Caterham CSR 260, Lotus 2-Eleven und KTM X-Bow: Die radikale Spaßfraktion

Caterham, KTM, Lotus

Drei radikal offene, ultraleichte und zudem schnelle Sportwagen von Caterham, KTM und Lotus. Und drei Freunde, die ein sonniges Wochenende lang die Antwort auf die Frage suchen: Sind wir schon zu alt für solche Autos?

Ich hätte nicht auf den Text hören sollen. Wie Kid Rock in dem Song "All Summer long" seine Jugend verklärt. Dann wäre ich wohl auch nicht ins Grübeln verfallen. Habe ich, jetzt um die 40, dem Rock‘n‘Roll genug gehuldigt? Falls da noch irgendwelche Pubertäts-Sehnsüchte in mir schlummern, irgendwo weit hinten, so muss ich sie herausschütteln, mich auf links drehen. Und übers Älter werden nachdenken. In einem Männerauto, einem Caterham CSR 260. Am besten, ich nehme zwei Kollegen mit auf die Walz. Mit ähnlichen Autos. 

Zu welchem Ergebnis wir gekommen sind? Lesen Sie nun den Verlauf unserer Unterhaltung.

Lotus-Pilot: Ähnlich - entschuldige mal. Was haben denn dein Caterham und mein Lotus gemeinsam? Außer, dass sie uns gnadenlos an die Luft setzen. Ansonsten kommt der Lotus-Seven-Enkel mit seinem greisen Auftritt gegen den 2-Eleven wie ein überarbeiteter Glam-Rocker rüber. Verraucht, versoffen, vergangen. Heute haben auch Musiker ihre Personal-Trainer, profilieren sich beim Triathlon. Nein, nicht nur dem aus Sex and drugs and rock‘n‘roll.

X-Bow-Steuermann: Karbon-Monocoque, Zweiliter-Turbo-Direkteinspritzer von Audi, Digital-Tacho und Optik wie ein pubertierender Transformer. Sorry, dass ich in euren Disput eingrätschen muss, aber wenn hier mal einer wirklich aus dem Schema fällt, dann mein X-Bow . Ein automobiler Zwitter irgendwo in der Mitte zwischen Auto und Motorrad. Wen wundert‘s, das orangene Ding von einem anderen Stern - der Steiermark, um genau zu sein - stammt von KTM. Gegenüber Moppeds hat es vor allem zwei große Vorteile: vier Räder, und ohne Ständer fällt es beim Stehen nicht um. Wichtige Details für mich, ich mag nämlich keine Motorräder, und ein Rocker war ich auch nie. Aber immer Sportler, früher sogar so radikal wie der X-Bow.

Ich im Caterham: Ob es ein Caterham oder ein anderer Ableger des Lotus Seven war, weiß ich nicht. Ende der Achtziger ging alles sehr schnell. Die Zigarre tauchte hinter mir auf. Dann neben mir. Vor mir. Weg. Hat meinen Fiat X 1/9 zwischen zwei Kurven stehen lassen. Und ich kannte den Fahrer: Mitte Vierzig, verheiratet, erfolgreich. Kurze Zeit später hatte er die Stadt verlassen. Mit einer Jüngeren. Geschäft verkauft. Geschieden. Midlife-Crisis, hieß es. Jetzt sitze ich in einem Caterham, einem Roadster-Oldtimer. Zwischen Rohrrahmen, Alubeplankung und freistehenden Rädern. Zwischen Mitte und Ende Dreißig.

Lotus-Pilot: Keine Angst, jenseits der Vierzig geht es immer noch vorwärts. Selbst wenn die Räder nicht - mehr - freistehen. Nach zwanzig Jahren intensiver Motorrad-Erfahrung schießt nun der Lotus 2-Eleven Methadon ins Lustzentrum des Ex-Zweiradlers. Nicht nur wegen der faktischen Helmpflicht zucken linke Hand und linker Fuß nach dem Start erst mal unwillkürlich. Es ist eine Art Phantomschmerz, wenn man die Gänge mit dem Spann reinzuschnippen versucht, am liebsten das Knie zum Schräglagentasten Richtung Asphalt spreizen möchte. Denn so wie er schiebt der Lotus, Gang für Gang in seiner selbstverständlichen Art, dem kumpelhaft-unverzüglichen Kontakt zu den Elementen, das kommt dem Motorrad schon sehr nah. Nicht nur wegen des vorgeschriebenen Helms.

