Alles über Perfektionstrainings
Das sport auto-Perfektionstraining auf der Nordschleife, SPA 10/2012 36 Bilder Zoom

sport auto-Perfektionstraining auf der Nordschleife: Ü40-Party mit Fahrten im Grenzbereich

Zwei Mal im Jahr trifft sich eine Hundertschaft fahrverrückter Lenkradkrieger beim sport auto-Perfektionstraining, um in der Grünen Hölle den Schwarzen Gürtel zu erlangen. Mindestens 40 Runden auf der Nürburgring-Nordschleife sollten es dabei schon sein, und wenn es geht bitte in unter acht Minuten.

Tropensturm Isaac hält auf die Küste von Louisiana zu, er ist gerade als Hurrikan der Stufe eins klassifiziert worden. Franco ist eigentlich aus dem Gröbsten raus, er hat ein paar Juwelierläden in New Orleans, und Franco ist außer sich, aber nicht etwa wegen des Sturms. „Ihr Deutschen seid doch total irre.“ Gerade hat sich der Amerikaner zum ersten Mal in seinem Leben die Fuchsröhre hinuntergestürzt, dann die Passage nach Breitscheid und nicht zuletzt über die Kuppe hinterm Pflanzgarten. „Das ist keine Rennstrecke, das ist eine Skipiste“, mault er ehrfürchtig. Instruktor Uwe Nittel fragt über Funk: „Soll ich ein bisschen langsamer fahren?“ Franco reagiert umgehend: „Ist das hier eine verdammte Beerdigungsprozession?“

Eine Lektion in Demut auf dem Nürburgring

Mit zwei Freunden ist er über den Großen Teich gekommen. Seit vielen Jahren fahren sie zusammen in der amerikanischen Ferrari-Challenge, sitzen auch jetzt in Rennautos mit Slicks und fühlen sich doch wie kleine Fahrschüler: „Wenn du in Daytona fährst, ist das eine Mutprobe, fährst du auf dem Nürburgring, ist das eine Lektion in Demut“, sagt Franco. Darunter mischt sich auch ein Schuss Bewunderung: „Jetzt wird mir klar, warum deutsche Autos so sind, wie sie sind“, sagt Kumpel John.

Ein Ring-Wochenende als Fahrschüler

Die Nordschleifen-Novizen aus Übersee sind eher die Ausnahme, 70 Prozent der 117 Teilnehmer an diesem Perfektionstraining sind notorische Wiederholungstäter. Fred Pendelin ist zum ersten Mal dabei. Er träumte seit der Kindheit von der Nordschleife und kaufte sich als Erwachsener einen alten BMW M3. 245 PS, Kohlefaserhauben, Käfig und Fahrwerk, alles schon drin. Er ist schon viele Runden am Ring gefahren und hat trotzdem ein Wochenende als Fahrschüler gebucht. „Ich bin hier, um an meiner Rundenzeit zu feilen. Hier kommt man viel intensiver zum Fahren als im Touristenverkehr, wo doch viele Autos und Motorräder unterwegs sind.“An diesen zwei Tagen im späten Juli sind nur die 22 Grüppchen des sport auto-Trainings auf der Piste, aber die sorgen von Bergwerk bis Hohe Acht keineswegs für Stille.
 
Pro Trainingstag werden um die 20 Runden gefahren, das sind rund 400 Kilometer, die Distanz eines Langstreckenrennens. „Die Leute wollen fahren. Wenn du nach jeder Runde erst mal eine theoretische Analyse machst, fühlen sie sich betrogen“, sagt Nittel. Und so klopft auch Kollege Christian Menzel schon wieder aufs Dach und ruft: „Auf geht’s.“ Und, spuren die Fahrschüler? „Klar“, sagt Menzel. „Ich bin ja auch ein autoritärer Typ.“ Nach dem Spruch schafft er es gerade eine knappe Sekunde, ernst zu bleiben.
 
Früher wurde auf der Nordschleife in Sektionen trainiert, immer wieder der gleiche Streckenabschnitt abgefahren, gewendet und von vorn. „Das hat unglaublich viel Zeit gekostet, und du hast nie eine ganze Runde zusammengebracht, weil wichtige Verbindungsstücke fehlten“, sagt Instruktor Peter Corraza, der kurz vor der Antoniusbuche Gruppe für Gruppe mit Abstand auf die Strecke lässt, die langsame hinter einer schnellen, damit niemand nach wenigen Kilometern in den Stau gerät.

