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Lamborghini Aventador LP 700-4, Boxengasse, Scherentüre 29 Bilder Zoom

Lamborghini Aventador LP 700-4 im Test: Ur-Vieh ist dem Rennsport näher als der Straße

Der Zugewinn an Lendenkraft ist es nicht, der den Lamborghini Aventador LP 700-4 im Test so vehement von seinem Vorgänger Murciélago abhebt. Schließlich trat jener auch schon mit der Power von 670 Pferden an. So verschliffen wie der Aventador war das noch ohne Audi-Hilfe entwickelte V12-Vieh freilich nie.

Einmal im Leben George Clooney oder Gwyneth Paltrow sein, oder sich doch zumindest so fühlen, wenn einem notorisch die Blicke der Passanten folgen. Wer derartige verborgene Wünsche hegt und nicht auf eine Pappnase nebst Eselsschwanz oder im Regenbogen-Look gefärbte Haare zurückgreifen will, um unangefochten im Mittelpunkt zu stehen, kann alternativ auch den Lamborghini Aventador LP 700-4 bemühen - diesen Donnerkeil italienischer Abstammung, der wie kein anderer für die Grandezza des südeuropäischen Sportwagenbaus steht. Na ja, vom Ferrari 599 GTO und ähnlichen Kalibern mal abgesehen.

Lamborghini Aventador galoppiert im Test

Nicht, dass während der Fahrt - oder besser: dem Überflug mit diesem Potenzprotz noch allzu viel Zeit bliebe sich umzuschauen. Der 1,14 Meter flache Allradler galoppiert im Test durch seine Tachoskala, dass einem schwindelig werden könnte - 3,1 Sekunden: 100 km/h; 8,8 Sekunden: 200 km/h. Dann der Ruf des Co-Piloten im Lamborghini Aventador LP 700-4: „He, du hast die 200 doch längst drauf, brauchst nicht mehr Gas zu geben.“ Stimmt - leider. Warum zum Henker durften wir dieses Auto nur nicht mit nach Papenburg nehmen? Ein paar Monate früher, und er hätte die Konkurrenz beim 0-300-0-km/h-Test auf der dortigen Messgeraden todsicher das Fürchten gelehrt. So aber ist bei 240 km/h wohl oder übel Schluss. Hier geht dem 700-PS-Monster und seinen Passagieren in Hockenheim zwangsläufig der Asphalt aus. Wenn wir nicht schon immer gewusst hätten, dass der Wegfall der langen Waldgeraden im Zuge des GP-Strecken-Umbaus ein Riesenfehler gewesen ist, dann wüssten wir es jetzt!

Doch Spaß beiseite: Dass der Ritt auf der Kanonenkugel im Falle des Lamborghini Aventador LP 700-4 im Test so spielerisch leicht von der Hand geht, liegt an der makellos funktionierenden Launch Control des ISR-Getriebes. Hier gilt: auf die Bremse, Vollgas, los. Die richtige Anfahrdrehzahl und die der maximalen Attacke dienliche Hilfestellung in Form sanft regelnder Eingriffe der Traktionskontrolle justiert das System selbst. Auch die sieben Fahrstufen des automatisierten Siebengang-Zweiwellengetriebes mit vier Schubstangen (deshalb ISR für Independent Shifting Rod) werden in diesem Fall wie von Geisterhand und schnellstmöglich sortiert.

Kunden wollen gewalttätiges Schaltgebaren

Dass Pilotin und Beifahrer dabei wiederholt laut auflachen müssen, liegt freilich weniger an der fraglos überaus unterhaltsamen V12-Fanfare, die dem mächtigen Sechskantrohr am Heck entweicht, als vielmehr an der wahrlich ungezügelten Vehemenz, mit der die Schaltvorgänge vorgetragen werden. Im Corsa-Modus (nur in diesem funktioniert die Launch Control) schießt der Lamborghini Aventador LP 700-4 im Test die Gänge ein, dass es für die Köpfe der Insassen kein Halten mehr gibt. Laut Lamborghini ist das fast schon gewalttätige Schaltgebaren durchaus gewollt. „Unsere Kunden verlangen danach“, lässt die Presseabteilung vernehmen. Wohl möglich.

