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Audi RS4 Avant und Chrysler 300C Touring SRT8 im Vergleich: Duell im Kombiland: Wer ist der modernere Sportkombi?

Sportler oder Kombi? Am besten beides. Der Audi RS4 Avant und der Chrysler 300C Touring SRT8 folgen diesem Crossover-Prinzip. Die Interpretation jener Thematik scheint jedoch grundverschieden. Ein Vergleichstest der Charaktere.

Sports Utility, Sports Activity oder welche Art Vehikel auch immer – im Zeitalter der Genmanipulation nimmt auch im Automobilbau die Kreuzung unterschiedlichster Modellgattungen äußerst skurrile Formen an. Es ist nichts mehr, wie es scheint und schon gar nicht mehr, wie es war. Die Definition des Sportwagens blüht schon lange in den unterschiedlichsten Varianten und sprießt marketingtechnisch in nahezu jeder Nische.

Der Sportkombi aus Ingolstadt setzt nicht allein auf Motorkraft

Da mutet der Kombi als Sportgerät schon als eine Art feste Größe an, deren Wurzeln im Audi RS2 Avant anno 1994 zu finden sind. Der Stammbaum des aktuellen bayerischen RS4 ist also weit verzweigt und traditionell verwurzelt. Und auch die technischen Eckpfeiler von damals sind größtenteils geblieben, wenngleich natürlich moderner definiert und deutlich spitzer zugeschnitten. Power ist beim High-End-Avant der Neuzeit bei Weitem nicht mehr alles. Der Geist des Sportwagens hält mittlerweile in vielerlei Facetten Einzug, der hoch drehende Achtzylinder ist dabei nur ein faszinierendes Teil eines hoch entwickelten Ganzen, das auf Wunsch noch weiter auf- und umgerüstet werden kann. Im vorliegenden Fall beispielsweise mit aufpreisfreien Recaro-Sportsitzen, optionalen 19-Zoll-Rädern und einer Bremsanlage mit Anleihen aus dem Rennsport in Form von Keramik- Verbund-Scheiben an der Vorderachse. Allein letztere Okkasion hebt den Wert des Luxus-Lasters um weitere 5.800 Euro an.

Ein ausgeprägter Charakter bildet eben – auch den Preis. Dabei geht es durchaus günstiger: Was die Quattro GmbH für Audi, ist das Label Street Racing Technology, kurz SRT, für Chrysler. Typisch amerikanisch, wuchtig, klobig, nicht minder polarisierend und im Grundpreis zudem fast 14.000 Euro günstiger gibt der Chrysler 300C Touring als SRT8-Variante ebenfalls die wuchtige Sportskanone mit Familiensinn. Auf dem Papier dem RS4 ebenbürtig, zumindest was das Leistungsangebot des massig und gedrungen auftretenden Fatboys betrifft. Fast schon grobschlächtig und ungelenk wirkt der Chrysler gegenüber dem Audi, bei dem sich jede Muskelfaser klar und fein abzuzeichnen scheint. Dabei ist der Bizepsumfang nahezu identisch: 430 PS sind es beim SRT8, deren 420 beim RS4. Jeweils ohne Turbo oder Kompressor – Achtzylinder-Power at it’s best, aber höchst unterschiedlich aufbereitet; Fallstudien in Sachen Motorenbau als eine Art technische Reise durch die Zeit.

Beim Motor setzt Chrysler auf altbewährte Technik - Hubraum wie ein LKW

Denn der Hemi-V8 setzt unbeirrt auf alte Werte: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen als durch Hubraum. Gleich diesem Motto erhielt der US-Achtzylinder größere Bohrungen, was sein Volumen von 5,7 auf 6,1 Liter aufstockt. Hinzu kamen eine verhältnismäßig sportliche Verdichtung von 10,3:1, ein atmungsaktiveres Einlasssystem sowie eine entsprechend angepasste Abgasanlage. Um den maximal möglichen 6.200 Touren Stand zu halten, ist nicht nur der Motorblock verstärkt, sondern auch eine spezielle, geschmiedete Kurbelwelle im Einsatz. Aber eines bleibt, wie es schon immer war: Zwei untenliegende Nockenwellen und zwei Ventile pro Zylinder sind nach US-Definition eben einfach genug. Dagegen wirken die technischen Finessen des Audi wie aus einer anderen Welt: Benzin-Direkteinspritzung, vier Nockenwellen, vier Ventile pro Brennraum, Gier nach Drehzahl bis über 8.000 Touren, Allradantrieb und mit 1.771 Kilogramm ein vergleichsweise niedriges Gewicht. Die US-Ramme bringt üppige 1.994 Kilogramm auf die Waage, was dem Ami bezüglich des Leistungsgewichts einen Nachteil beschert, der ihm bei den Beschleunigungsmessungen hinderlich ist.

