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Maserati Gran Turismo und Jaguar XKR im Vergleichstest: Der XKR ist ein großes Coupé - Der Maserati wäre es gern

Die Neuauflage des Maserati Gran Turismo kehrt den Sportwagen den Rücken, wildert nun gezielt im Revier der großen Coupés und trifft dabei auf harte Konkurrenz - wie den kürzlich aufgefrischten Jaguar XKR.

Der Nase nach zu urteilen geht es der Konkurrenz an den Kragen. Mit dem schärfsten Blick der Szene, geschürzten Lippen und großem Schlund scheint der neue Maserati Gran Turismo jegliche Mitbewerber aufzusaugen, sie sogar mit seinem markanten Kühlergrill zu filetieren und nach 4.881 Millimetern aus vier Endrohren wieder auszuspucken. Auch die klangliche Größe dazu hat er allemal. Hinter der amerikanisch anmutenden Heckpartie rollt sich jedenfalls ein Klangteppich aus, der bei den großen Coupés seinesgleichen sucht. Somit bricht der Maserati Gran Turismo mit einem festen Bestandteil der altgedienten GT-Definition. Understatement ist nämlich nicht sein Ding – auch schon auf Grund seiner extravaganten Größe.

Maserati mit großem Raumgefühl

Trotz verkürzter Quattroporte-Plattform misst der zweitürige Dreizack eben fast fünf Meter in der Länge und ist gewichtige 1,9 Tonnen schwer. Dem ersten Eindruck nach zu urteilen betritt also ein Trumm von einem Coupé die Szene. Und dieses scheint sich weniger an den Bedingungen der Kurven als an jenen der Geraden zu orientieren. Lautmalerisch skizziert der Lulatsch mit den muskulösen Formen jedenfalls den kleinen Wilden. Na gut, warum auch nicht? Senil säuselnde, gediegen sanftmütige, teils sogar klanglich verstockte Achtzylinder gibt es in diesem Genre schließlich genug. Dann also mal ein Typ mit Stimmgewalt, der aus der südländischen Herkunft seines Triebwerks keinen Hehl macht. Heißblütig und heisern gibt der 4,2 Liter große V8 den Ton an.

Ein Sportmotor mit kehligem Klang und einer beherzten Drehfreude, bei dem die Automatik erst jenseits der 7.000er- Marke die nächste Fahrstufe nachlädt. Und dessen zarte Zwischengasstöße beim Herunterschalten via Schaltpaddel für sportaffine Automobilisten markige Musik zelebrieren – doch zeitig sind sie nicht ganz korrekt gesetzt. Mit einer peniblen Correctness nimmt es der Italo-Beau also nicht ganz so genau. Damit weht ein frischer Wind durch das edle und teure Segment solcher Perfektionisten wie Mercedes CL 500 oder BMW 650i. Der Maserati GT gehört zur speziellen Art der Charakterdarsteller, zu jener Spezies, zu der sich auch ein Jaguar XKR zählt – oder mittlerweile zählen durfte. Denn die aktuelle Form des Briten hat im Vergleich zu seinem Vorgänger deutlich an technischer Reife hinzugewonnen. Indizien dafür gibt es zuhauf. Zunächst ein überaus solider Gesamteindruck, der, einmal im Briten Platz genommen, die massive Wirkung einer englischen Festung einnimmt. Weniger durch das dunkle Ambiente der gut verarbeiteten Innenausstattung, sondern vielmehr bedingt durch die hohe Gürtellinie und das tief geduckte Dach. Im Maserati herrscht das zweifellos größere und bessere Raumgefühl.