Emotionsstau und Reizüberflutung

Die meisten Teilnehmer leiden allerdings nach einigen Runden unter Emotionsstau und Reizüberflutung. Also verordnet Nittel seinen Mannen auf der Döttinger Höhe ein Päuschen und erklärt wie wichtig es ist, nach dem Belagwechsel vor dem Schwedenkreuz auf die rechte Fahrbahnseite zu wechseln, damit das Auto jenseits von 200 auf der Kuppe nicht unruhig wird. Die Amis schauen ihn mit großen Augen an. „Wisst ihr, von welchem Punkt ich gerade spreche?“ Franco setzt ein automatisches Nicken blitzschnell in ein heftiges Kopfschütteln um: „Nein, keine Ahnung.“ Nittel weiß: „Es dauert etwa 40 Runden, bis man den Streckenverlauf drin hat.“ Der ehemalige Rallyeprofi fährt seinen BMW M3 eigentlich das ganze Wochenende mit links, die rechte hält das Funkgerät, das Auge fokussiert den Rückspiegel, und die Stimme wiederholt Runde für Runde die Streckenabschnitte. „Wir kommen zum Galgenkopf. Früh einlenken, beim Schild 186 ist der Einlenkpunkt, 187 der Scheitel. He, da war noch ein ganzer Meter Platz, mein Freund.“
 
Wenn er am Ende der zwei Tage den Teilnehmern mit seinen ewigen Ansagen richtig auf die Nerven geht, hat Nittel alles richtig gemacht. „Das Ziel ist, dass sie im Kopf schon vorher wissen was kommt, bevor ich es sage“, verrät der Schwabe. Nittel ist einer von zwei Dutzend Instruktoren, die zu den besten gehören, die es auf der Nordschleife gibt. Von 24-Stunden-Siegern wie Frank Schmickler und Christian Menzel über Le-Mans-Sieger Marco Werner oder den früheren Formel-1-Fahrer Karl Wendlinger. Schließlich ist auch noch Walter Röhrl gekommen, auf dessen rechtem Sitz im Porsche GT3 nach der Lotterie am Vorabend einige Teilnehmer Platz nehmen. Schon am ersten Tag hatte ein TV-Journalist eine Erscheinung und schwört seitdem: „Ich bin gerade mit Gott gefahren.“ Auch Röhrl macht die Nordschleife nach 40 Jahren immer noch Spaß. Und er verrät: „Das ist ja hier keine Arbeit für mich.“

Walter Röhrl als Taxifahrer beim Perfektionstraining

Kim Hyungsoon ballt die Faust wie einst Boris Becker. Auch er hat eine Röhrl-Runde gewonnen. Kim ist extra aus Korea angereist und hat sich einen Renn-Scirocco gemietet, um sich ordentlich zu gruseln. „Es gibt bei uns ein paar echt einschüchternde Videos über den Nürburgring im Internet. Ich wollte das hier schon lange machen. Du weißt eben nicht, wie es ist, wenn du es nicht getan hast. Ich werde es wieder tun.“

Auch Fred Pendelin hat Taten folgen lassen, am ersten Tag 15 Sekunden gewonnen und ein paar Erkenntnisse: „Da gab es ein paar Kurven, die ich zuvor völlig Banane angefahren bin.“ Instruktor Jens Richter bescheinigt: „Er war schon vorher auf einem guten Niveau. Von einer 2,5 hat er sich auf eine 1,5 gesteigert.“ Fred sagt: „Das Ziel ist die Acht-Minuten-Grenze.“ Er wird wiederkommen. Das wollen auch die Amerikaner. Francos Ortskenntnis hat sich rasant entwickelt, mit ziemlich gutem Schwung ist er durchs Brünnchen geschossen und hat auch am Pflanzgarten kein Problem mit Bremspunkt und Linie. Probleme hat eher Fahrlehrer Nittel, dessen Reifen irgendwann um Gnade schreien. „Die Jungs haben am Ende mit ihren Slicks doch ganz schön gedrängelt.“ Aber jetzt haben sie genug und die Autos abgestellt, während ein kleines Grüppchen Unentwegter immer noch im Freien Fahren Runde um Runde dreht. 
 
Die meisten sind erfahrene und gesetzte Leute, die ihre Grenzen kennen. Außer zwei kleinen Blechschäden verlassen alle Teilnehmer und Autos die Eifel ohne Schrammen. Franco hat gute Nachrichten von zu Hause. Der Sturm war nicht so schlimm. Und so wird er vermutlich derjenige sein, der mehr zu erzählen hat als die Daheimgebliebenen. „Läge diese Strecke in Amerika, wäre sie längst geschlossen und eine Atommülldeponie. Ich habe ja schon viel gemacht, aber das hier war die beste Erfahrung meines Lebens.“ Und was ist mit Daytona? „Pah, das fahre ich doch jetzt mit dem linken Knie.“

Autor

Foto

Gargolov, Tannert

Datum

10. Oktober 2012
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 10/2012.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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