Schon auf den ersten Metern lässt der Audi RS4 Avant den SRT8 Touring im Regen stehen. Der Allradantrieb portioniert jede einzelne Pferdestärke bestmöglich auf die optionalen 19-Zoll-Räder. Der Audi schießt sich derart unerhört aus dem Stand nach vorn, dass die vorzügliche Kontur der Sportsitze einen bleibenden Eindruck im Rücken der Passagiere hinterlässt. Unter dem imposanten, feinen Hämmern und hochfrequentem Singen des 4,2-Liter-V8 zoomt sich der Avant binnen 5,0 Sekunden auf 100 km/h und passiert nach 18,0 Sekunden die 200er-Marke. Der bullige Hemi-V8 verrichtet seinen Dienst vergleichsweise grobschlächtig. Mit dem tiefen Blubbern im Stand geht ein stetes Schütteln einher, das die ganze Fuhre zum Beben und zum Wanken bringt. Akustisch bullig, aber ansonsten verhältnismäßig unspektakulär stampft der Zweitonner los. Die Fünfstufen-Automatik schaltet im oberen Drehzahlbereich ordentlich hurtig, und so überrascht der US-Boy auf der Hockenheimer Messgeraden mit durchaus ansprechenden Beschleunigungswerten. Zwar liegt der ermittelte Wert von 5,8 Sekunden für den Standardsprint auf 100 km/h 0,4 Sekunden über der Werksangabe.

Aber wie dem auch sei: Hier ist reichlich Feuer unter der Haube, das zudem auch standesgemäß gelöscht werden kann. Denn die hinter den gewaltigen 20-Zöllern installierte Bremsanlage ist mit edlen Brembo-Komponenten ausgestattet und zwingt die knapp zwei Tonnen US-Stahl vehement in die Knie. Die Verzögerungswerte liegen von der ersten bis zur letzten Bremsung aus Tempo 100 bei deutlich über 10 m/s², wenngleich der Pedalweg ab der siebten Verzögerung länger und der Pedaldruck spürbar weicher werden. Die hoch entwickelte Audi-Bremse leistet sich hingegen nicht den leisesten Ansatz einer Schwäche. Ihre Vehemenz nimmt im Lauf der Beanspruchung sogar noch zu. Bei der zehnten Bremsung steht der RS4 dann exakt einen Meter früher als der SRT8. 5.800 Euro Aufpreis sind aber dennoch eine Menge Holz, selbst wenn die Ingolstädter Stopper perfekt zu dosieren sind und einen absolut gleich bleibenden Druckpunkt liefern – egal, ob bei der Standardmessung oder der nicht minder schweißtreibenden Arbeit bei der Rundenhatz auf dem Kleinen Kurs.

Zwei Tonnen Chrysler sind erstaunlich agil in Hockenheim unterwegs

Genau auf diesem Geläuf geht es an die Substanz. Geradeaus kann schließlich jeder. In der Kurve liegt das wahre Können verborgen. Was ist nun Dichtung, was ist Wahrheit? Wer ist Sportler oder Möchtegern? Die 2,6 Kilometer im Badischen legen den Charakter offen, ganz gleich, was die jeweilige Werbeaussage verspricht. Chrysler verwöhnt seine Kunden: mit High Performance bei Fahrleistungen, Handling und Design – so die Verlautbarung. Und Audi bietet mit dem RS4 den „leidenschaftlichen Ausdruck von Höchstleistung“. Dass der markante Typ mit den vier Ringen mehr beherrscht als nur das Fach Längsdynamik, hat er als Limousine bereits hinlänglich bewiesen. Mit Sportreifen bestückt brannte der Allradler eine Zeit von 1.15,4 Minuten ins Hockenheimer Motodrom. Als herkömmlich bereifter Avant knüpft er mit 1.17,3 Minuten an jene fahrdynamischen Leistungen nahtlos an. Und der wuchtige US-Amerikaner? Das Gesetz der Trägheit der Masse, die Wandlerautomatik und lediglich Heckantrieb sollten den SRT8 meilenweit hinter den RS4 zurückwerfen. Aber gar so eklatant fällt der Rückstand gar nicht aus. Zugegeben, 1,4 Sekunden auf 2,6 Kilometer sind kein Pappenstiel.