Übersichtlicher ist der Italiener dennoch nicht. Der Blick nach vorn endet an den sich markant auftürmenden Kotflügeln. Und der restliche Meter der lang und spitz zulaufenden Motorhaube ist nur zu erahnen. Nun ist ein GT per se nicht dazu angetan, enge Parkhäuser zu erobern. Angesichts der opulenten Größenverhältnissen ist eine gewisse Erwartungshaltung bezüglich des praktischen Nutzens aber gegeben. Und den Nutzwert erhöht der Maserati zumindest in Form seiner brauchbaren zweiten Reihe. Er hält sich perfekt an die Definition eines 2 + 2-Sitzers. Mit zwei gut ausgeformten Einzelsitzen im Fond, die auch Staturen von über 1,80 Meter keine Haltungsschäden aufzwingen. Die Vordersitze surren beim Klappen nach vorn und erleichtern somit den Einstieg. Hinten Platz genommen, schließen Kopf und Beine zwar bündig mit Dach und Lehnen ab – aber für den Kurztrip taugt‘s allemal. Im Jaguar taugt die tiefe Ausformung der hinteren Sitzkuhlen nicht mal für Pygmäen. Zudem muss der Freiwillige erst die Gurtführung lösen, der Sitz gibt den Weg auch nicht automatisch frei. Anstatt der notdürftigen Notsitze eine Ablagefläche auszuweisen, wäre die wohl sinnvollere Option gewesen. Obgleich sich der Jaguar unter der großzügig nach oben schwingenden Heckklappe bereits ein akzeptables Gepäckvolumen von 300 Litern gönnt. Während die theoretischen 2 + 2-Maserati-Passagiere ihr Hab und Gut durch eine relativ kleine Luke auf 260 Liter Volumen verteilen müssen.

Maserati Gran Turismo mit tollem Ambiente

Eine große Tour in einem GT ist so oder so mehr ein Fall für zwei. Die hier wie dort ansprechenden Cockpit-Arrangements aus Leder und Aluminium bieten dafür ein gefälliges Ambiente. Andererseits hinterlässt der rot gefärbte Innenraum des Maserati einen überschminkten Eindruck. Und zwar weniger bezüglich der Farbwahl, sondern vielmehr angesichts der zahlreich verteilten und teilweise fummelig klein geratenen Knöpfe fürs Infotainmentsystem. Der Eingewöhnungszeitraum in die Mimik des Italieners dauert demnach länger als beim Briten, der seinem Bediener keinerlei größeren Rätsel aufgibt. Unter modischen Gesichtspunkten gefällt der geschwungene Instrumententräger des Maserati trotzdem besser. Wenig Chic offeriert jedoch die Tatsache, dass der Beifahrer- und die Sidebags relativ lieblos in den Instrumententräger beziehungsweise die Türen gestanzt sind.

An der Ergonomie gibt es dafür in beiden Fällen nichts zu mäkeln. Wenngleich die Sitze des Jaguar stärker und angenehmer konturiert sind. Denen des Gran Turismo fehlt es schlicht an Seitenhalt. Eine Tatsache, die im flotten Landstraßengeschlängel nur ansatzweise, auf der schnellen Runde in Hockenheim allerdings deutlich zur Geltung kommt. Schließlich sieht man sich genötigt, mit gespreizten Knien und Ellbogen den Fliehkräften zu trotzen. Bei der Zeitenjagd auf dem Kleinen Kurs keine allzu leichte Aufgabe, hat man bei abgeschalteter Stabilitätskontrolle im Maserati doch per se alle Hände voll zu tun. Zum Beispiel mit einer um die Mittellage etwas tauben Lenkung. Das zackige Einlenken kommt also mit leichtem Verzug, gefolgt von einer gewissen Unentschlossenheit bezüglich des Fahrverhaltens im Grenzbereich.