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700-PS-Stier kann sich gesittet betragen

Für alle Teilzeit-Lamborghini Aventador-Fahrer muten die im wahrsten Sinne des Wortes erschütternden, dafür aber auch binnen 50 Millisekunden erledigten Schaltschläge bei voll durchgetretenem Gaspedal indes durchaus irritierend an. Da hilft dann halt nur lautstarke Erheiterung. Oder - sofern Bestwerte im Sprint gerade nicht das Thema sind - die Mithilfe des Gasfußes. Tatsächlich kann sich der 700-PS-Stier aus Sant‘Agata Bolognese nämlich auch im Corsa-Modus höchst gesittet betragen. Wer das rechte Pedal während des Zugs an der rechten, dem Hochschalten dienenden Schaltwippe, leicht lupft, wird mit immer noch überaus zügigen, zugleich aber deutlich verschliffeneren Gangwechseln belohnt. Ein Vorgehen, das auf schnell absolvierten Autobahnetappen durchaus zu empfehlen ist, wenn nicht eine der beiden generell moderateren manuellen Modi namens Sport oder Corsa bemüht werden sollen.

Das Strada-Programm im Lamborghini Aventador LP 700-4 ist eher Komfort-orientiert, der Sport-Modus einen Tick dynamischer ausgelegt. Beide Fahrprogramme unterstützen darüber hinaus auch die automatische Gangwahl, wodurch Aventador-Piloten aus insgesamt fünf verschiedenen Fahrprogrammen wählen können. Die Sensibilität des an Bord befindlichen ESP ist dreistufig ausgelegt. Gänzlich inaktiv ist der elektronische Rettungsanker lediglich im Corsa-Modus, in dem auch die im Test überaus beeindruckende Rundenzeit auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim herausgefahren wurde. Obwohl mit 1792 Kilogramm aller bemühten Hightech-Maßnahmen zum Trotz (Kohlefaser-Monocoque mit hoch steifen Alu-Hilfsrahmen: 229,5 kg, kompakter 60-Grad-V12: 235 kg) streng genommen nicht über die Maßen leicht geraten, pfeilt der italienische Mittelmotorsportler über den badischen Asphalt, dass einem Hören und Sehen vergeht.

Schnellster Allradler auf dem Hockenheimring

Mit 1.08,6 Minuten sichert sich der mit 4,78 Meter Länge, 2,26 Meter Breite inklusive Außenspiegeln und 1,14 Meter Höhe auch äußerlich in jeder Beziehung die Extreme bemühende Lamborghini Aventador LP 700-4 auf Anhieb einen Podiumsplatz in der ewigen sport auto-Bestenliste. Schneller waren hier bislang nur der Gumpert Apollo und der Porsche 911 GT2 RS. Den Titel „schnellster Allradler im Test“ hat sich der Italiener mit seinem überzeugenden, weil auch im hoch angesiedelten Grenzbereich gänzlich unkritischen Auftritt ohnehin verdient. Während die deutlich leichtere Konkurrenz ihre Kraft lediglich mittels der Hinterräder zu Boden brachte bemüht der Lamborghini Aventador LP 700-4 zum gleichen Zweck alle Viere. Eine elektronisch gesteuerte Haldex-Kupplung verteilt das Antriebsmoment voll automatisch und bedarfsgerecht zwischen Vorderund Hinterachse. Zwischen null und 60 Prozent des bei 5.500 Kurbelwellenrotationen bis zu 690 Newtonmeter betragenden maximalen Drehmoments können an die Vorderachse gehen.

Für die optimale Kraftverteilung zwischen den Rädern einer Achse zeichnen ein selbstsperrendes Differenzial an der Hinterachse und eine vom ESP gesteuerte elektronische Differenzialsperre vorn verantwortlich. Der Fahrer selbst bekommt von den Momentenverschiebungen erfreulich wenig mit, was für die Regelgüte spricht. Er registriert bloß, dass der PS-Protz sich bei der lustvollen Zeitenhatz im Test sehr viel umgänglicher gibt, als der extrovertierte Auftritt mit der extremen Keilform vermuten lässt. Nur wenn der Spieltrieb einmal allzu sehr die Oberhand gewinnt und weite Kurven in der Folge etwas gar zu rasant angegangen werden, greift das Gesetz der Masse. Ansonsten ist der Lamborghini Aventador LP 700-4 in hohem Maße und nahezu bedingungslos der Neutralität verpflichtet. Der ehedem bei Fahrzeugen dieser Konfiguration und Leistungsklasse zuweilen zu verzeichnende Wechsel zwischen Einlenk-Untersteuern und Power-Oversteering ist beim neuen Lambo zu keiner Zeit ein Thema.

