtet seiner über drei Meter Radstand schwerelos dirigieren. Und anders als in manchem halb so stark motorisierten Roadster verfällt man an der Ampel in einen Wettbewerb mit sich selbst um den sanftesten, lautlosesten Start. Der CFS Speed entschwebt wie eine Feder im Wind, sein Abgang gleicht dem von Dom Perignon-Champagner, der im ersten Moment sanft blubbert und sich dann in Luft aufzulösen scheint.

In Luft aufgelöst hatte sich während des Hörtests offenbar auch der Inhalt des 90-Liter-Tanks, der gerade mal für zwei CDs reichte. Bentley-Fahren ist nicht billig, aber trotzdem eine günstige Gelegenheit, den typischen, live-haftigen Naim-Klang ohne die in High-End-Zirkeln üblichen Aufstell- und Tuning-Arien genießen.

Unser Maßstab ist das Live-Erlebnis im Konzert

Kritik an diesem selbst im Top-Speed-Bereich überaus natürlichen System verdient allein die mangelnde Vorne-Ortung. Der Sound kommt größtenteils von hinten und klingt diffus wie im Konzertsaal, jedoch lange nicht so beengt wie in anderen Autos. Den Hauptgrund dafür sehen die Entwickler in den vorgegebenen, tief liegenden Einbauöffnungen der Mitteltöner. Doch Roy George versucht gar nicht, die Schuld abzuwälzen: „Typische HiFi-Kriterien wie Ortung und Abbildung hatten für uns noch nie große Bedeutung. Unser Maßstab ist das Live-Erlebnis im Konzert.“

Und diesem Anspruch folgt der Naim- Bentley wie ein heißgemachter Ur-Mini der Straßenbiegung. Julian Vereker wäre stolz auf seine Erben.

Autor

Foto

Schickedanz, Ruhnke

Datum

28. Januar 2009
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