Lotus Evora, Lotus Elan +2 (Baujahr 1968) 28 Bilder Zoom

Lotus Evora trifft den Lotus Elan +2 aus dem Jahr 1968: Familientreffen beim Test des 2+2-Coupés

Im Nieselregen über verwinkelte Kurven wedeln - stilechter kann die Ausfahrt dieser beiden Hauptdarsteller kaum inszeniert werden: Der Lotus Evora besucht beim Test seinen 2+2-sitzigen Vorfahren Lotus Elan +2 aus den sechziger Jahren.

"Das ganz Gemeine ist’s, das ewig Gestrige", schrieb Friedrich Schiller einst in seiner Wallenstein-Trilogie - und prägte so den Begriff der Ewiggestrigen. Heute eine gern genutzte Floskel für Personen, die krampfhaft an Gewohnheiten festhalten.

Das ist aus den britischen Leichtbau-Sportwagen geworden

Es gibt sie in der Porsche-Fangemeinde: "Ein viersitziger Porsche, der so gut fährt wie ein Elfer? Funktioniert niemals." Der Gran Turismo Panamera hat bewiesen, dass es doch geht. Und auch bei Lotus werden die Rückwärtsgewandten demnächst wieder das Wort erheben. "Ein Lotus mit einer Rücksitzbank, der über einer Tonne wiegt? Oh Gott, was ist nur aus den britischen Leichtbau-Sportwagen geworden. Es lebe Colin Chapman", werden die erschrockenen Kritiker beim Anblick des jüngsten Lotus-Spross Evora sagen.

Lightweight-Guru will Lotus für die Familie

Dabei war es Lotus-Firmengründer und Rennwagen-Konstrukteur Chapman selbst, der die bis dahin nach puristischen Lotus-Maßstäben undenkbare Idee eines 2+2-sitzigen Coupés hatte. Der Lightweight-Guru wünschte sich 1962 einen Wagen, der seiner wachsenden Familie Platz bot. Chapman kalkulierte, dass es unter den Lotus-Fahrern ähnliche Überlegungen geben musste. Mit der Präsentation des intern Typ 50 getauften Lotus Elan +2 im Juni 1967 nahm seine Idee Formen an. Über 40 Jahre danach betritt der Lotus Evora mit den gleichen Ambitionen wie sein historischer Vorfahre die Sportwagen-Bühne.
 
Zeit für ein kleines Familientreffen. Frisch und munter reist der Lotus Evora mit der gewölbten Dachform im Zagato-Stil direkt aus Großbritannien zu seinem automobilen Großvater. Der im Juli 1968 gebaute Lotus Elan +2 genießt seine alten Tage als Teil einer exklusiven britischen Oldtimer-Sammlung in Heidelberg. Ein kurzer Blick durch die runden, vakuumbetätigten Klappscheinwerfer-Augen genügt, und er ist sich mit dem Evora einig: Raus aus der trockenen Tiefgarage, rein in den Nieselregen und das Kurvengewühl des angrenzenden Neckartals.

Evora mit V6-Mittelmotor und 280 PS

Keck zieht der Neuling mit dezentem Motorröcheln vorweg und giert dabei nach Drehzahlen. Gewichtsgünstig quer vor der Hinterachse montiert, versteckt sich ein V6-Mittelmotor mit 280 PS unter einer Kunststoffabdeckung des Lotus Evora. Die Leistungsentfaltung des 3,5-Liter-Saugers gibt sich zunächst britisch reserviert, bevor der feuerrote Hecktriebler ab 4.000/min heiser kreischend sein Temperament aufblitzen lässt.
 
Mit 5,6 Sekunden verfehlt der Lotus Evora die Werksangabe beim Sprint auf Landstraßentempo dennoch um eine halbe Sekunde. Erst bei 4.700 Touren liegen 350 Newtonmeter maximales Drehmoment des aus Toyota-Fertigung stammenden Triebwerks an. Auch das Twin-Cam-Aggregat mit 1.558 Kubikzentimeter Hubraum unter dem rot lackierten GFK-Karosseriekleid des 68er Elan kokettiert mit fremden Genen. Der gusseiserne Motorblock, die Kurbelwelle und Kolben stammen von Ford und verrichteten auch im Cortina ihren Dienst. Lotus entwickelte den dazu passenden Aluminium-Zylinderkopf mit zwei kettengetriebenen, obenliegenden Nockenwellen. "Eigentlich wollte ich den Twin-Cam-Motor für meinen Super Seven verwenden, aber als Ersatzteilspender war mir der Elan zu schade", verrät Autosammler Frank Fischer. Der Lotus Elan +2 entging dem sicher geglaubten Herztod. Zum Glück.