XKR mit Abrollkomfort

Im Ansatz tendiert der Italiener zwar zum Untersteuern, lässt sich aber auch zu plötzlichen Übersteuerattacken hinreißen. Ein sanfter Tritt aufs Gaspedal jedenfalls genügt, und die vier Endrohre fönen die Tribünenränge. Kundige Hände und Füße vorausgesetzt, vermittelt der Gran Turismo angesichts seiner spielerischen Ader aber eine überraschende Agilität und schafft es somit, sein Gewicht von über 1,9 Tonnen etwas zu verschleiern. Auch im Slalomparcours trotzt der Maserati den Massen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit von 65,7 km/h liegt in dieser Gewichtsklasse auf sehr gutem Niveau. Allerdings täuscht sie über Malaisen bezüglich der Fahrwerksabstimmung hinweg. Denn die Karosserie taucht beim schnellen Richtungswechsel tief in die Federn ein. Im Extremfall sogar so weit, dass Teile des Vorderwagens am Asphalt schürfen und die Vorderachse auf den Anschlaggummis hüpfend um die Hütchen dribbelt. Auch im Alltag hinterlässt das Skyhook-Fahrwerk des Maserati keinen gänzlich zufriedenstellenden Eindruck. Lange Wellen drückt die Aluminium-Konstruktion aus doppelten Dreieckslenkern zwar gut weg.

Bei kurzen Stößen versetzt der Unterbau jedoch derart unangenehm, dass man sich im Fahrersitz teilweise losgelöst vom Chassis fühlt. Im Sportmodus werden die Dämpfungskräfte zart erhöht, und die Nervosität bei Unebenheiten nimmt zumindest etwas ab. Bei Längsrillen läuft der mit einer ausgeglichenen Gewichtsbalance gesegnete Hecktriebler trotzdem latent aus dem Ruder. Der XKR ist eine spürbare Evolutionsstufe weiter. Sein Abrollkomfort überzeugt. Trotz der optionalen 20-Zöller schafft er es auch, kurze Absätze weit gehend gut zu meistern. Die Lenkbefehle werden spontaner umgesetzt. Dennoch ist der Jaguar auf dem Kleinen Kurs dann zum notorischen Untersteuern verdammt. Versuche, die Richtung mit beherzten Gaseinsätzen zu korrigieren, scheitern an der Tatsache, dass die Kraft des Kompressormotors angesichts des fehlenden Sperrdifferenzials am kurveninneren Rad verraucht. Schneller ist der Brite in Hockenheim dennoch – weil leichter und vor allem auch stärker. Das Feuer unter der mit zwei Kiemen verzierten Haube lodert in allen Lebenslagen. Der aufgeladene Achtzylinder ist in jedem Drehzahlbereich ein Souverän.

Das Schlosshund-Geheule des Kompressors vom Vorgänger ist passé. Nur noch dezent singt der Lader die Hintergrundmelodie zu einem kräftigen, aber unaufdringlichen Auspuffkonzert. Dem besseren Leistungsgewicht zur Folge beschleunigt der Jaguar den Maserati auch überzeugend aus. Ein Vergleich der Elastizitätswerte verhindert die Tatsache, dass der Gran Turismo die einzelnen Fahrstufen nicht arretiert. In der Praxis schaltet die Automatik bei einem Zwischenspurt einen, im Sportmodus sogar hektisch zwei Gänge nach unten. Natürlich nicht ohne technische Grundlage: Denn der 4,2 Liter große Sauger braucht reichlich Drehzahlen, um eine angemessene Leistung zu liefern.

Um der Bremsanlage eine überzeugende Leistung abzuringen, ist hingegen ein langer Tritt vonnöten. Von einer mangelnden Standfestigkeit kann zwar nicht die Rede sein. Die Stopper verzögern auch nach dem zehnten Versuch noch mit überzeugenden 10,5 m/s². Allerdings verliert sich der Druckpunkt der Anlage bereits beim ersten Bremstest in der Tiefe des Fußraumes. Im Jaguar passt das Pedalgefühl exakt, andererseits lassen die Verzögerungswerte noch Wünsche offen. Und trotzdem: Der Brite zeigt mehr technische Reife und tanzt dem Maserati jedenfalls qualitativ auf der Nase herum. Auch wenn dieser die deutlich längere hat – aber das hat ja bekanntlich nicht allzu viel zu sagen.

Jochen Übler

Autor

Foto

Frank Herzog

Datum

19. Februar 2008
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 01/2008.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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