X-Bow-Steuermann: Ach ja, der Helm. Wer ihn aufsetzt, killt beim X-Bow den letzten Rest sowieso spärlich vorhandenen Motorsounds. Wenn die 240 PS des Vierzylinders den poppigen Österreicher locker unter fünf Sekunden auf Landstraßentempo schmeißen, bleibt dem Trommelfell nur ein konstantes Summen wie ein Tinnitus im Stimmbruch. Und durchs Visier tanzen dazu rasend schnell und animierend die schräg liegenden push rods. Jede Mini-Zuckung am Lenkrad schreiben die freistehenden Pneus in den Asphalt, intensiv, ehrlich und irgendwie auch furchteinflößend. Doch noch sind die Blätter auf der Straße trocken, und ich geb mich dem wilden, präzisen Handling-Treiben von Mister X mit adrenalindickem Blut hin. Der Übermut lockt. Ein kurzer Gasstoß im kräftigsten g-Punkt der Kurve, und schon fegt sein Heck das Laub davon.

Ich im Caterham:
Es ist Herbst, aber an diesem Nachmittag sind Luft und Asphalt noch mit Sommer aufgeladen. Über vergessene Wege in eine abgekapselte Welt. Dorthin, wo einen das Navigationssystem des Alltags nie hinführt, da man sich immer nur über Hauptstraßen leiten lässt. Ortsnamen wie Kallenberg. Oder war es Kallenhard? Wie auf der Nordschleife drückt mich der Caterham in seine Sitzschale, querkraftgebeutelt, festgezurrt. Seine doppelten Dreiecksquerlenker und Pushrods hinterlassen keinen Zweifel, wer hier wen durch eine vom Verkehrstreiben losgelöste Landschaft führen will: Hart will das Bonsai-Lenkrad angepackt werden, damit die freistehenden Räder nicht ihren eigenen Weg suchen.

Lotus-Pilot: Den findet der Lotus wie von selbst. Mit einer Lenkung, die ohne Kennfeld-Exzesse und Überlagerungs-Getriebe auskommt, sondern auf Zahnstange und Muskelkraft setzt. Ätherisch und doch geerdet, so wie der ganze Lotus. Ohne Servo. Ohne Netz. Aber auch ohne doppelten Boden. Federleicht, präzise, ausbalanciert und ehrlich zerrt er seine Insassen in der nackten Aluwanne über Land. Wahlweise fließend oder atemraubend hakenschlagend. Dem Motor wird nicht schwummerig, sollte ihm mal vor Querbeschleunigung die Schmier-Spucke wegbleiben, schießt eine Art Motoröl-Akku mit Hochdruck nach. Und Querbeschleunigen kann er, ebenso wie die anderen nackten Biester sucht er den g-Punkt, lockt dich immer wieder auf das dünne Drahtseil zwischen Kurvenheld und Grabenschürfer. Du kannst den Grenzbereich förmlich mit den Händen greifen. Pass auf, dass er dir nicht entgleitet.

X-Bow-Steuermann: Gutes Thema. Hab ich schon erzählt, dass KTM-Käufer mindestens 24 Jahre alt sein und einen Fahrerlehrgang besuchen müssen? So messerscharf wie der X-Bow balanciert kaum ein anderes Straßenauto auf dem Grenzgrat. Ein kritischer Moment, ein Gaspedalzucken, ein Lastwechsel, und schon stehen die Alternativen drastisch vor dir: Eben noch der Held, der als erster den Espresso bestellt, und bald schon der Looser ohne Cruiser. Weg mit den Gedanken. Oben zerrt der Wind hektisch am Helm, unten klopfen die Bodenwellen nur ganz sanft. Und ich frage mich, ob ich mich ärgern oder freuen soll, dass der Grazer Bengel so unschuldig sauber federt. Der Caterham vor mir tanzt einen viel fieseren Beat.

