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Mercedes SLK 350 vs. Mercedes SL 63 AMG: Sportliche Züge mit und ohne AMG-Nachhilfe

Nach oben offen war die Skala bei den Mercedes Roadstern eigentlich schon immer – siehe SL 65 AMG: Der Zwölfzylinder-Biturbo tritt mit 612 PS an und ist doch nicht das sportliche Aushängeschild der Marke. Jene Rolle kommt dem „nur“ 525 PS starken SL 63 AMG mit V8-Saugmotor zu. Wer sich derlei sportliche Exzesse nicht leisten kann, findet eine Stufe tiefer mit dem nunmehr 305 PS starken Mercedes SLK 350 eine reizvolle Alternative.

Wie überall im Leben kommt es auch in der Automobilbranche weniger auf die Ideen an als auf die Intensität, mit der sie verfolgt werden. Oder, anders ausgedrückt: auf die Menschen, die dahinter stehen. Vielleicht wäre Porsche Anfang der 90er Jahre ohne einen Macher wie Wendelin Wiedeking den Bach runtergegangen – zumindest als selbständig agierender Hersteller. Dann sähe die schöne neue Porsche-Welt heute anders aus. Dann hätte der Goliath wohl den David geschluckt und nicht umgekehrt. Oder nehmen wir das Beispiel Aston Martin: Ohne den festen Willen und die Verve eines Dr. Ulrich Bez stünde die britische Sportwagenmanufaktur heute auch nicht auf leidlich unabhängigen eigenen Füßen und könnte nicht tun, was sie tut.

Mercedes SL 63 AMG mit 525 PS

Der Beispiele wären noch viele zu nennen. Ohne Ideen, ohne Visionen und die dazugehörenden Visionäre, die beharrlich an der Umsetzung derselben arbeiten, geht in der Welt wenig bis nichts voran. Überzeugungstäter sind gefragt. Überzeugungstäter, die das Charisma und die Kraft besitzen, andere in ihren Bann und damit mitzuziehen. Was das mit Mercedes im Allgemeinen und AMG im Besonderen zu tun hat? Ganz einfach: Auch dort, in der Sportdependance in Affalterbach, ist seit einiger Zeit ein frischer Wind zu spüren. Dort ist – ein gutes Stück vom Headquarter der Konzernmutter in Stuttgart-Untertürkheim entfernt – einer am Werk, der glaubt, etwas bewegen, etwas verändern zu können. Einer, der sich traut, eigene Wege zu gehen. Wie gut der hundertprozentigen Mercedes- Tochter der Wechsel an der Führungsspitze hin zu Volker Mornhinweg getan hat, haben schon das erste wirklich eigene Kind des AMG Performance Studios, der CLK 63 AMG Black Series, und der in seinen Grundfesten gegenüber den schwächeren Serienmodellen kaum minder sorgfältig überarbeitete C 63 AMG gezeigt.

Nie hat die sportliche Mittelklasse von Mercedes näher an den Endrohren des BMW M3 geschnüffelt als heute (siehe Vergleichstest). Das Ende der Fahnenstange scheint noch lange nicht erreicht zu sein. Zieht AMG mit dem unlängst präsentierten V8-Roadster SL 63 AMG doch gleich den nächsten scharfen (Silber-)Pfeil aus dem Köcher. Knapp über 6,2 Liter Hubraum, 525 PS bei 6.800/min, 630 Newtonmeter Drehmoment bei 5.200 Kurbelwellenrotationen, Hinterradantrieb, ABC-Fahrwerk – das klingt gut, ist aber im Gegensatz zum deutlich aufregender, weil maskuliner gewordenen Antlitz des SL auch nicht wirklich neu.

C Modus zum Cruisen

All das kennt man so oder ähnlich aus C-, CLK-, E-, CLS-, S- und CL-Klasse. Also doch nur schöner Schein? Mitnichten. Tatsächlich hat Mercedes AMG nämlich just dort Hand angelegt, wo Neuerungen von der Marke mit dem Stern nicht unbedingt zu erwarten waren – bei der Kraftübertragung, der Lenkung und beim elektronischen Stabilitätsprogramm ESP. Auf einem Gebiet also, wo die Dinge in Affalterbach und Stuttgart-Untertürkheim in den vergangenen Jahren irgendwie doch zementiert schienen. Kapriolen à la SMG und Co. überließ man gern der Garchinger BMW-Tochter – so schien es. Verhalten hat es sich dann aber wohl doch ganz anders. Denn das Feuerwerk, das der neue Mercedes SL 63 AMG trotz seines wahrlich beachtlichen Leergewichts von rund zwei Tonnen abzubrennen im Stande ist, geht nicht zuletzt aufs Konto gründlich gemachter Hausaufgaben. MCT – Multi Clutch Technology – lautet das Zauberwort, das den fraglos beindruckend potenten und im neuen Roadster-Umfeld akustisch zudem betörend in Szene gesetzten V8-Sauger zu Höchstform auflaufen lässt. Dahinter versteckt sich zwar immer noch ein Automatik-, aber kein Wandlergetriebe mehr.