V12-Keil klebt auf dem Asphalt

Dank der optional bestellbaren Pirelli P Zero Corsa-Pneus im Maximal-Format 255/35 ZR 19 vorn und 335/30 ZR 20 hinten, klebt der V12-Keil gleichsam auf dem Asphalt. Die in der Sachskurve ermittelte maximale Querbeschleunigung des Lamborghini Aventador LP 700-4 im Test liegt folgerichtig bei 1,35 g. Das Einzige, woran all jene, die nicht täglich mit 700 Saugmotor-Pferden derart tief gelegt durch die Lande galoppieren, sich ein wenig gewöhnen müssen, ist der Umstand, dass die Karosserie mit den nach oben öffnenden Scherentüren so gut wie keine Seitenneigung aufweist.

Das ausgesprochen straff ausgelegte, gemäß dem aus dem Rennsport bekannten Pushrod-Prinzip mit innenliegend an der Karosserie befestigten, waagerechten Feder-/Dämpfer-Elementen versehene Fahrwerk erschwert das intuitive Gespür für den Grenzbereich. Im Gegenzug ist aber auch das Handling an Präzision kaum zu übertreffen: Der Lamborghini Aventador LP 700-4 lenkt messerscharf ein, ist unter Last durch nichts aus der Ruhe zu bringen und erlaubt dank seiner bissig zupackenden Keramik-Bremsanlage weit nach hinten verschobene Bremspunkte. All das macht ebenso schnell wie die ergonomisch perfekt geratene Ausgestaltung des Fahrer-Arbeitsplatzes und das beeindruckende Temperament des 6,5-Liter-Kurzhubers vor der Hinterachse.

Der hoch drehende und hoch verdichtete Zwölfzylinder-Saugmotor im Testwagen mit 700 PS und 690 Newtonmeter maximalem Drehmoment wurde in Norditalien von Grund auf neu erdacht. Er verfügt über eine Trockensumpfschmierung (acht Spülpumpen saugen das Öl aus der unteren, mit dem Kurbelgehäuse verschraubten Bedplate, eine Hochdruck-Ölpumpe hält die Schmierung in Gang), die unter anderem eine extrem niedrige Einbaulage des Motors und einen ebensolchen Fahrzeugschwerpunkt garantiert. Die Kolben und Pleuel sind aus geschmiedetem Stahl gefertigt, die Kurbelwelle wurde durch Nitrieren gehärtet. Leistungslöcher gibt es keine. Der Lamborghini Aventador LP 700-4 ist vom Stand weg auf Touren, wie sowohl die Werte der Elastizitäts- als auch jene der eingangs bereits zitierten Beschleunigungsprüfung im Test beweisen.

Klangspektrum auf dem Niveau italienischer Star-Tenöre

Doch so atemberaubend diese auch immer sein mögen - zu wahrer Größe läuft der starke Italiener in zwei anderen Disziplinen auf. Die eine, in Zahlen nüchtern messbare, ist die Bremsprüfung. Mit einer mittleren Verzögerung im Test von 12,1 m/s² warm und einem damit einhergehenden Bremsweg von knappen 31,9 Meter aus 100 km/h setzt der Lamborghini Aventador LP 700-4 in seiner Gewichtsklasse Zeichen. Die zweite Paradedisziplin des Aventador ist dagegen zur Gänze emotional, um nicht zu sagen orchestral: Vielschichtiger als das Klangspektrum dieses an eine klappengesteuerte Drei-in-Eins-Anlage gekoppelten Saugmotors fällt das Repertoire italienischer Star-Tenöre auch nicht aus.

Autor

Foto

Rossen Gagolov

Datum

30. Mai 2012
Dieser Artikel stammt aus Heft sport auto 01/2012.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
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