Dennoch: Eine Zeit von 1.18,7 Minuten hätten dem Chrysler auch ausgefuchste Profis nicht zugetraut. Erstaunlich behände nimmt der Koloss die ihm gestellte Aufgabe, auch wenn die Lenkung bei Weitem nicht so zackig und direkt agiert wie die des Audi. Der grundsätzliche Drang zum Untersteuern ist mit gezielten Gasstößen feinfühlig zu kaschieren. Jedoch hadert der 300C Touring am Kurvenausgang mit Traktionsproblemen, da mangels eines Sperrdifferenzials das kurveninnere Rad schlicht und ergreifend hohldreht. Andererseits wartet der SRT8 im Grenzbereich keineswegs mit spitzfindigen Gemeinheiten auf. Zwar reagiert der wuchtige US-Boy auf Lastwechsel. Doch durch seine stattliche Länge kommt das Heck nur sehr träge in Wallung – was das Einleiten von Gegenmaßnahmen äußerst geruhsam gestaltet. Oder man lässt ihn spaßeshalber auch mal gewähren, denn Länge driftet – und zwar vorzüglich.

Drift kennt der Ingolstädter Sportkombi nicht

Für den Audi ist, abgesehen von den zackiger vorgetragenen Lastwechselreaktionen, der Drift hingegen ein Fremdwort. Der Allrad zieht den RS4 mit Macht aus den Ecken, die er im Grenzbereich jedoch untersteuernd angeht. Die ungünstige Gewichtsbalance – knapp 58 Prozent der gesamten Masse lasten schließlich auf der Vorderachse – treibt den Vorderbau stark zum Kurvenausgang und hemmt objektiv betrachtet die subjektiv doch so gute Agilität. Trotzdem zeigt sich der Audi als die klar sportlicher charakterisierte Alternative. Stellvertretend dafür darf auch der 18-Meter-Slalom gelten, den der bayerische Topsportler mit einer sehr guten Durchschnittsgeschwindigkeit von 65,9 km/h meistert. Er lässt sich präzise durch den Hütchen- Parcours zirkeln und bleibt allzeit gut kontrollierbar. Für ein derartiges Kleinklein fehlt es im Chrysler einerseits an der nötigen Übersichtlichkeit, zudem erfordert er große Lenkwinkel, ist im Slalom träge jedoch sicher und geschmeidig zu bewegen. Letzteres bringt die Charakterisierung des SRT8 wohl am besten auf den Punkt. Er ist ein Cruiser mit angenehm sportlichen Ansätzen; straff gefedert und trotz der 20-Zoll-Räder nie ungehobelt, überraschend agil, aber kein ausgesprochener Landstraßenbrenner. Schon die Sitze geben bereits Auskunft über die Ausrichtung des potenten 300C. Ihr Seitenhalt beschränkt sich primär auf optische Qualitäten: Die Wangen sind zwar ausgeprägt, aber äußerst weich gepolstert. Zudem frisst die wulstige Ausarbeitung viel Platz für die Fondpassagiere.

Im immerhin einen halben Meter kürzeren Audi geht es keinen Deut beengter zu, aber in gewisser Weise deutlich intimer. Vor allem die serienmäßigen Sportsitze fördern den Schulterschluss von Mensch und Maschine perfekt. Das Betätigen der S-Taste am Lenkrad lässt die Flanken elektrisch surrend noch satter zupacken und den Auspuffsound im mittleren Drehzahlbereich einen Schuss stimmgewaltiger erschallen. Auch hinsichtlich der optischen Umsetzung der Sportlichkeit, der Haptik und der Qualitätsanmutung der verwendeten Materialien spielt der Audi in einer anderen Liga. Kein wuchtiges Lenkrad wie im Chrysler steht mitten im Raum, sondern ein griffiges, unten abgeflachtes Sportvolant wird geboten. Und eine knackige Schaltbox, mit der sich das ganze Portfolio des drehfreudigen V8 in illustren sechs Akten erleben lässt. Und trotzdem ist der Chrysler 300C SRT8 auch unter sportlichen Aspekten eine positive Überraschung, zumal er beim Topspeed dem Audi den Rang abläuft: Der regelt bei 250, der Chrysler bei 265 km/h ab. Und wenn man die monetären Argumente mit in die Waagschale legt, ist sowieso alles wieder relativ. Bei vergleichbarer Vollausstattung und solch feinen Zutaten wie einer Keramik-Bremsanlage kostet der Audi nahezu 25.000 Euro mehr. Eine Eier legende Wollmilchsau war wohl schon immer etwas teurer – wenn es sie denn überhaupt gibt.

Jochen Übler

Autor

Datum

31. Oktober 2008
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 12/2006.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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