Eine im Ölbad laufende nasse Anfahrkupplung mit geringer rotatorischer Massenträgheit übernimmt hier die Funktion des bisher eingesetzten Drehmomentwandlers. Das Getriebe agiert schlupffrei und wählt die sieben zu Gebote stehenden Fahrstufen ohne Zugkraftunterbrechung an. Vier Fahrprogramme werden offeriert, drei davon – S (Sport), S+ und M (manuell) – verfügen über eine automatische Zwischengasfunktion.

Das nahezu lastfreie Zurückschalten verhindert unerwünschte Schleppmomente an der Hinterachse und damit Lastwechselreaktionen. Lediglich im fürs genüssliche Cruisen gedachten C-Modus zeigt sich die Automatik von ihrer gemütlichnonchalanten Seite. Größter Vorteil der neuen Getriebetechnologie ist der Umstand, dass sich der Automat beim Herunterschalten nun nicht mehr durch alle Fahrstufen durchhangeln muss, sondern bei Bedarf auch direkt von der siebten in die vierte oder von der fünften in die dritte wechseln kann. Abrupt auftretende Negativwerte bei der Längsbeschleunigung quittiert die Schaltbox im S und S+ Mode zudem mit derart passgenauen und zeitgerecht vorgetragenen Gangwechseln, dass die händische, mittels Schaltpaddeln am neuen, schlanker gewordenen Dreispeichen-Sportlenkrad vorgenommene Gangwahl eigentlich nur noch auf der Rennstrecke angeraten scheint.

Trinkfreudiger Affaltbacher

Auf jedem anderen Geläuf passt die automatische Arbeitsweise des Getriebes perfekt, wird die zusätzlich Bremskraft des Motors in idealer Weise ausgenutzt. Apropos Bremse:  Auch diesbezüglich hat sich bei AMG Erfreuliches getan. So zupackend, spontan und standfest wie mit der im 11.305 Euro teuren Performance-Package enthaltenen größeren Bremsanlage des Testwagens kamen Mercedes-Stopper bislang selten herüber. Die mit rundum innenbelüfteten und perforierten, vorn 390, hinten 330 Millimeter messenden Verbundscheiben ausgerüstete Aluminium-Festsattel-Bremse gibt sich auch nach mehreren Runden auf dem Kleinen Kurs keine Blöße. Jenen umrundet der wuchtige Zweisitzer in der Folge im Sport-Programm des ABC-Fahrwerks mit durchaus beachtlichen 1.15,3 Minuten. Dass beim SL 55 AMG ehedem zu beobachtende Pumpen mit dem luftgefederten Heck ist nun kein Thema mehr und erlaubt dem SL 63 eine Rundenzeit auf Niveau des rund 200 Kilo leichteren Mercedes C 63 AMG (1.15,2 Minuten). Das kann sich ebenso sehen lassen wie die Manier, mit der der 4,60 Meter lange Hecktriebler die engen Ecken im Badischen in Angriff nimmt.

Jenseits extremer Situationen erstmals von jeglichen Regeleingriffen des ESP befreit, ist der Hardtop-Roadster auch im Grenzbereich ein ausgesprochen umgänglicher Begleiter. Leichtem Einlenkuntersteuern folgt ein sanftes, gut zu beherrschendes Leistungsübersteuern. In der auf 18 Meter Abstand gesteckten Wechselgasse ist bei runder Fahrweise eine mittlere Geschwindigkeit von 65,7 km/h drin. Unsensible Richtungswechsel quittiert der SL 63 AMG mit einem stark nach außen drängenden Heck. Und im Alltag? Da stellt sich das Grinsen auf dem Gesicht des V8-Roadster-Piloten eigentlich ganz von alleine ein.