Ich im Caterham: Ich schalte zurück mit dem Stummel-Knauf des Sechsganggetriebes. Klack, klack. Der 2,3-Liter-Cosworth-Vierzylinder brüllt auf, verstärkt durch Fächerkrümmer und Sidepipe. So darf Euro 4 dröhnen? Rotzig, satt, ungedämmt. Wie mein Marshall, der Verstärker für den Rock-Gitarristen. Damals, Anfang der Neunziger: erstes Demo-Tape aufgenommen, Nachwuchs-Festival gewonnen, Club-Tournee. Was hätte der Caterham dazu gepasst. Old school-Rock, ganz alte Schule. Von wegen Notverdeck und Nottür – Gas gegeben, bis der Wind durch die Nebenhöhlen pfeift und das Hirn säubert. Minischeibe? Netter Versuch.

X-Bow-Steuermann: Na und! Du hast wenigstens eine, hinter der man sich verstecken kann, und die Lotus-Badewanne lässt genug Rand zum Ducken. Doch der X-Bow setzt mich bedingungslos ins Freie. Ganz so, als würde man über dem Lenker eines Naked Bikes hängen.

Ich im Caterham: Früher hätte ich mich Weichei geschimpft. Heute bleibt immerhin noch der Kampf mit den 260 PS und dem Grenzbereich. Es gibt nichts, was den Eifer zügeln könnte, kein ESP, kein ABS, kein vielleicht oder ungefähr. Man steht wie man bremst und liegt wie man lenkt. Früher wäre ich auf meinem Mut möglicherweise ausgeglitten - dann sogar ohne Helm. Heute sind die Reflexe trainierter.

Lotus-Pilot: Die Begeisterung aber ist ungebrochen. Sie wollen raus, die wilden Jauchzer, früher wie heute. Nach einer gelungenen Wechselkurve, beim schwitzig-späten Anbremsen, dem kleinen Quersteher, eben dahinten auf der feuchten Stelle, oder wenn im Lotus-Drehzahlmesser die dritte Schaltlampe leuchtet. Als letzte Warnung, bevor sich der Kompressor-Motor im Separee hinter dem Fahrerrücken schrill und metallisch ausdrehend zu entleiben scheint. Maximales Drehmoment bei 7000/min - entspanntes Cruisen sieht anders aus. Trotzdem unterhält der Ex- Toyota-Motor schon untenrum mit punktgenauem Ansprechen und gespannt-federndem Antritt. Es ist immer genau soviel Leistung da, wie man erwartet - im Eifer des Gefechts bringt das manchmal mehr als ein paar Extra-Newtonmeter.

X-Bow-Steuermann: 3, 4, 5 oder doch gleich 4, 5, 6? Welche Gang-Kombination ist denn nun die beste? Den X-Bow-TFSI schert es wenig. Er liefert mit der Souveränität eines modernen Großserien-Triebwerks und mit dem Feuer der KTM-Motronic-Anschärfung seine 310 Nm elastisch von 2.000 bis 5.500 Touren an die Hinterachse. Unauffällig, sperrdifferenzialkontrolliert und über verstellbare Pedalerie abrufbar. Nur draufschauen geht nicht. Sonst ein automobiler Nackedei, versteckt der Alpen-Renner hier verschämt sein Herzerl.

Ich im Caterham: Die Schnellspanner der Motorhaube sind kein D&W-Täuschungsmanöver; der Caterham lebt den Rennsport: Die Kolben brauchen Drehzahlen, die Pedale Nachdruck, die Reifen Temperatur. Achtung: Sollte noch Unvernunft in Ihnen glimmen, der Caterham wird sie entfachen. Sie werden in schwer zugänglichen Ecken nach der nächsten Ideallinie stöbern, Sie werden sich darin verlieren wie ein spielendes Kind, bis Sie im Schein der glubschäugigen Lampen selbst den dunkelsten Wald durchleuchtet haben - und Ihnen langsam der Sprit ausgeht. Oder bis Sie durchgefroren merken, dass der Weg nach Hause weit ist. Egal, ob Caterham, Lotus oder KTM: Wer einen von ihnen fährt, wird mit jedem Kilometer ein bisschen jünger. Fühlst du dich trotzdem zu alt, musst du eben etwas länger fahren.

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Alexander Bloch

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