Elan mit 115 PS in 8,9 Sekunden auf Tempo 100

So spielt der hier längs hinter der Vorderachse installierte 115-PS-Reihenmotor mit Doppel-Webervergaser weiter im Coupé seine herzergreifende Vierzylinder-Symphonie. Doch der Lotus Elan +2 hat nicht nur eine kräftige Stimme. Auch die Werksangabe von 8,9 Sekunden für den Spurt auf 100 km/h erscheint heute noch glaubhaft. Das Fahrwerk und die relativ direkte Zahnstangenlenkung des Rechtslenkers sowie das knackige Vierganggetriebe mit kurzen Schaltwegen vermitteln nicht das Gefühl, in einem über 40 Jahre alten Sportwagen zu sitzen. Das auffällig schräg stehende Dreispeichen-Sportlenkrad mit dem legendären, gelben Lotus-Logo schon eher. "Typisch Chapman, der hat sich einfach ein Kreuzgelenk gespart und eine durchgehende Lenksäule eingebaut", sagt Lotus Elan-Fan Fischer schmunzelnd.
 
Auch wenn der Lotus Elan +2 rund 300 Kilogramm schwerer als beispielsweise der 1962 vorgestellte, zweisitzige Elan-Roadster (intern Typ 26) war, gingen die Lotus-Entwickler beim 2+2-Elan mit unnötigen Extrapfunden sehr sparsam um. Der von Beginn seiner Karriere bis 1968 auch als Bausatz erhältliche Klassiker ist mit seinen 889 Kilogramm im Vergleich zum brandneuen Evora immer noch ein Leichtgewicht. Bei 1.404 Kilogramm hätte Leichtbau-Philosoph Chapman wahrscheinlich schlagartig Schüttelfrost bekommen. Bis auf den Lotus Europa SE (1.010 kg) lagen die letzen zehn von sport auto getesteten Lotus-Modelle jeweils unter der magischen Ein-Tonnen-Grenze.
 
Doch genau so schnell wie der Tester hätte sich wahrscheinlich auch Colin Chapman angesichts der überzeugenden Performance des Novizen erholt. Mit perfekt abgestimmtem Sportfahrwerk (Bilstein-Dämpfer und Eibach-Federn) wedelt der Lotus Evora weitgehend neutral durch das Neckartal und saugt mit seiner präzisen Lenkung quietschfidel eine Kurve nach der anderen durch seinen Wabengitter-Schlund auf. Die Bremsanlage von AP Racing mit rundum innenbelüfteten Scheiben (350 und 332 mm) überzeugt mit perfektem Ansprechverhalten und gut dosierbarem Druckpunkt. Mit einem vergnügten Heckschwenk winkt der Lotus Evora seinem historischen Lotus Elan +2-Vorgänger zu, bevor er sich auf die Rückfahrt vom Generationentreffen macht.

So testet sport auto
Messprozedere
Teil 1 Die Standardmessung in Hockenheim: Beschleunigungs- und Bremsprüfung, Elaszitätsmessung
Teil 2 Fahrdynamik-Tests und Rundenzeit auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim
Teil 3 Das Testprogramm auf der Nürburgring-Nordschleife
Überblick Rundenzeiten Hockenheim (Einzel-/ Vergleichstests)
Überblick Rundenzeiten Supertests (Nürburgring, Hockenheim)
0-300-0 Extrem-Leistungstest: Beschleunigungs- und Bremsduell 0-300-0 km/h
Evora Hockenheim-Rundenzeit: 1.14,4 Minuten

Nicht ohne noch einen Zwischenhalt in Hockenheim einzulegen. Hier steht nach drei Runden Kleiner Kurs eine Zeit von 1.14,4 Minuten auf der Uhr. Nur der Lotus 2-Eleven (1.11,9 Minuten) und der Lotus Exige Cup 260 im Einzeltest (1.12,8 Minuten) waren unter den Top Ten der von sport auto getesteten Lotus-Modelle schneller - Hier sehen Sie alle Rundenzeiten in Hockenheim. Bei der Zeitenhatz fällt lediglich der bei eiligen Schaltvorgängen manchmal leicht kratzende dritte Gang des ansonsten präzise arbeitenden Sechsganggetriebes unangenehm auf.
 
Auch die nächste Aufgabe meistert der neue Mittelmotor-Renner mit Bravour, obwohl sie außerhalb der Lotus-Kernkompetenz liegt. Eine Laptoptasche, zwei Trolleys, eine prall gefüllte Sporttasche, ein quadratisch-unpraktisches Geschenk sowie eine Handtasche warten zwecks Wochenendausfahrt auf einen Platz im Lotus Evora. Die Besitzerin der Handtasche will natürlich auch noch auf der Beifahrerseite in den perfekt passenden Recaro-Schalen Platz nehmen, kommentiert das schwere Gepäck aber mit Skepsis: "Das passt doch niemals in den Wagen rein." Geduldig wartend schluckt der Lotus Evora die gesamte Fracht und überrascht damit seine Kritiker. Besser als mit der neuesten Lotus-Kreation hätte die Idee von Colin Chapman aus den sechziger Jahren heute kaum umgesetzt werden können.

Christian Gebhardt

Foto

Rossen Gargolov

Datum

10. April 2010
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 01/2010.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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