Ob von genüsslichem Brabbeln untermaltes Sonntagnachmittags-Gleiten, alpine Passstraßenhatz oder Autobahnüberflüge weit jenseits von Tempo 200; ob offen oder geschlossen, ob mit oder ohne musikalischer Untermalung seitens des gut konditionierten Audiosystems – im SL 63 AMG gerät der Weg von A nach B zum Vergnügen. Allerdings setzt die Freude, so sie denn eine ungetrübte sein soll, eine ordentliche Deckung der Kreditkarte voraus: Tankstopps sind mit rund 100 Euro zu veranschlagen und fallen vergleichsweise häufig an. Lässt sich die Affalterbacher Roadster-Preziose doch selbst bei verhaltener Fahrweise rund 16 Liter durch die durstige Kehle rinnen. Im Mittel pendelte sich der Testverbrauch bei wenig zeitgemäßen 19,3 Liter Super Plus auf 100 Kilometern ein. Wer sich einen so trinkfreudigen Freund nicht leisten kann oder will, auf einen Hardtop-Roadster mit dem Stern im Kühlergrill aber nicht verzichten mag, der wird bei Mercedes vielleicht eine Stufe unterhalb des SL fündig.

Herber SLK

Dort wartet für deutlich kleineres Geld der im Rahmen des jüngsten Facelifts auf 305 PS erstarkte Mercedes SLK 350 mit 3,5-Liter-V6-Motor. Dessen Trinksitten fallen mit 11,2 Liter Durchschnittsverbrauch auf 100 Kilometern und Mini- beziehungsweise Maximalwerten von 9,7 und 12,7 Liter pro 100 Kilometer deutlich moderater aus, ohne dass dies mit einem Mangel an Temperament zu bezahlen wäre. Im Gegenteil. Die von dem mit 4,10 Meter Länge und 1.487 Kilo Lebendgewicht deutlich zierlicher geratenen kleinen Mercedes Roadster auf den Hockenheimer Asphalt gestanzte Zeit von 1.17,2 Minuten geht in dieser Klasse gleichfalls als reife Leistung durch.

Der Vorgänger benötigte für die gleiche Übung noch 1.18,7 Minuten. Im Slalom kann der 350er dem 63er mit beachtlichen 67,6 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit gar den Schneid abkaufen, sofern man sich an die um die Mittellage herum etwas spitz geratene Lenkung und das spürbare Kippen der Karosserie erst einmal gewöhnt hat. Auch die Beschleunigungswerte (0 - 100 km/h in 5,6, 0 -180 km/h in 15,9 Sekunden) können sich sehen lassen. Der große V8-Roadster ist auch nur eine knappe Sekunde schneller auf Landstraßentempo. Dafür ist beim SLK 350 ab Werk in jedem Fall Handarbeit angesagt: Serienmäßig werden die zu Gebote stehenden Kräfte mittels eines manuellen Sechsganggetriebes an die Hinterräder weitergereicht.  

Die optional erhältlich Siebenstufenautomatik mit Drehmomentwandler kostet Aufpreis. Mit ihrer nicht wirklich geschmeidigen Arbeitsweise – beim Einlegen der einen oder anderen Fahrstufe hakt‘s schon mal ein wenig – passt die Sechsgang-Box zudem bestens zum auch insgesamt deutlich herber gewordenen Charakter des optisch nur geringfügig überarbeiteten Top-SLK ohne AMG-Kennung. Das einstmals nicht selten als Frauen-Auto belächelte Stuttgarter Cabriolet kommt inzwischen erstaunlich lautstark und raubeinig daher: Bei schlechtem Geläuf sind von der Beifahrerseite her schon einmal deutliche Knarzgeräusche zu vernehmen, und auch seiner Informationspflicht bezüglich des Straßenzustandes kommt der Roadster nach.

Die vernehmliche Stimme des bis 7.200/min drehenden, von Mercedes als Sportmotor positionierten Sechsenders ist hingegen eher dazu angetan, die Aufmerksamkeit umstehender Passanten zu wecken, als bei den Insassen selbst Begeisterungsstürme auszulösen. Dafür fehlt es dem leistungsstarken Sauger schlicht an Bass. Das Bild des leicht indisponierten Tenors beschreibt die stimmlichen Qualitäten des V6 treffender. Und doch: Frei nach dem Motto „hart aber herzlich“ ist dem Mutterschiff unterhalb des technisch weit gehend unverändert gebliebenen SLK 55 AMG mit dem 350er ein prima Wurf gelungen. Sportlich ist der auf Grund der groben Kunststoffoberflächen im Innenraum und der etwas karg gepolsterten Sitze nur mäßig wertig anmutende SLK bestens konditioniert. Ob sein neuer, herber Charme auch weibliche Kunden lockt, bleibt indes abzuwarten. 

Autor

Foto

Rossen Gargolov

Datum

23. August 2009
Dieser Artikel stammt auf Heft sportauto 06/2008.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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